• vom 09.04.2017, 09:00 Uhr

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100. Geburtstag

Der Dichter verlorener Welten




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Von Oliver vom Hove

  • Vor hundert Jahren wurde der Lyriker und Prosaist Johannes Bobrowski im ostpreußischen Tilsit geboren. Sein literarisches Werk erschließt die zerstörte Vielvölker-Kultur Osteuropas.



Johannes Bobrowski, geboren 1917, gestorben 1965 an einer Blinddarmentzündung.

Johannes Bobrowski, geboren 1917, gestorben 1965 an einer Blinddarmentzündung.© Ullsteinbild / Heinz Köster Johannes Bobrowski, geboren 1917, gestorben 1965 an einer Blinddarmentzündung.© Ullsteinbild / Heinz Köster

Vergangenes, unwiederbringlich Verlorenes ist der Quellgrund vieler Dichtungen. Die späte deutsche Romantik hat daraus sogar ein Programm gemacht: "Schläft ein Lied in allen Dingen,/die da träumen fort und fort./Und die Welt hebt an zu singen/Triffst du nur das Zauberwort", heißt es bei Joseph von Eichendorff.

Das Zauberwort hat auch der Dichter Johannes Bobrowski getroffen. Der späte Nachfahre der Naturromantiker hat in seinen Gedichten mit betörenden Stimmungsbildern und unverfälscht klaren Landschaftsimpressionen die Gegenden seiner verlorenen Kindheitswelt in ein eindringliches Spannungsverhältnis zur Geschichte versetzt: "Seitab ist gezogen/auf der verfallenen Straße/der Korse, ein südlicher Kaiser, /winzig vor Zorn, in der Krähen/Spur auf dem Schnee, /eingeholt von heiligen/Flüchen abends. Die hungernden/Wölfe schleiften Nächte/aus Moordunst ihm nach." ("Die alte Heerstraße").

Der vor 100 Jahren, am 9. April 1917, im damals ostpreußischen Tilsit geborene Autor hat sich zeit seines nur 48 Jahre währenden Lebens in die Reihe jener Poeten gestellt, die eine verlorene Vergangenheit zu beschwören, sie zugleich jedoch auch in einer neuen, dichterisch erfassten Ordnung zurechtzurücken suchten. Für Bobrowski bedeutete diese Vergangenheit die mutwillig verspielte Herrschaft der Deutschen im Osten, deren System beharrlicher wirtschaftlicher und kultureller Unterdrückung sein schmales Werk kritisch grundiert. Nicht Restauration ist hier die dichterische Devise, sondern eine bittere, von Klarsicht und Wehmut erfüllte historische Abrechnung.

Das "Generalthema"

In einem Vortrag über Lyrik verlangte Bobrowski 1960 von der Dichtung "Empfindlichkeit für die veränderte Zeit", um nicht hinter die Moderne zurückzufallen. In dem Gedicht "Holunderblüte" lässt er den Dichter Isaak Babel appellativ sagen: "Leute, ihr redet: Vergessen -/Es kommen die jungen Menschen,/ihr Lachen wie Büsche Holunders./Leute, es möchte der Holunder/sterben/an eurer Vergesslichkeit."



Bobrowski nannte diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein "Generalthema": "Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buche steht."

Information

Johannes Bobrowski

Gesammelte Gedichte

Mit einem Nachwort von Helmut Böttiger. DVA, München 2017, 752 Seiten, 36,- Euro.

Levins Mühle

34 Sätze über meinen Großvater. Roman. Mit einem Nachwort von Klaus
Wagenbach. Verlag Wagenbach, Berlin 2015, 224 Seiten, 18,40 Euro.

Mäusefest

Zweiundzwanzig Erzählungen. Wagenbach, Berlin 2017, 136 Seiten, 17,50 Euro.

Eine Reinigung der deutschen Literatur zu diesem Thema war nach den vergifteten Versen der Nazi-Zeit dringend geboten. Bobrowski knüpfte bei den Naturlyrikern der Vorkriegszeit an, bei Oskar Loerke, Wilhelm Lehmann oder Gertrud Kolmar. Auch Einflüsse des jungen Peter Huchel sind merkbar, mit dem Bobrowski befreundet war.

Als große Vorbilder freilich werden - auch in Form dichterischer Anrufungen - Klopstock, Hölderlin und Brentano genannt. Bobrowskis Gedichte erschienen zu seinen Lebzeiten in den Bänden "Sarmatische Zeit" (1961) und "Schattenland Ströme" (1962) und wurden nun, ergänzt um die nachgelassene Lyrik, als "Gesammelte Gedichte" neu herausge-
geben.

Litauen und das Gebiet beidseits der Memel waren Bobrowskis Sehnsuchtsland. In der Gegend um Thorn, im alten Kulmerland, hat er seine bedeutendste Prosaarbeit, den Roman "Levins Mühle", angesiedelt. Er führt im Tonfall einer Dorfchronik das Beispiel eines Kriminalfalls aus der Provinz vor, in dem wie in einer kleinen Vedute das ganze Zerwürfnis im Zusammenleben der Menschen im Osten Europas im Jahr 1874, zu Beginn des auftrumpfenden deutschen Kaiserreichs, gezeigt wird.

Geschichte einer Untat

Erzählt wird eine Geschichte von zwei Mühlen, mit Schauplatz südliches Westpreußen, angesiedelt unter Deutschen, Polen, Juden und einigen hereingeschneiten Zigeunern. Die eine Mühle gehört einem Deutschen, dem im Dorf mächtig auftrumpfenden Großvater des Erzählers. Die andere Mühle hat der Jude Levin betrieben. Aber, wie es der Erzähler schon im ersten Satz festhält:

"Es ist vielleicht falsch, wenn ich jetzt erzähle, wie mein Großvater die Mühle weggeschwemmt hat, aber vielleicht ist es auch nicht falsch. Auch wenn es auf die Familie zurückfällt." Damit ist gleich zu Beginn die Fallhöhe genannt, an der sich die Machtverhältnisse im Dorf ablesen lassen: Hier der besitzstarke Provinzmagnat, der sich die Regeln seines Wirtschaftens selber sucht und, wo er legal nicht weiterkommt, den Konkurrenten mit einer Untat auszuschalten weiß.

Auf der anderen Seite, ihm gegenüber, der Freundes- und Bekanntenkreis um den jüdischen Kleinunternehmer Levin, der den Bauern das Korn billiger mahlt und deshalb das Missfallen des deutschen Dorfkaisers erntet. Der Zigeuner Habedank, "Geige am Kinn", gehört zu den Freunden, der bei allen Festen und Tänzen aufzuspielen weiß, ebenso wie seine Tochter Marie, die mit Levin liiert ist. Vom Vaganten Weisz- mantel bezieht Habedank die Lieder. Die in der Mühle des Konkurrenten beschäftigten Polen Korrinth und Nieswandt zählen gleichfalls zu Levins Bekanntenkreis.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-06 16:36:07
Letzte Änderung am 2017-04-06 16:52:06



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