• vom 11.03.2017, 13:00 Uhr

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Update: 12.03.2017, 13:01 Uhr

Literatur

Die Kunst, keine Rolle zu spielen




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Von Gerald Schmickl und Franz Zauner

  • So wie der Mensch, so ist auch sein Werk multipel: Am 15. März wird der Wiener Schriftsteller Franz Schuh 70 Jahre alt.



In seinem Werk kommt ein beneidenswerter Bildungsfundus unprätentiös zur Sprache: Franz Schuh.

In seinem Werk kommt ein beneidenswerter Bildungsfundus unprätentiös zur Sprache: Franz Schuh.© H. Wimmer/Zsolnay In seinem Werk kommt ein beneidenswerter Bildungsfundus unprätentiös zur Sprache: Franz Schuh.© H. Wimmer/Zsolnay

Fast wäre er unser Theaterkritiker geworden. Immerhin lag es nicht an der "Wiener Zeitung". "Es lag am Wiener Theater", erzählte uns Franz Schuh in einem Interview: "Ich saß im Zuschauerraum und schaute mir an, was die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Danach war mir elendiglich zumute und ich dachte, was immer mir die Arbeit als Theaterkritiker zur Bewältigung der Misere im Daseinskampf gebracht hätte, ich könnte über das, was ich da gesehen habe, niemals schreiben. Und so bin ich wieder einmal verstummt und zurückgetreten." Und so, wie es da steht, hat er es auch gesagt. Man hat nie viel Arbeit mit Schuh-Interviews, man muss sie eigentlich nur abtippen.

Hegel und Kant

Mit dem Theaterspielen hat’s auch nicht geklappt. Er war für eine Rolle im Volkstheater vorgesehen, für den "Spund" in Nestroys "Talisman". Wahrscheinlich, wie Schuh selbst mutmaßt, waren seine körperlichen Qualitäten für die Rollenwahl Ausschlag gebend: "Der Spund ist dick und ich bin dick. Einmal möchte ich nicht wegen meiner Dicke, sondern aufgrund meiner spirituellen Ausstrahlung engagiert werden!"

Das Dicksein nützte dann aber auch nichts, oder zu wenig, es standen andere Hindernisse im Wege, die den Regisseur, Michael Schottenberg, dazu bewogen, das Experiment abzubrechen: "Herr Schuh, Sie sind kein Schauspieler, mit Ihnen muss ich mehr proben, nicht weniger." So kam es, schreibt Franz Schuh rückblickend, "dass ich am Versuch, in Wien eine Rolle zu spielen, wieder einmal gescheitert bin."



Information

Franz Schuh
Fortuna
Aus dem Magazin des Glücks. Zsolnay Verlag, Wien 2017, 254 Seiten, 22,70 Euro.

Das neue Buch wird am 21. März im Kasino-Burgtheater (Schwarzenbergplatz 1, 1010 Wien) präsentiert (Moderation: Armin Thurnher), und am 23. März in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien, Moderation: Alfred J. Noll).

Glaubt man seinen sonstigen Selbstzeugnissen, dann wollte Franz Schuh aber sowieso nie mehr sein als druckreif. Und doch ist er so vieles geworden: Ein studierter Philosoph, der über Hegel promovierte, Verlagslektor, Redakteur, Satiriker, Essayist und Journalist - und als solcher der wahrscheinlich scharfsinnigste Nestbeschmutzer seit Karl Kraus; außerdem Universitätslehrer, Sprechsteller, Radiomann. Ein bekennender Fernseher, den das "Nullmedium" nicht einschläfert, sondern inspiriert. Und manchmal kommt er darin auch vor, eher spätnachts, früher in anarchischen Sendungen wie "Tohuwabohu", heute in gediegeneren Formaten wie "kreuz & quer".

So wie der Mensch, so ist auch sein Werk multipel: Komplexe Abhandlungen finden sich neben
koanhaften Ein-Satz-Sagern, Romane neben Aufsätzen, Vorträge neben Interviews, die er sowohl gab als auch abnahm. Alle Gattungen der Publizistik - Prosa, Essay, Glosse, Gedicht - münden bei ihm in einen einzigen, aus vielen Quellen gespeisten Gedankenstrom, der ausschließlich aus Nuancen besteht, wie auch sein jüngster Band, "Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks", schön zeigt.

Darin umkreist Schuh gewohnt variationsreich die Frage nach dem Glück - und landet rasch bei Immanuel Kant, an dem ihn vor allem interessiert, warum der Philosoph "bei der Glücksfrage so wenig seine definitorische Formulierungskraft einsetzt". Schuh vermutet, dass es die forcierte Pflichtethik war, die Kant auf Distanz zu etwas so wenig geistig Fassbarem wie dem Glück hielt: "Kant hatte einen Horror vor dem, was unter Menschen passiert, deren Handeln nicht auf Vernunft gegründet ist. (. . .) Lieber streng und preußisch, auf keinen Fall ein Genussmensch sein, dessen Horizont von Wohlfühlen oder Nicht-Wohlfühlen bestimmt ist."

Vorbild Oliver Hardy

Schuh selbst, der mit der Vernunft ein zwar ebenfalls enges, aber frivoleres Verhältnis unterhält als Immanuel Kant, bekennt sich zum Genüsslichen: "Ich bin für das Übermaß geschaffen, weil ich, wie mein Vorbild Oliver Hardy, sowohl ein Gourmet bin als auch ein Gourmand, also sowohl ein Feinspitz als auch ein Vielfraß." Daher mag er sich auch nicht von der alten, mittlerweile in neuen moralischen Gewändern auftretenden Tugendlehre der "goldenen Mitte" einschränken oder bevormunden lassen: "In der Lust bringt der Mittelweg nichts. Zumindest kann man so denken, wenn man auf den Exzess nicht verzichten will. Ja, für jeden Exzess muss man vielleicht büßen, aber lieber büßen, als durch die soziale Kontrolle ersticken, mit der die Apostel des Bewegung-Machens-und-Abnehmens uns ungesund-hungrige Leute in den Würgegriff nehmen wollen."

Für soziale Kontrollen und daraus hervorgehende Würgegriff-Techniken ist Schuh früh sensibilisiert worden. Aufgewachsen als "sprachloser Ansprechpartner der Autorität" in rosa Aufbruchsstimmung im grauen Gemeindebau, hat er sich im Wechselspiel mit der österreichischen Realität zum Schriftsteller, Redner, Kulturkritiker, ja Paradeintellektuellen geschliffen. In allen Rollen hoch geachtet und geehrt, ist Franz Schuhs solitäre Position unter den Schreibkräften des Landes aber höchst unösterreichisch geblieben. Er hat sich nirgendwo ordentlich eingemeindet, von jedem institutionellen Ausflug ist er in eine freie Bahn zurückgekehrt, in deren publizistischer Leuchtspur das "Gegenglück des Geistes" (Gottfried Benn, zitiert nach Franz Schuh) sichtbar wird, die allerdings "keine Versöhnung mit dem Konto" zulässt.


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Dokument erstellt am 2017-03-10 13:20:08
Letzte ńnderung am 2017-03-12 13:01:23



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