• vom 11.03.2017, 14:30 Uhr

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Viele Fakten suchen einen Roman




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Von Edwin Baumgartner

  • Der britische Schriftsteller Julian Barnes scheitert an der künstlerischen Gestaltung des Lebens von Dmitri Schostakowitsch.



Ironischer Parteikomponist: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975).

Ironischer Parteikomponist: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975).© Heritage Images/ Fine Art Images Ironischer Parteikomponist: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975).© Heritage Images/ Fine Art Images

An einer Stelle beschreibt Julian Barnes Tichon Chrennikow: Er sei mittelmäßig begabt, aber ein "Komponist mit der Seele eines Parteisoldaten". Worauf Chrennikow weitere gnadenlose Verurteilungen seines Charakters und seiner Kunst erfährt. Das kann ein Autor machen, doch der Leser will wissen, ob hier Julian Barnes spricht oder seine Hauptfigur, der Komponist Dmitri Schostakowitsch. Das ist die Crux des gesamten Romans "Der Lärm der Zeit", wenngleich nicht sein einziger Fehler.

Information

Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
Roman. Übersetzt von Getraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 244 Seiten, 20,60 Euro.

Das Feuilleton preist fast ausnahmslos den neuen Barnes als weiteres Meisterwerk des 1946 geborenen Engländers und referiert mit Begeisterung seinen Inhalt: Barnes sei es gelungen, die Angst Schostakowitschs in der stalinistischen Diktatur zu zeigen und den Verrat, den er an sich selbst begeht, indem er sich mit den Machthabern arrangiert. Fabelhaft sei es, wie Schostakowitsch mit gepacktem Koffer in zunehmender Nervosität warte, von den Schergen des Regimes geholt zu werden, wie immer mehr Menschen um ihn herum verschwänden, nur er selbst überlebe, bis er schließlich, genügend gebrochen, kapituliere um den Preis des Ekels vor sich selbst.



Nacherzählung

Um die grundlegende Frage freilich drücken sich nahezu alle Kritiken: Wozu bedarf es eines Schostakowitsch-Romans, der das Leben des sowjetischen Komponisten referiert, statt es literarisch zu gestalten?

Barnes wertet eine Menge biografisches Material über Schostakowitsch aus - seine Quellen legt er in der "Anmerkung des Autors" sauber dar. Im Wesentlichen unternimmt Barnes eine Literarisierung der "Zeugenaussage": Ein in die USA emigrierter sowjetischer Musikwissenschafter veröffentlichte das Buch 1979 und definierte es im Untertitel als "Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch, herausgegeben und aufgezeichnet von Solomon Wolkow".

Im Prinzip handelt es sich um Aufzeichnungen langer Gespräche Wolkows mit Schostakowitsch. Allerdings wird seither eine Auseinandersetzung geführt, inwiefern diese Gespräche authentisch sind. Den 1975 verstorbenen Komponisten konnte man nicht mehr fragen.

Wolkows Buch prägte das neue Schostakowitsch-Bild: Er war nicht mehr der treue Parteikomponist, der die KPdSU mit jubelnden Dur-Finali, heroischer Trauer und staatstragendem Optimismus versorgte, sondern der angstschlotternde, hypernervöse Individualist, der die von der Partei geforderte Musik gleichsam unter ironische Anführungszeichen setzte und Subtexte einbaute. Damit rettete Wolkow in Zeiten des Kalten Krieges Schostakowitsch für den Westen: Zeitgenössische Musik und Publikum waren im Werk Schostakowitschs ohnedies miteinander versöhnt. Jetzt brauchte man nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen zu haben, dass man die Verkleidung der kommunistischen Propagandamaschinerie als Marsch, Scherzofröhlichkeit und Streicherernst bejubelte, denn im Grunde meinte Schostakowitschs Blechbläseroptimismus das ge-
naue Gegenteil von Blechbläseroptimismus, was den triumphalen Dur-Finali freilich nicht die applausfördernde Wirkung raubte.

Nun kann es aber nicht die Aufgabe eines Kunstwerks sein, biografische Fakten nachzuerzählen. Die Aufgabe des Künstlers ist nicht die Abbildung des Lebens, sondern dessen Interpretation. Es ist im Rahmen eines Kunstwerks sogar völlig unerheblich, ob die Fakten stimmen. Das Kunstwerk schafft seine eigene Historizität, und das selbst dann, wenn es um geschichtliche Personen geht: So kann Friedrich Schillers Jeanne d’Arc auf dem Schlachtfeld sterben. Ebenso taugen William Shakespeares Königsdramen wenig als Faktensammlung zur britischen Geschichte. Was zählt, ist Schillers Blick auf Jeanne und Shakespeares Sicht auf Richard III. Die Fakten seien den Historikern überlassen, bei ihnen sind sie besser aufgehoben.

Wie wenig der Roman als Informationsquelle taugt, zeigt "Der Lärm der Zeit", wenn der Regisseur Sergej Eisenstein unversehens zum Dirigenten einer Aufführung von Richard Wagners "Walküre" mutiert. Wahrscheinlich hat die sonst fabelhafte Übersetzerin Gertraude Krueger "director" und "conductor" verwechselt (sie wäre nicht die erste). In einem Roman wäre der faktische Fehler normalerweise vernachlässigbar, hier stört er.

Zumal Barnes etwas Unverständliches unternimmt: Er schreibt das Buch in der dritten Person. Statt sich der Subjektivität zu bedienen und die Freiheit des Umgangs mit dem Material zu nützen, behandelt er seine Hauptfigur wie ein Kameramann, der an die Hauptperson einmal näher, ein anderes Mal in größerer Distanz herangeht, auf sie aber immer, auch bei Großaufnahme, einen Blick wirft, ohne ihre Rolle zu übernehmen. Damit ist Barnes objektiver als die in der Ich-Form gehaltene "Zeugenaussage", folgt diesem völlig subjektiven Material indessen, ohne es zu hinterfragen.

Dementsprechend ist das Verhältnis von Schostakowitsch zu den kommunistischen Machthabern der zentrale Inhalt. Es geht fast ausschließlich darum. Jedes andere Thema haut Barnes über diesen einen Leisten. Die Liebesgeschichten haben keine Zärtlichkeit, von Erotik oder Sex gar nicht zu reden, die Reaktionen Schostakowitschs auf Erfolge sind ausgeblendet. Schostakowitschs Gegenspieler ist eine üble Figur mittels Behauptung, nicht durch Gestaltung. Doch für einen Roman darf es nicht genügen, Chrennikow zum Schurken zu erklären, weil er in der Sekundärliteratur zum Schurken erklärt wurde.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-10 13:27:08
Letzte ─nderung am 2017-03-10 14:03:58



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