• vom 14.03.2017, 20:00 Uhr

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Update: 15.03.2017, 13:05 Uhr

Historischer Krimi

Der Rest ist Krimi




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Von Edwin Baumgartner

  • Das Schicksal des letzten Zaren als Spannungsliteratur - und die Frage, ob der historische Krimi historisch falsch sein darf.

: Irma Tulek

: Irma Tulek

Am gleichen Tag feiert man den Triumph der einen Dynastie, und die andere fällt. Rund 200 Jahre machen den Unterschied. Die Geschichte betätigt sich als Possenspielerin in eigener Sache. Am 15. März 2017 eröffnet die große Maria-Theresia-Ausstellung in Wien und Niederösterreich: Die Stammmutter des Hauses Habsburg-Lothringen wird als nationale Jahresregentin inszeniert. Doch just an diesem Tag vor genau 100 Jahren dankt Nikolaus II., der letzte Zar Russlands ab. Wer kümmert sich darum? Rein weltgeschichtlich betrachtet: Wäre die russische Sache nicht wenn schon nicht eher, so zumindest auch der Erwähnung wert?

Auf den Zaren gekommen
Was Krimi- und Thrillerautoren betrifft, ist die Entscheidung zugunsten der letzten Züge Russlands und der ersten der Sowjetunion gefallen. Die paar Monate dazwischen, in denen sich zaghaft die Demokratie zeigte, ehe sie im Oktober hinweggefegt wurde - die seien den Historikern überlassen, die können schließlich auch recht spannend schreiben. Fallweise, wenigstens.


Sam Eastland kann schreiben und ist auf den Zaren gekommen. Der Name des Autors ist ein Pseudonym eines US-amerikanischen Schriftstellers, der unter seinem richtigen Namen Paul Watkins etwa den komplexen und spannenden Roman "The Forger" schrieb. Mit ihm hat er es (noch) nicht zur deutschsprachigen Übersetzung gebracht, wohl aber mit den Eastland-Krimis um Inspektor Pekkala, der als Antistalinist in der Stalin-Zeit Verbrechen aufklären muss und somit unter doppeltem Druck steht - als politisch Unzuverlässiger und als Ermittler, der Ergebnisse liefen muss. Das Ende der Zarenherrschaft spielt da massiv hinein, schließlich war der 15. März 1917 nur das Ende der Herrschaft, rund 16 Monate später, am 17. Juli 1918, ermordeten die Bolschewiken in Jekaterinburg den ehemaligen Zaren - vermutlich mitsamt seiner ganzen Familie.

Das "Vermutlich" würden seit 2007, als die Fakten vollständig bekannt und die Morde nachgewiesen wurden, nahezu alle Historiker als faktisch falsch und aus dem Satz zu tilgend bezeichnen, aber gerade dieses Wort ist es, das Inspektor Pekkala im Roman "Roter Zar" in Bewegung setzt.

Der Ermittler, der nicht nur ein Verbrechen aufklären muss, sondern zusätzlich von den Machthabern bedroht wird - das funktioniert glänzend auch unter geänderten politischen Vorzeichen, etwa, wenn der deutsche Autor Harald Gilbers seinen jüdischen Kommissar Oppenheimer im Deutschland der NS-Zeit ermitteln lässt. Ist das realistisch? - Gegenfrage: Wie realistisch muss ein Krimi sein? Gilbers baut auf den Tagebüchern Victor Klemperers auf. Die Bedrohung für Oppenheimer ist allgegenwärtig. "Germania" und "Odins Söhne" sind Krimi-Meisterwerke, "Endzeit" soll im Mai erscheinen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-14 16:54:05
Letzte Änderung am 2017-03-15 13:05:05



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