• vom 18.03.2017, 08:00 Uhr

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Update: 21.03.2017, 11:45 Uhr

Interview

Klimaveränderungen




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Von Luitgard Koch

  • Der US-amerikanische Autor T.C. Boyle über sein neues Buch, Donald Trump und die Bedeutung der Natur.



Der gertenschlanke Mann mit den obligatorischen, knallroten Turnschuhen zum schwarzen Anzug avancierte zu einem der bedeutendsten US-Schriftsteller unserer Zeit. Nicht umsonst verbrachte T.C. Boyle seine Jugendjahre in der Hippie- und Protestbewegung der 1960er Jahre. Trotz seines Erfolgs wirkt der literarische Superstar aus Kalifornien, den in seinen Büchern hauptsächlich der ökologische Kollaps der Erde umtreibt, immer noch lässig unangepasst. Wenige beschreiben die Apokalypse mit so viel schwarzem Humor wie der inzwischen 69-jährige Professor für Kreatives Schreiben. An versteckter Ironie mangelt es auch seinem neuen Roman "Die Terranauten" nicht. Die "Wiener Zeitung" traf den Sohn irischer Einwanderer am Ende seiner Lesereise in Zürich.

"Wiener Zeitung":Mr. Boyle, Ihr neues Buch beruht auf einem realen Experiment, dem Projekt "Biosphäre 2" aus den frühen neunziger Jahren, als vier Männer und vier Frauen unter einer künstlichen Glaskuppel eingeschlossen wurden. Was reizte Sie an diesem Szenario?


T.C. Boyle: Dabei ging es um ein künstliches Ökosystem in der Wüste von Arizona. Mein Hauptthema, manche bezeichnen es ja schon als Obsession, ist und bleibt nun mal unsere Umwelt und der Platz, den wir Menschen auf diesem Planeten dabei einnehmen. Egal ob in meinem Sci-fi-Roman "Der Freund der Erde", der von einer Zeit nach der Klimakatastrophe erzählt, oder dem Ökothriller "Wenn das Schlachten vorbei ist". Deshalb schien mir diese Geschichte über einen fiktiven Nachfolger geradezu als natürlicher Stoff für mich. Obwohl ich schon nicht mehr daran dachte, bis vor fünf Jahren die Nasa ähnliche Experimente startete.

Wie gestaltete sich Ihre Recherche?

Ich habe nicht nur alles externe Material, die Presseartikel und die Bücher über die drei tatsächlichen Biosphären-Experimente gelesen, sondern reiste auch nach Tucson, um das Ganze selber zu erforschen. Das war ziemlich faszinierend. Vor allem das Treibhaus selbst, das da immer noch steht, ist ein architektonisches Wunderwerk. Außerdem befindet es sich in einer herrlichen Gegend in der Wüste, von Bergen überschattet. Ich kann es nur als lohnenswerten Zwischenstopp empfehlen, sollten Sie mal nach Arizona reisen.

Es geht aber auch um Gruppendynamik. Haben Sie deshalb Sartres Zitat aus "Huit Clos", L’enfer, c’est les autres! - "Die Hölle sind die anderen!" vorangestellt?

Vergessen Sie nicht, es gibt da noch das hoffnungsvollere von Margaret Mead, das ich ebenfalls angefügt habe. Nämlich: "Niemand sollte daran zweifeln, dass eine kleine Gruppe von engagierten und bewussten Menschen, die Welt ändern kann. Das ist tatsächlich das Einzige, das immer funktioniert hat." Beide, das mehr pessimistische Sartre-Zitat als auch dieses, markieren meinen Schreibprozess. Und mein Job als Romanautor ist, zu erforschen: Welches ist wahr? Beides oder keines? Ich bin da fast wie ein Wissenschafter, der versucht, Dinge zu ergründen.

War Ihnen beim Schreiben bewusst, dass es dabei um die Struktur von Sekten geht?

Ja natürlich, dieses Thema ist eins meiner weiteren Obsessionen. In einer Reihe meiner Bücher, angefangen von "Die Frauen" über "Dr. Sex" bis hin zu denen, die ich schon erwähnte, spielen alle mit der Idee eines Utopia und der Vorstellung von Freiheit im Dienste eines großen Führers oder Gurus. Das erleben wir ständig in der Politik heute und in jedem existierendem Kult.

Womit wir doch bei der Politik gelandet wären. Obwohl Sie nicht Geisel der politischen Situation sein möchten. Haben Sie jemals an den "Amerikanischen Traum" geglaubt?

Ironischerweise wirke ich selbst wie ein Produkt dieses Amerikanischen Traums. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Ich war der Erste aus der Familie, der studieren konnte und das wurde, von dem er träumte. Ich schreibe dies dem großen Glück zu, in einer freien Gesellschaft aufgewachsen zu sein, die damals öffentliche Bildung wertschätzte. Die neue Bildungsministerin Betsy DeVos, eine rechte Ideologin, die nie eine staatliche Schule besucht hat, will künftig private Schulen mit öffentlichen Geldern ausstatten. Die soziale Ausgrenzung der Arbeiterklasse wird dadurch rapide zunehmen. Meine gesamte Ausbildung, die verschiedenen akademischen Grade, verdanke ich den staatlichen Hochschulen. Wir hatten gute Schulen. Diese Bildung ermöglicht soziale Mobilität. Und schafft gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eine Mauer nach Mexiko: Das wollten Kalifornier schon in Ihrem 1995 erschienenen apokalyptischen Roman "Tortilla Curtain". Konnten Sie sich damals vorstellen, dass diese Schreckensversion real werden könnte?

Trump ist der Albtraum, der wahr wurde. Fast so obsessiv wie über die Umwelt, habe ich in meinen Romanen immer wieder über Mauern, Ausgrenzung, Rassismus, Hass geschrieben. Alles, an das ich glaube und für das ich stehe und mich engagiere, angefangen vom Umweltschutz bis hin zur öffentlichen Bildung, Frauenrechte oder einer multikulturellen Gesellschaft, wird jetzt vor meinen Augen zerstört. Wenn wir ihn vier lange Jahre ertragen müssen, wirft uns das ein Jahrhundert zurück. Besonders beunruhigend ist für mich auch, dass die Politik der Abschottung überall um sich greift, wie in Frankreich oder auch Deutschland und Großbritannien.

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Schlagwörter

Interview, T. C. Boyle

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 16:44:08
Letzte nderung am 2017-03-21 11:45:10



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