• vom 28.02.2017, 16:21 Uhr

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Update: 28.02.2017, 16:51 Uhr

Interview

Renaissance des Heimatgefühls




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Von Julia Wagner

  • Autor Daniel Schreiber denkt in "Zuhause" über neue Sehnsüchte nach und warum Heimat damit wenig zu tun hat.

"Heimat ist nie ein realer Ort, eher ein irrealer Sehnsuchtsort", sagt Daniel Schreiber.

"Heimat ist nie ein realer Ort, eher ein irrealer Sehnsuchtsort", sagt Daniel Schreiber.© Amy Patton "Heimat ist nie ein realer Ort, eher ein irrealer Sehnsuchtsort", sagt Daniel Schreiber.© Amy Patton

"Wiener Zeitung":Immer weniger junge Menschen leben an dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind, ziehen für Jobs oder Partnerschaften in andere Städte. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie kompliziert die Beziehung zu dem, was wir als Zuhause bezeichnen, geworden ist.

Daniel Schreiber: Sind wir die Generation Wurzellos? Ich glaube, dass Entwurzelung derzeit ein Riesenthema ist, das uns in allen Facetten begegnet, einige davon sind schön, andere sind bedrohlich. Es ist ein kollektives Gefühl, das zu wenig Beachtung findet, auch weil es so schnell instrumentalisiert werden kann, was wir politisch gerade erleben.

Information

Zum Autor

Daniel Schreiber, 39,

ist Journalist und Autor und lebt in Berlin. Seine Susan-Sontag-Biografie "Geist und Glamour" (2007) wurde in mehrere Sprachen übersetzt, mit seinem biografischen Essay "Nüchtern" landete er 2014 einen Bestseller.

Sie vergleichen die lose Beziehung zu unserem Zuhause mit der Art, wie heute viele von uns Beziehungen leben, nämlich ohne jede Verbindlichkeit.

Ich habe das selbst erlebt und bei vielen meiner Freunden, dass man so ein provisorisches Leben führt, mit dem Gefühl, das richtige Leben fängt erst später an. Das gibt einem eine gewisse Freiheit, dass man nicht so ganz 100 Prozent Ernst machen muss, weil das richtige Leben fängt ja sowieso erst nächstes Jahr an oder an einem anderen Ort. Die Kehrseite ist, dass man vor bestimmten Sachen einfach wegläuft, sich den Konflikten aber irgendwann stellen muss.

Mit welchen Konflikten haben Sie sich selbst auseinandergesetzt?

Im Buch berichte ich über meine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern, einem kleinen Dorf mit 200 Einwohnern. Ich war ein femininer Junge, dem man ansah, dass er mal schwul werden würde. Das war ein unfassbares Problem für die Leute im Dorf. In den 1980er Jahren dachte man in der DDR noch anders übers Schwulsein als heute. Das hat sich unter anderem darin geäußert, dass mich die Kindergartenerzieherin zu allen möglichen ärztlichen Untersuchungen schickte, da wurden etwa die Hormone getestet. Später, in der Grundschule, hatte ich eine Lehrerin, die mich richtiggehend quälte, mich teilweise körperlich bestrafte und aus allen möglichen Aktivitäten ausschloss. Sie forderte andere Kinder auf, mit mir nicht zu reden, weil ich angeblich "nicht normal" sei. Ich schrieb darüber, weil ich glaube, dass viele schwule Männer, lesbische Frauen und Transgender so etwas erleben. Das sind Erfahrungen einer grundsätzlichen Heimatlosigkeit. Das ist etwas, was dich dein ganzes Leben lang beschäftigt.

Sie thematisieren die Renaissance des Begriffs Heimat. Aber wollen wir heute nicht alle eher kosmopolitisch cool sein?

Das Kosmopolitische ist nicht mehr so cool. Sehen Sie sich doch mal Alltagsästhetik an. Cafés in angesagten Bezirken sind voll mit Möbeln aus alten Wohnzimmern, große Küchenchefs verwenden nur mehr Zutaten aus einem Umkreis von 100 Kilometern. Der Begriff Heimat findet sich auf krisenvertreibenden Sprüchen auf Topflappen bis hin zu Café-Namen oder Parteiprogrammen, die sich wieder dieses Wortes bedienen, das jahrzehntelang verpönt war und jetzt wieder frei von Ironie benutzt wird.

Warum ist das so?

Das ist wohl eine Reaktion auf dieses Gefühl der Entwurzelung. Es ist auch historisch immer so, dass besonders dann viel über Heimat gesprochen wurde, wenn diese angebliche Heimat auf irgendeine Art und Weise verloren oder bedroht war.

Verwechseln viele von uns Zuhause mit Heimat?

Ich denke, dass viele Menschen, die heute über Heimat sprechen, eigentlich Zuhause und ein Gefühl der Verwurzelung meinen. Es ist interessant, wenn man sich die Kulturgeschichte dieses Heimatbegriffs ansieht.

Inwiefern?

Erstmals wurde er Ende des 18. Jahrhunderts romantisch besetzt. Damals war es eine Reaktion auf Industrialisierung und Landflucht und auf die europäischen Kriege, die den Kleinstaaten, in denen man damals lebte, immer wieder neue Identitäten aufdrückten. Damals schon beschrieb der Begriff etwas, was verloren war und was es so auch eigentlich nie gegeben hat. Heimat ist nie ein realer Ort, eher ein irrealer Sehnsuchtsort. Ein Zuhause ist hingegen etwas Reales. Hier führen wir Beziehungen, kennen Menschen, haben unserer Wohnung, unsere Arbeit, richten unser Leben aus.

Was bedeutet dann Heimat heute überhaupt noch?

Mir ist bei diesem Gedanken der Philosoph Vilém Flusser wichtig. Er wurde in Prag geboren, als Jude im Zweiten Weltkrieg vertrieben, flüchtete dann nach England und lebte die meiste Zeit seines Lebens ins Brasilien. Er meinte, das wirklich Beständige ist unser Zuhause, was wir uns bauen und an verschiedenen Orten wieder aufbauen können. Das ist unsere Beziehung zu den Orten, an denen wir leben. Heimat ist das viel Unbeständigere, das schneller verloren geht. Denn Grenzen, Nationalitäten oder auch bestimmte Rechte für Frauen, Schwule, Lesben, Transgender ändern sich schneller, als wir glauben wollen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-28 16:27:05
Letzte nderung am 2017-02-28 16:51:48



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