• vom 18.03.2017, 15:00 Uhr

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Update: 20.03.2017, 11:24 Uhr

90. Geburtstag

Unbequeme Wahrheiten




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Von Uwe Schütte

  • Martin Walser prägte die Nachkriegsliteratur mit seinem singulären, gesellschaftskritischen Œuvre. Am 24. März begeht der deutsche Autor seinen 90. Geburtstag.



Grandseigneur-Status: Martin Walser

Grandseigneur-Status: Martin Walser© Felix Kästle/dpa/picturedesk.com Grandseigneur-Status: Martin Walser© Felix Kästle/dpa/picturedesk.com

Zu Anfang, es geht nicht anders, ein Bekenntnis, ja Geständnis des Kritikers: Es war im Frühjahr 1986, der Autor dieser Zeilen noch ein Maturant, als Martin Walser im Gymnasium einer nahegelegenen Kleinstadt aus seinem Roman "Brandung" las. Dessen Handlung hatte mit der Realität und den literarischen Interessen eines Provinzteenagers nicht viel zu tun: Die Protagonisten der Erfolgsnovelle "Ein fliehendes Pferd" (1978) wiederaufnehmend, erzählt der Roman die Geschichte des Lehrers Helmut Halm, den ein ehemaliger Studienkollege, der als Dozent an einer kalifornischen Universität arbeitet, kurz-fristig bittet, zu ihm nach Amerika zu kommen, um dort ersatzweise einen Lehrauftrag anzunehmen.

Information

Martin Walser
Statt etwas oder der letzte Rank
Roman. 176 Seiten, 17,50 Euro.

Ewig aktuell
Essays, Reportagen, Reden. 656 Seiten, 30,80 Euro.

Meßmer
Gedanken, Reisen, Momente. 304 Seiten, 20,60 Euro.

Ein liebender Mann
Ein sterbender Mann
Romane. Erstmals in einem Band. 576 Seiten, 20,60 Euro.

(Alle Titel: Rowohlt, Reinbek 2017)

Der 55 Jahre alte Protagonist nimmt das unverhoffte Angebot nach anfänglichem Zögern an. Damit beginnt ein Abenteuer, an dessen Ende ein verwandelter Halm nach Deutschland zurückkehrt und eine Geschichte zu erzählen hat. Und genau dies tut er, denn der ganze Roman ist eine lange Beichte an seine Frau, in deren Zentrum die tragikomische Liebesaffäre mit einer 22-jährigen Studentin aus seinem Konversationskurs steht, die seine Avancen zwar zurückweist, sich auf einen Flirt mit dem älteren Mann aber gerne einlässt. Auch sie ist, nach einem bizarren Autounfall, in den Halm indirekt verwickelt ist, unter den Toten, die am Ende zu beklagen sind.



Sprachkraft

Was etwa die Kritikerin Beatrice von Matt damals über "Brandung" schrieb, nämlich dass es ein Buch sei, "das einen lesesüchtig macht", traf auch auf mich zu, so fern mir sowohl die Altherrengelüste als auch die Psychologie weiblicher Collegestudentinnen standen. Eines aber traf und betraf mich geradezu körperlich, nämlich die (selbst-)ironische Erzählweise Walsers und eine so noch nie zuvor wahrgenommene Sprachkraft, mit der er Realität in Sätze, Leben in Kunst verwandelte. Oder, um nochmal auf die Einschätzung von Matt zurückzukommen: "Da schreibt Walser wieder einmal einen großen Roman, wie wir ihn in dieser Art in deutscher Sprache seit Jahren nicht mehr kennen, ein Buch, das andere deutlich und unverkennbar überragt."

Trotz begrenzten Budgets, das sonst nur den Erwerb von Taschenbüchern aus der Ramschkiste erlaubte, wurde der Roman direkt bei der Lesung erworben, vom Autor signiert und zweimal gelesen. Das restliche Werk folgte sukzessive nach. Darin gab es einiges zu entdecken, retrospektiv, denn bereits seit drei Jahrzehnten hatte Walser damals publiziert: 1955 erschien der Erzählungsband "Ein Flugzeug über dem Haus" als Debüt; zwei Jahre später folgte der satirische Gesellschaftsroman "Ehen in Philippsburg" über Deutschland im Wirtschaftswunder.

Während der 1960er Jahre galten Walsers Sympathien erkennbar dem linken Zeitgeist: er engagierte sich gegen den Vietnam-Krieg und für Willy Brandt. Auch verfolgte er 1965 die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, woraus der eindringliche Essay "Unser Auschwitz" resultierte, in dem er mit bemerkenswerter Scharfsicht darüber nachdachte, was der Genozid für das Selbstverständnis der Deutschen bedeutete. Walser galt gar als Sympathisant der DKP, der er jedoch nie als Mitglied angehört hatte. Erst in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre etablierte er sich dann wirklich als einer der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands mit solchen in schneller Reihenfolge erscheinenden Romanen und Novellen wie "Jenseits der Liebe" (1976), "Ein fliehendes Pferd" (1978), "Seelenarbeit" (1979) oder "Das Schwanenhaus" (1980).

Ende der 1980er dann tat Walser sich politisch kontrovers hervor, indem er sein Bedauern über die mittlerweile allgemein akzeptierte Teilung der Nation zum Ausdruck brachte, in einer 1988 in den Münchner Kammerspielen gehaltenen "Rede über Deutschland". Nun galt er als Nationalist, dabei hatte er die politische Lage nur realistischer als andere Intellektuelle beurteilt, fiel doch die Mauer - für viele überraschend - nur ein Jahr später.

Politisch kontrovers

Durch sein frühzeitiges Plädoyer für die Einheit der deutschen Nation war er zur Zielscheibe linksliberaler Kritik geworden, die sich zumal an seinem wunderbaren autobiografischen Roman "Ein springender Brunnen" (1998) entzündete, der ein literarisches Denkmal für seine Mutter war, die am Bodensee ein Wirtshaus führte und bereits 1932 aus geschäftlichen Gründen in die NSDAP eintrat. Das Buch war ein erzählerisches Meisterwerk; ein wahrheitsgetreuer Versuch, die Zeit des Nationalsozialismus aus der Perspektive eines Fünfjährigen in der Provinz zu erzählen, unbelastet von moralischen Haltungen, die ein erwachsener Erzähler mit Wissen um die faschistischen Verbrechen hätte einnehmen müssen.

Marcel Reich-Ranicki etwa kritisierte daran, dass Auschwitz im Buch nicht vorkomme. Solch absurde, als Vorschriften verkleidete Vorwürfe machten das Buch zum Präludium der Kontroversen, die sich an Walsers Paulskirchen-rede im selben Jahr und am Roman "Tod eines Kritikers" (2002) entzündeten. Sehr zu Recht hatte Walser in der skandalisierten Rede darauf verwiesen, dass die öffentliche Erinnerung an den Holocaust in Deutschland zu inhalts-freiem Lippengebet verkommen sei, dass die mediale "Dauerpräsentation unserer Schande" das Gegenteil des gutgemeinten Zweckes erreiche und dass Auschwitz als "Moralkeule" instrumentalisiert werde.


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Dokument erstellt am 2017-03-17 12:33:08
Letzte ─nderung am 2017-03-20 11:24:44



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