• vom 31.03.2017, 15:00 Uhr

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Nachruf

"Ich war doch immer editor"




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Von Carl Henrik Fredriksson und Klaus Nellen

  • Persönliche Erinnerungen an Robert Silvers, den Mitgründer und Herausgeber der "New York Review of Books", der am 20. März 87-jährig in Manhattan verstorben ist.



Lebenslang Büchern und Themen verbunden: Robert Silvers, hier 2012.

Lebenslang Büchern und Themen verbunden: Robert Silvers, hier 2012.© creative commons/D. Shankbone Lebenslang Büchern und Themen verbunden: Robert Silvers, hier 2012.© creative commons/D. Shankbone

Timothy Garton Ash bemerkte einmal, wenn er die größtmögliche Leserschaft europäischer Intellektueller erreichen wolle, sei der beste Weg, einen Essay in der "New York Review of Books" zu schreiben. "The paper", wie Mitgründer und Herausgeber Robert Silvers die Review nannte, wird zwar in den USA herausgegeben, ist aber in der Tat Teil einer grenzübergreifenden Gemeinschaft von Ideen und Werten. Zuweilen konnte man den Eindruck gewinnen, als hätte sie aus sich selbst heraus jene schwer zu fassende Öffentlichkeit geschaffen, die wir Europäer so schmerzlich vermissen.

Auf der Titelseite der Zeitschrift ist "The New York Review" viel größer gesetzt als "of Books", wodurch recht deutlich die dahinterliegenden redaktionellen Ambitionen angezeigt sind: Hier handelt es sich um viel mehr als ein Rezensionsblatt, es geht um eine Vorstellung von der Welt. Oder Vorstellungen, im Plural. Tom Wolfe verspottete die "New York Review of Books" einmal als "Zentralorgan des Radical Chic", und Saul Bellow taufte es in "New York Review of Each Others’ Books" um; und dennoch trifft Silvers’ eigene Beschreibung davon, wie er und Barbara Epstein die Zeitschrift 1963 gründeten, deren Kern am besten. In "The 50 Year Argument", Martin Scorseses Film zum fünfzigjährigen Bestehen der Review, sagt er:

Information

Carl Henrik Fredriksson ist Mitgründer von "Eurozine", dessen Chefredakteur er bis 2015 war. Ehemaliger Chefredakteur von "Ord & Bild", Schwedens ältester Kulturzeitschrift.

Klaus Nellen ist Permanent Fellow emeritus am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien (IWM). Er war verantwortlicher Redakteur für die Zeitschrift "Transit – Europäische Revue".

"Was wir beide teilten, war ein bestimmtes Anliegen, eine Suche nach gutem und brillantem Schreiben. Als Barbara und ich die Review gründeten, waren wir nicht daran interessiert, Teil des Establishments zu werden. Ganz im Gegenteil. Wir wollten das Funktionieren und den Wahrheitsgehalt von Establishments herausfinden, in politischer wie in kultureller Hinsicht."

Legendäre Kontroversen

Die Kontroversen in der "New York Review of Books" sind legendär: Gore Vidal gegen Norman Mailer über Frauenfeindlichkeit, Bernard Lewis gegen Edward Said über Orientalismus, Adrienne Rich gegen Susan Sontag über Feminismus und Leni Riefenstahl, Edmund Wilson gegen Vladimir Nabokov zu Übersetzungsfragen aus dem Russischen . . . Die Rolle, die Silvers dabei spielte, fand jedoch immer hinter der Bühne statt: "Auch wenn ich Vorbehalte habe, werde ich meine Ansichten diesen Leuten nicht aufnötigen. Mein Interesse besteht darin, dass sie ihre Ansichten bestmöglich vorbringen."

Es gibt Dutzende Geschichten und Mythen zu Bob Silvers: Dass er rund um die Uhr arbeitete, wobei mehrere Schichten junger Assistenten Mühe hatten, mitzuhalten; oder seine Anrufe zu Weihnachten oder nach Mitternacht, um über ein "wackeliges Attribut" oder ein Semikolon zu diskutieren, aus dem man besser einen Punkt machen solle. Die zutreffendste Charakterisierung jedoch ist die eines Autors, der nicht schreibt. Befragt dazu, ob er schriebe, kam seine Antwort schnell und mit Nachdruck: "Nein, ich redigiere lediglich. Ich kümmere mich nur darum, die bestmöglichen Rezensenten zu bekommen. Und wenn ich versucht wäre zu schreiben, über irgendein Thema, gehe ich jede Wette ein, dass mir jemand Besserer dafür einfiele." Mit der für ihn typischen Mischung aus Stolz und Bescheidenheit fügte er hinzu: "Redakteur ist ein eigener Beruf."

Als ein Manuskript von ihm mit dem Titel "Dilemmas of an Editor" in unsere Hände gelangte, war das daher mehr als eine Sensation. Silvers kam im Jahr 2009 nach Wien, um im Rahmen des jährlichen Fellows’ Meeting am Institut für die Wissenschaften vom Menschen einen Vortrag zu halten. Nach zahlreichen Versuchen war Silvers der Einladung von Krzysztof Michalski, dem damaligen IWM-Rektor, schließlich gefolgt und begann seine Rede am 15. Mai folgendermaßen:

"Für einen Zeitschriftenmacher ist es ungewöhnlich, einen Vortrag zu halten, und erst recht einen Vortrag über die Dilemmas, mit denen er sich konfrontiert sieht. Ich war immer der Ansicht, der Herausgeber einer Zeitschrift sei ein Vermittler, ein Mensch, der in mittlerer Distanz Autoren, die er bewundert, mit Lesern zusammenbringt, die sie hoffentlich schätzen werden. Und obwohl ich gelegentlich auch als Journalist und Kritiker gearbeitet habe, war ich doch immer editor . . ."

Bob Silvers war einer der wichtigsten Akteure in der globalen intellektuellen Öffentlichkeit, schrieb selbst jedoch so gut wie nie. Dieses Mal aber trat er ins Scheinwerferlicht. Was folgte, war ein einzigartiger Einblick in die Probleme eines Herausgebers, der Unabhängigkeit im Politischen wie im Ökonomischen schätzte. Silvers kam auf einige heikle Situationen in der Geschichte der "New York Review of Books" zu sprechen, darunter die Auseinandersetzungen rund um den Vietnamkrieg, den israelisch-palästinensischen Konflikt und - zum Zeitpunkt seines Wienbesuchs besonders aktuell - die Charta 08, das Manifest chinesischer Dissidenten.

Die "New York Review of Books" war eines der wenigen bedeutenden amerikanischen Me- dien, die den Beginn des Irakkriegs im Jahr 2003 verurteilten, was die liberale Zeitschrift "The Nation" zum Anlass nahm, Silvers wieder im Kreis der Linken willkommen zu heißen, in dem er einst seinen Anfang nahm. Aber Silvers’ - und Barbara Epsteins - Review handelte nicht von Ideologien. Vielmehr ging es um Ideen und bestimmte Grundwerte.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-30 16:48:05
Letzte Änderung am 2017-03-30 17:04:08



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