• vom 15.03.2017, 13:15 Uhr

Autoren

Update: 15.03.2017, 16:09 Uhr

lit.Cologne 017

Anwälte für Fauna und Flora




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gerald Schmickl

  • Richard David Precht und Peter Wohlleben hielten Plädoyers für die Rechte von Tieren und Bäumen.

Hochtourige Plausibilitäts-Maschine: der Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht - © litcologne/Ralf Juergens

Hochtourige Plausibilitäts-Maschine: der Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht © litcologne/Ralf Juergens

Man war überrascht, dass sie nicht in langen schwarzen Roben erschienen. Denn angekündigt wurden die beiden auf der lit.Cologne – mit großem Trara und einigen Vorreden – als Anwälte. Als Anwälte der Tiere. Und das Publikum im prall gefüllten Kölner Veranstaltungsort Gürzenich war zuvor vom Moderator (Andreas Lebert, "Zeit-Wissen") angewiesen worden, sich selbst in die Rolle von (beliebigen) Tieren zu versetzen. Denn dann könne man die Rolle dieser Anwälte noch mehr schätzen. Und da waren sie auch schon: Richard David Precht, Philosoph aus Berlin, und Peter Wohlleben, Förster aus der Eifel. Beides Bestseller-Autoren – so auch mit ihren jüngsten Büchern: "Tiere denken" (Precht) und "Das Seelenleben der Tiere" (Wohlleben).

Kaum an ihren Plätzen angekommen (für den Philosophen stand auch ein Fläschchen Weißwein bereit), legten sie los mit ihren Plädoyers für unsere vielfach geschundenen Mitkreaturen, kategorisch-prinzipieller der eine (Precht), anekdotischer der andere (Wohlleben).
Richard David Precht machte klar, dass das (deutsche) Tierschutzgesetz in Wirklichkeit ein Tiernutzungsrecht sei, denn im Grunde ginge es darin ausschließlich darum, wie und unter welchen Umständen man Tiere töten darf. Ökonomische Gründe (wie etwa die Nutzung der Tiere für Kleidungs- oder Nahrungszwecke) gelten dabei als vernünftig und legitimieren das Töten. Nur unsinniges (= nicht vernünftiges) Quälen ist laut Gesetz untersagt. Und damit war der Philosoph rasch bei seinen Lieblingsgegnern, den Jägern. Ihnen unterstellt er (lust-)quälerische Absichten – und empfiehlt, unter lautem Applaus, psychologische Beratung. Dafür sollten die Krankenkassen aufkommen.

Baumlanger Kerl und Pflanzen-&Tier-Versteher: Peter Wohlleben.

Baumlanger Kerl und Pflanzen-&Tier-Versteher: Peter Wohlleben.© litcologne/Ralf Juergens Baumlanger Kerl und Pflanzen-&Tier-Versteher: Peter Wohlleben.© litcologne/Ralf Juergens

Peter Wohlleben, ebenfalls Jäger-kritisch, empfiehlt ein anderes "Medikament gegen die Jagd: den Wolf!" Dieser würde den Wildbestand auf natürliche Weise regeln – ebenso wie übrigens die Bäume. Diese (vor allem Buchen und Eichen) hätten eine koordinierte Strategie, indem sie alle gleichzeitig blühten und den Wildtieren somit Nahrung verschafften, was den Bestand an Wildschweinen etwa um das Dreifache erhöhe. Dann würden die Bäume allerdings länger Ruhe geben, und die Populationen würden wieder deutlich rückläufiger. Wenn da nicht die Jäger wären, unsinnig zufütterten, und den Wildtierbestand auf diese Weise künstlich in die Höhe trieben – um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen.

Tatsächlich brauche es aber den Wolf – und der komme in den Wäldern auch zurück. Rund 30 Prozent beträgt die derzeitige Vermehrungsrate pro Jahr. Von den Menschen brauche sich übrigens niemand vor ihm zu fürchten, denn der Wolf – so Wohlleben väterlich begütigend – sei absolut harmlos, im Gegensatz zu unserem "Zucht-Wolf", dem Hund.

Schüsse aus größerer Distanz, wie bei der Jagd üblich, sind für Wohlleben eine ineffektive Strategie, weil die Tiere oft nur schlecht getroffen werden – und man einerseits deren Leiden vergrößere, andererseits aber auch die "Ware" damit verderbe. (Den typischen "Wild"-Geschmack führt der Förster auf einen zumeist geplatzten Darm beim unzureichend erlegten Tier zurück.) Es ist so, als wolle man Kühe mit einem geworfenen Vorschlaghammer auf 30 Meter Distanz treffen und töten . . .

Precht, vom Thema nicht ablassend, warf die Frage auf, warum – wenn Wildtiere schon getötet werden müssten – diese Aufgabe nicht von "Waldvollzugsbeamten" ausgeführt werden kann? Denn es könne doch nicht angehen, dass Privatpersonen, "die Bock darauf haben, Rehe zu schießen", das übernehmen. Man stelle sich einmal vor, wie das bei Menschen wäre, wenn Todesurteile von Privatpersonen statt von Henkern vollstreckt würden . . .
In weiterer Folge plädierte Precht für eine allgemeinere, prinzipiellere Betrachtung und Würdigung von Tieren, unabhängig von unserem Empfinden und unseren ästhetischen (Vor-)Urteilen. Und er öffnete einmal mehr den wohl gar nicht mehr so utopischen Blick auf eine Zeit, in der – wie in Testversuchen vereinzelt jetzt schon gelungen – aus einzelnen Tierzellen künstlich Fleisch erzeugt werden könne, was das weltweite Problem der Massentierhaltung und -tötung obsolet machen würde.

Auch in seinen Betrachtungen über einseitige Vernunftüberhöhungen und ökonomische Zwangskalküle, in seiner Kritik an den Grünen (die keinen wirklichen Systemwechsel wollten, der aber notwendig sei) und manch anderen Interessensgruppen wirkt der geschliffene Rhetoriker überzeugend. Precht ist eine – durch vielfache Anwendung in TV-Talkshows und auf öffentlichen Podien – gut geölte Plausibilitäts-Maschine. Bei ihm rattert alles so grundvernünftig und anschaulich argumentierend dahin, dass man sich zu einem stetig bestätigenden Kopfnicken veranlasst sieht. Allerdings ertappt man sich auch dabei – und das ist der performative Widerspruch in Prechts Überzeugungsdiskurs –, dass Vernunft, wie er selbst sagt, nicht alles ist. Man gibt ihm zwar in fast allem Recht, und misstraut ihm dennoch etwas, weil sich ein Gefühl  (die uns mehr lenken, als uns lieb ist) und ein Verdacht einschleichen: Dass es sich dabei um einen altbekannten Typus handelt: nämlich um einen – zwar sanften, aber doch unverkennbaren – Wiedergänger des weitgehend humorbefreiten, typisch deutschen Rechthabers.

Dieses Gefühlt hat man bei Peter Wohlleben nicht (ist auch schwer bei diesem Namen). Seinem mehr erzählerischen Gestus vertraut man sich lieber an. Vielleicht auch deshalb, weil er unsere Sehnsüchte mehr trifft und bedient. Er ist – nicht zuletzt mit seinen Ausführungen über das reichhaltige, uns sehr ähnliche Gefühlsleben der Tiere ("Die Natur hat sich für uns und unsere Gefühle keinen Sonderweg ausgedacht") – eine Art von Beseeler von Fauna und Flora. An der Hand dieses Försters, übrigens ein baumlanger Kerl, geht man – uns sei’s nur im Geiste – gerne durch Wald und Flur. Bei allem Verständnis für Tiere und ihre vielfältige Gefährdung, ist Wohlleben doch mehr noch ein Anwalt der Bäume, weswegen er auch die scharfe Trennung von Tier- und Pflanzenwelt aufgehoben sehen möchte. Auch Pflanzen haben Gefühle. Vor allem Bäume, für Wohlleben "die Elefanten im Pflanzenbereich", verfügen über ein beeindruckendes Arsenal an Strategien der Verständigung: Es gibt Baumsprachen, Baum-Solidaritäten (etwa, um Schwächere buchstäblich zu unterstützen) und andere Formen uns wohl bekannten Sozialverhaltens. (Nachzulesen im Buch "Das geheime Leben der Bäume").

Nur bei Nutzpflanzen, wie etwa dem Salat, habe man die Kommunikationsfähigkeit(en) weggezüchtet, weshalb etwa im Garten stets das Unkraut gewinne, denn das verfüge nämlich noch über derlei Verständigungsmöglichkeiten.

Darüber bin ich nun weniger unglücklich. Wäre ja noch schöner, wenn der Salat am Teller zurückredet oder widerspricht! Da habe ich ihn lieber schweigend knackig.

Die eine oder andere Widerrede wäre dafür an diesem Abend willkommen gewesen. Da sich die beiden Autoren in vielem, ja fast allem einig waren, kam eine lebhaftere Diskussion gar nicht erst auf. Aber gut, wer legt sich schon mit Anwälten an.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-15 13:01:31
Letzte nderung am 2017-03-15 16:09:17



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Verzweifelte Republik
  2. Zische zitternder Zirze
  3. "Minenfelder ohne Landkarte"
Meistkommentiert
  1. zeichen?
  2. Tumulte bei Höcke-Auftritt
  3. Ein Asyl-Appell

Werbung





Werbung


Werbung