• vom 03.03.2017, 18:00 Uhr

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Update: 03.03.2017, 19:56 Uhr

Sachbuch

Wettrüsten mit Pandas




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Von Christina Böck

  • Den Kalten Krieg in den Tiergärten des geteilten Berlin beschreibt ein neues Buch.

Elefant Kosko in "freier" Wildbahn im Tierpark Berlin.

Elefant Kosko in "freier" Wildbahn im Tierpark Berlin.

Will auch weg: Panda Chi-Chi im DDR-Tierpark.

Will auch weg: Panda Chi-Chi im DDR-Tierpark.© Archiv Tierpark Berlin Will auch weg: Panda Chi-Chi im DDR-Tierpark.© Archiv Tierpark Berlin

Eins muss man den Berlinern lassen. Tiernamen geben, das können sie. Erst kürzlich wieder wurde ein Eisbärbaby kurzerhand Fritz getauft. Auch früher machte man sich liebevolle Gedanken, welcher Name zu Tier und Stadt gleichermaßen passen könnte. Ergebnis ist zum Beispiel Knautschke, ein Nilpferd. Es war eines von wenigen Tieren, die den Bombenangriff, der den Berliner Zoo 1943 verwüstet hat, überlebt haben. Knautschke sollte nach dem Krieg für den Weiterbestand der Flusspferd-"Familie" sorgen. Dass er das durch eine inzestuöse Beziehung mit seiner eigenen Tochter tat, war damals egal. Das besagte Weibchen hieß übrigens: Bulette.

Dass Bulette wiederum überhaupt entstehen konnte, war einer Zusammenarbeit zwischen West und Ost geschuldet. Die wackere Berliner Nachkriegs-Zoodirektorin Katharina Heinroth lud ihrem Nilpferd Damenbesuch (Grete und Olga) aus der DDR, aus dem Leipziger Tierpark ein.

Information

Jan Mohnhaupt: Der Zoo der anderen, C. Hanser Verlag

Aber nicht immer sollte der Kalte Krieg sich in tierischen Angelegenheiten so klaglos unterwandern lassen. Davon erzählt Jan Mohnhaupt in seinem kurzweiligen Buch "Der Zoo der anderen". Es handelt im Wesentlichen von den zwei Berliner Zoos - also "Zoologischer Garten" im Westen und "Tierpark" im Osten. Anfang der 50er Jahre beschließt das Politbüro in Ost-Berlin, durchaus auch von der steigenden Zahl der Flüchtenden und vereinzelten Aufständen "inspiriert", dass man vom Volk nicht nur fordern könne, sondern ihm auch etwas bieten müsse. Deshalb sollte Ost-Berlin seinen eigenen Tierpark, ein Prestigeprojekt für die Staatsführung der DDR, bekommen.

Brillenbären von der Stasi

Gebaut wird er, rund um das Schloss Friedrichsfelde, praktisch auch vom Volk selbst, das in rund 100.000 Arbeitsstunden freiwillig mithilft. Im Sommer 1955 wird er - ziemlich halbfertig - eröffnet. Aber das Wichtigste ist da: Tiere. Sie sind vor allem Spenden von DDR-Betrieben, wie dem "VEB Kälte", der Eisbären stiftet. Und auch die Stasi, genauer das Wachregiment Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit beteiligt sich: mit zwei Brillenbären.

Zwischen den Direktoren der beiden Berliner Zoos entwickelt sich bald eine veritable Rivalität. Wer hat die exotischsten Tiere, wer hat die schönsten Anlagen, wer hat mehr (geldbringenden) Einfluss in der Politik.

Der Ostberliner Tierpark ist mit 90 Hektar zu seiner Zeit der größte der Welt und drei Mal so groß wie der in Westberlin. Sein Direktor Heinrich Dathe kann aber gar nicht so viel anfangen mit der Riesenfläche, weil der Rohstoffmangel alle Bauprojekte torpediert. Die Raubkatzen logieren in einem alten Eisenbahnwaggon und auch die Elefanten haben zu wenige Unterkünfte. Das zwei Jahre alte Weibchen Kosko lebt deshalb frei am Tierparkgelände, zur Freude der jungen Besucher, die mit ihr um die Wette rennen.

Dafür trifft Dathe mitunter die publikumswirksameren Entscheidungen als sein Konkurrent in West-Berlin, Heinz-Georg Klös. Der entscheidet sich dagegen, als ihm 1958 die Stippvisite eines damals spektakulären Tieres angeboten wird. Dathe greift zu und hat mit der Pandabärin Chi-Chi sensationelle Besucherzahlen zu verbuchen.

Ein Buhlen um die Gäste - der großzügig angelegte Ost-Tierpark macht dem immer noch an Kriegsschäden laborierenden West-Zoo allein im ersten Jahr 85.000 Besucher abspenstig - ist freilich nur bis 13. August 1961 notwendig, ab dann verhindert bekanntlich die Mauer das grenzüberschreitende Tierflanieren.

Die Politik lässt sich zunehmend nicht aus dem animalischen Geschehen ausklammern. Schon gar nicht, wenn man einen Weißkopfadler, den Robert Kennedy dem Zoo verehrt, unüberlegt mit dem Namen Willy Brandt bedenkt. Der Adler ist nämlich nicht mehr ganz taufrisch und das schenkt dankbaren DDR-Zeitungen Schlagzeilen wie "Willy Brandt lendenlahm hinter Gittern".

Flucht mit Elchkuh

Jan Mohnhaupt flicht in sein lesenswertes Buch neben den tierischen Anekdoten und der Beschreibung heute unvorstellbarer Tierhandels-Praktiken aber auch mühelos die Schattenseiten der Berliner Teilung ein. Und erzählt von Tierpflegern, die ihre Flucht aus der DDR in einer Tiertransport-Kiste geschafft haben. Aug in Aug mit einer Elchkuh. Man erfährt von einer Einigung zwischen den Berliner Zoos, nach der der Westberliner keine geflüchteten Tierpfleger anstellte - um nicht noch mehr zur Flucht anzuregen. Mohnhaupt erzählt auch von den Sorgen der Tierparkmitarbeiter nach dem Fall der Mauer - nach der Zwangspensionierung Heinrich Dathes, die viele Ex-DDR-Bürger aufgebracht hat, mussten Tierpfleger um ihren Job und ihre Zukunft fürchten. Konnte und sollte sich die vereinte Stadt denn zwei Zoos leisten?

Sie tut es. In Kürze wird das Eisbärbaby Fritz im ehemaligen Ost-Tierpark auch für die Besucher zu sehen sein. Gut, dass die Zoos mittlerweile von einem einzigen Direktor geleitet werden, sonst müssten die Eisbären im Westen wahrscheinlich Paarungsüberstunden machen.

Ein letzter Rest von Kommunismus ist übrigens noch im ehemaligen DDR-Tierpark übergeblieben. Dort lebt immer noch ein China-Alligator, der schon 1957 nach Berlin gekommen ist. Sein Name ist Mao.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-03 16:45:13
Letzte nderung am 2017-03-03 19:56:19



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