• vom 27.02.2017, 21:00 Uhr

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Sachbuchkritik

Ein Kontinuum der Gewalt




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  • Robert Gerwarth untersucht die Konflikte, die nach Ende des Ersten Weltkriegs ausbrachen.

Der Hafen von Smyrna auf einer alten Postkarte aus dem Jahr 1910. Die Gräuel, die türkische Truppen 1922 an der christlichen Bevölkerung anrichteten, nannte der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill eine "Höllenorgie".

Der Hafen von Smyrna auf einer alten Postkarte aus dem Jahr 1910. Die Gräuel, die türkische Truppen 1922 an der christlichen Bevölkerung anrichteten, nannte der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill eine "Höllenorgie".© wikimedia Der Hafen von Smyrna auf einer alten Postkarte aus dem Jahr 1910. Die Gräuel, die türkische Truppen 1922 an der christlichen Bevölkerung anrichteten, nannte der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill eine "Höllenorgie".© wikimedia

(WT) Als der Pulverschmauch des Ersten Weltkrieges sich allmählich verzog, war nichts mehr in Europa, wie es vorher gewesen war. Die multi-ethnischen Reiche der Habsburger, der Romanows, der Hohenzollern sowie der Osmanen waren untergegangen, aus deren Erbmassen rasch neue brutal geführte Auseinandersetzungen "um alles oder nichts" entbrannten. Von Russland, der Ukraine und den Staaten Osteuropas, von Deutschland und Österreich bis zum Balkan und in den Mittleren Osten wurde um das Erbe der zerbrochenen Imperien erbittert gekämpft und für neue Ordnungen getötet.

Die entsetzlichen Gräuel, die an den griechischen-christlichen Bewohnern etwa Smyrnas (heute Izmir) 1922 nach der Eroberung der Stadt durch die türkisch-kemalistischen Truppen verübt wurden, und die vorausgegangenen Massaker an den muslimischen Türken belegen eindrücklich, dass auf den Ersten Weltkrieg nicht umgehend eine Zeit des Friedens folgte.

Information

Sachbuch
Die Besiegten - Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs
Robert Gerwarth, Verlag Siedler 2017, 480 Seiten, 30,90 Euro

Ein Menschheitsverbrechen ohne Parallelen

Der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill nannte die Zerstörung Smyrnas eine "Höllenorgie", die "in der Geschichte der Menschheitsverbrechen kaum Parallelen kennt". Doch so einzigartig, wie Churchill damals behauptete, waren die Massaker keineswegs. In den häufig irreführend als Teil der "Zwischenkriegszeit" bezeichneten Jahren von 1918 bis 1923 waren erschütternde Gewaltorgien wie jene in Westanatolien keine Seltenheit.

Eine sogenannte "Zwischenkriegszeit", die mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918 begann und mit dem Angriff Hitler-Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 endete, habe es in Europa nur in sehr wenigen Staaten gegeben. Zu diesem Schluss kommt der deutsche Historiker Robert Gerwarth in seinem tiefschürfenden Buch. Diese Periodisierung sei nur sinnvoll für die primären Siegerstaaten des Ersten Weltkrieges gewesen, also für Großbritannien (sieht man vom irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 ab) und für Frankreich. In diesen Ländern begann mit dem Ende der Kämpfe an der Westfront tatsächlich die Nachkriegszeit. Für all jene aber, die in Riga, Kiew, Smyrna und anderen Orten Ost-, Mittel- und Südosteuropas lebten, brachten die Jahre 1918/19 keinen Frieden, sondern ein "Kontinuum der Gewalt", so der Autor.

Streitkräfte unterschiedlicher Größe und politischer Ausrichtung prallten an vielen Stellen aufeinander, neue Regierungen kamen und gingen, und fast immer "floss dabei viel Blut".

Allein zwischen 1917 und 1920 fanden in Europa nicht weniger als 27 gewaltsame Regimewechsel statt, oftmals begleitet von schwelenden oder offenen Bürgerkriegen. Besonders dramatisch war die Lage in Russland, wo Lenins bolschewistischer Putsch von 1917 in einen Bürgerkrieg von historisch nie dagewesenen Ausmaßen mündete, der über drei Millionen Menschen das Leben kostete, hält der Autor fest.

Große Katastrophe und chaotischer Frieden

Obgleich Griechenland und Italien im Herbst 1918 zu den Siegern zählten, sollten auch sie bald das Schicksal der Verlierer teilen.

Für Athen war es der Griechisch-Türkische Krieg, der den Sieg von 1918 in die "Große Katastrophe" von 1922/23 verwandelte, während viele Italiener angesichts der Pariser Friedensverhandlungen von 1919 den Eindruck gewannen, für den teuer erkämpften Sieg an der Alpenfront nicht gebührend belohnt worden zu sein.

Europas "gewaltsamer Übergang" vom Ersten Weltkrieg zum chaotischen "Frieden" der 1920er Jahre steht im Fokus dieses packenden Buches. Wirtschaftskrise und vielerorts angestachelter nationalistischer Hass pflasterten letztlich den Weg in den Zweiten Weltkrieg.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-27 16:39:05
Letzte ─nderung am 2017-02-27 16:40:49



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