• vom 11.03.2017, 17:00 Uhr

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Literatur

Liebeserklärung und Abgesang




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Gerhard Stadelmaiers autobiografisch gefärbtes Romandebüt "Umbruch".



Der Theaterregisseur Peter Zadek soll einmal gesagt haben: "Eine Premiere ohne Stadelmaier ist keine Premiere". Wie es und er so weit kommen konnten, davon erzählt Gerhard Stadelmaier in seinem autobiografisch gefärbten ersten Roman mit dem eindeutig zweideutigen Titel "Umbruch". Der verweist nicht nur auf den sogenannten Umbruch der Zeitungsseiten in ein Layout, sondern auf all die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die das Leben Stadelmaiers eskortierten.

Information

Gerhard Stadelmaier
Umbruch
Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2016, 221 Seiten, 22,70 Euro.

Er selbst wie wohl auch der junge Mann in seinem Roman ist Jahrgang 1950, und sein Buch auch ein wehmütiger Blick zurück auf eine Zeit, die unwiederbringlich vorbei ist: im Theater, in den Redaktionen, auf den Straßen, in den Wohnküchen, in Deutschland und anderswo. Diese Welt, wie sie war, samt all ihren Fallstricken und Lustigkeiten noch einmal aufleben zu lassen, das gelingt dem Roman fabelhaft. Dabei blickt Stadelmaier auf sein Land wie auf eine Bühne. Zuweilen verplaudert sich der Autor zwar ein bisschen, beweist aber doch immer wieder ein Gespür für komische Szenen, selbst wenn sie ihm manchmal ins possierlich Biedere rutschen mögen.

Von 1989 bis 2015 fungierte Gerhard Stadelmaier als zuständiger Redakteur für Theater und Theaterkritik bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die in seinem Roman nur als die "große Staatszeitung" firmiert. Da konnte es passieren, dass er ganze Inszenierungen auf der Aufmacherseite des Feuilletons in Meldungskürze abkanzelte und frech behauptete, der Name des Regisseurs tue nichts zur Sache. Das ist natürlich eine kalkulierte Unverschämtheit, die man sich erst einmal leisten können und dürfen muss. Gerhard Stadelmaier wollte es sich leisten. Die schnell vernichtende Kurzkritik gehörte neben seiner Vorliebe für waghalsige Wortzusammensetzungen zu seinen Markenzeichen.

In seinem Roman nun blickt er zurück auf die Anfänge und den Weg vom freiem Mitarbeiter über den Volontär bis hin zum Großkritiker, von der Lokal- über die Landes- bis hin zur "Staatszeitung". Ganz nebenbei strickt er auch an der eigenen Legendenbildung, etwa wenn er die Geburtsstunde des jungen Mannes als Theaterkritiker auf den anekdotischen Punkt bringt. Namen nennt er zwar keine in seinem Schlüsselroman, aber er macht sich auch keine Mühe, Identitäten zu verschleiern: Persönlichkeiten wie Claus Peymann oder Frank Schirrmacher lassen sich nicht nur von eingeweihten Lesern mühelos entschlüsseln.

Mit Letzterem und dessen Alleinherrscher-Allüren rechnet der Roman ebenso ab wie mit dem Wandel des Feuilletons zu einer Art Gemischtwarenladen, in dem auf einmal alles Platz zu finden schien. In diesen Passagen meint man eine Kränkung zu spüren, die auch mit der schwindenden Bedeutung der einstigen Großkritiker zu tun haben mag.

Stadelmaier spiegelt die großen politischen Umbrüche, egal ob Deutscher Herbst oder Maueröffnung, in den zeitungsinternen Abläufen, im Theater und im Leben selbst. Wie nicht anders zu erwarten, liest sich das ebenso unterhaltsam wie aufschlussreich. Dabei erweist sich dieser Roman als Liebeserklärung und Abgesang zugleich.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-10 13:33:05
Letzte nderung am 2017-03-10 14:01:15



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