• vom 03.04.2017, 15:40 Uhr

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"Lügen, die sie hören wollen"




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Von Klaus Stimeder

  • Der mexikanisch-stämmige US-Schriftsteller Luis J. Rodriguez über die geistige Krise der Mitte Amerikas.

Demokraten haben mehr Skrupel, sagt Luis J. Rodriguez.

Demokraten haben mehr Skrupel, sagt Luis J. Rodriguez.© Arlene Mejorado Demokraten haben mehr Skrupel, sagt Luis J. Rodriguez.© Arlene Mejorado

Luis Javier Rodriguez, 63, ist einer der bekanntesten mexikanisch-stämmigen Autoren der USA. Der vielfach ausgezeichnete Dichter, Schriftsteller und Politaktivist gilt als Aushängeschild der sogenannten "Chicano Literature" und hat bisher 15 Bücher veröffentlicht. Sein Werk "Always Running: La Vida Loca, Gang Days in L.A." (Simon&Schuster), das unter anderem den renommierten Carl Sandburg Literary Award erhielt, gilt seit seinem erstmaligen Erscheinen im Jahr 1993 als Standardwerk über die Lebenswelten der Kinder von Einwandererfamilien der ersten Generation. Bis Ende vergangenen Jahres diente der in El Paso, Texas geborene und in Ciudad Juarez, Mexiko und Südkalifornien aufgewachsene Rodriguez seiner Wahlheimatstadt Los Angeles als "Poet Laureate", eine Art Mischung aus Stadtschreiber und öffentlichem Erzieher. Neben seiner publizistischen Arbeit tat sich Rodriguez in diesem Jahrzehnt verstärkt durch politischen Aktivismus hervor.

Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 trat er als Vizepräsidentschaftskandidat der Justice Party an, zwei Jahre später kandidierte er für die Green Party für den Gouverneursposten von Kalifornien, wo 66,872 Stimmen (1,5 Prozent) auf ihn entfielen. Seit 2003 unterhält Rodriguez gemeinsam mit seiner Ehefrau das "Tía Chucha’s Centro Cultural", eine am äußersten Nordrand von Los Angeles liegende Kombination aus Buchhandlung, Verlag und Kulturzentrum, zu dessen Sponsoren unter anderem Bruce Springsteen und Jon Densmore, der Drummer der "Doors", zählen. Derzeit arbeitet Rodriguez als Konsulent für den afroamerikanischen Regisseur John Singleton ("Boyz ’n the Hood", "Shaft"), der dieser Tage für den Fernsehsender F/X an einer Serie über die Crack-Epidemie der 80er in den (fast ausschließlich von ethnischen Minderheiten bevölkerten) Stadtteilen South und East L.A. arbeitet.


"Wiener Zeitung": Mister Rodriguez, was ging Ihnen als US-amerikanischem Staatsbürger mit mexikanischen Wurzeln durch den Kopf, als Sie realisiert haben, dass der Präsident für mindestens die nächsten vier Jahre Donald Trump heißen wird?

Luis J. Rodriguez: Am Wahlabend bin ich, wie wahrscheinlich viele andere auch, durch alle Phasen gegangen: Zuerst kam das Erstaunen darüber, in welchem Ausmaß viele Amerikaner offenbar wirklich den Verstand verloren haben. Dann Wut und Zorn, und anschließend große Traurigkeit und Verzweiflung. Aber am nächsten Tag bin ich aufgewacht und habe mir gedacht, dass das schon Sinn macht, wo wir jetzt stehen.

Und? Wo stehen wir?

Die Wahrheit ist, dass die meisten Amerikaner keine Ahnung davon haben, was im Rest der Welt vor sich geht. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie dumm sind. Aber Tatsache ist nun einmal, dass viele von ihnen bewusst ignorant gehalten werden. Das kostet eine Menge Geld, Milliarden von Dollar, aber es funktioniert seit vielen Jahren wunderbar. Jedes Mal, wenn ich nach Europa komme, bin ich immer wieder überrascht, um wie viel mehr die Leute dort Bescheid wissen. Die Europäer wissen in der Regel mehr über Amerika als die meisten Amerikaner. So gesehen kann uns die Wahl Trumps nicht wirklich überraschen. Viele Amerikaner leiden unter derselben Psychose wie er. Sie hören ausschließlich Figuren wie dem (erzkonservativen Radiomoderator) Rush Limbaugh oder Bill O’Reilly (Moderator der Fernsehshow "The O’Reilly Factor" auf Fox News) zu, oder ihren evangelikalen Priestern. Dabei merken sie nicht, wie sie von der politischen Orthodoxie dieser Leute buchstäblich in den Irrsinn getrieben werden.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Mehrheit der weißen Amerikaner, die in der Mitte des Landes, im sogenannten "Heartland" leben, werden seit Jahren von den rechten Medien, Politikern und Religionsführern so systematisch wie bewusst mit Lügen gefüttert. Dazu wird ihnen pausenlos Angst gemacht, vor Terroristen, vor Immigranten und vor den Angehörigen ethnischer Minderheiten. Trump hat all diese längst bestehenden Entwicklungen lediglich aufgegriffen und noch mehr Lügen, die sie hören wollen, draufgesetzt. Nachdem diese Menschen in einer Blase leben, war das nicht schwer.

Der Vorwurf, in einer "Blase" zu leben und angeblich vom "wahren Leben" abgekoppelt zu sein, richtet sich normalerweise gegen die eher liberalen, an der Ost- und Westküste lebenden Amerikaner.

Das Problem mit den Linken und Liberalen in den USA ist nicht nur, dass das bis zu einem gewissen Grad stimmt, sondern dass sie noch dazu total zersplittert sind. Anstatt entlang einer konsistenten, konkreten politischen Vision zu handeln, reagieren sie seit Jahren auf fast alle Entwicklungen immer nur ad hoc. Aber angesichts des Organisationsgrads und der Disziplin der Rechten drohen sie deshalb langfristig total geschlagen zu werden.

Aber Hillary Clinton gewann fast drei Millionen mehr Stimmen als Donald Trump. Am Ende gaben nur rund 80.000 Stimmen in einer Handvoll ländlicher Bundesstaaten den Ausschlag ...

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Dokument erstellt am 2017-04-03 15:45:05



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