• vom 08.04.2017, 07:30 Uhr

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Keine Grammophone! Keine Nackedeis!




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Von Christina Böck

  • Die erfolgreiche Krimireihe von Volker Kutscher aus dem Berlin der Weimarer Republik wird heuer sowohl als Graphic Novel als auch als TV-Serie adaptiert. Kutscher und Comiczeichner Arne Jysch erklären die Faszination einer Epoche.

Volker Kutscher.

Volker Kutscher.© Monika Sandel Volker Kutscher.© Monika Sandel

Berlin, Ende der 20er Jahre: Ein Weltkrieg ist überstanden, die Wirtschaftskrise lässt noch ein wenig auf sich warten. Kunst und Gesellschaft erleben eine aus heutiger Sicht verblüffende Freizügigkeit, exzessive Revues, etwa mit der verruchten Tänzerin Anita Berber, haben Hochkonjunktur. Es ist ein letztes Aufbäumen des Hedonismus, bevor die nächste Katastrophe eintritt. "Man denkt sich, wie konnten die nur? Wie konnten die das alles eindampfen, diese Blüte an Freiheit und politischen Möglichkeiten", sagt Arne Jysch. Der Comiczeichner hat sich ein paar Jahre lang mit dieser Epoche beschäftigt. Er hat Volker Kutschers Bestsellerkrimi "Der nasse Fisch" als Graphic Novel gestaltet. Das ist der erste Band einer Reihe, die den Polizisten Gereon Rath ab 1929 bei seiner Arbeit mit Berlins Prostitution, Drogenhandel und in Ringvereinen organisierter Kriminalität begleitet. Vor kurzem ist der sechste Band erschienen, "Lunapark". Er spielt fünf Jahre nach "Der nasse Fisch". Berlin ist nun nicht mehr die Hauptstadt der Dekadenz. Dafür sorgen die Nazis, die wie in der Weltgeschichte auch in Kutschers Panorama immer mehr Platz einnehmen: In "Lunapark" muss der Mord an einem SA-Mann ein paar Wochen vor dem Röhm-Putsch aufgeklärt werden.

Keine Zigarettenspitze
Während aber Kutschers Held Gereon Rath in seinem Buchleben schon düsteren Zeiten entgegensieht, darf er in anderen Erzählwelten noch in den goldenen Zwanzigern verweilen. Eben ist Arne Jyschs Comic erschienen. Und Ende des Jahres wird Tom Tykwers Verfilmung "Babylon Berlin" auf Sky ausgestrahlt werden. Als teuerste deutsche TV-Serie aller Zeiten. Eingemischt hat sich der Autor in beiden Fällen eher wenig. Auf Arne Jyschs Instagram-Account findet man jedoch den Eintrag: "Ausdrücklicher Wunsch des Autors: keine Grammophone! Und keine Nackedeis". Den Kommentar illustrierte Jysch scherzhaft mit dem nackten Hinterteil des Gereon Rath, der gerade eine Schellack auflegt. "Es gibt eben so Klischeebilder, die gleich aufsteigen, wenn man an diese Ära denkt. Ich wollte aber den modernen Blick, den die Romane auf diese Zeit werfen, umsetzen." Was man wirklich vergeblich sucht, sind Gatsby-angelehnte Requisiten, die man aus US-amerikanischen Überlieferungen in Art-Deco-Umrahmung kennt: "Es gibt keine einzige Frau mit Zigarettenspitze", sagt Jysch.

Arne Jysch.

Arne Jysch.© Pflug Photography Arne Jysch.© Pflug Photography

Der Comic ist schwarz-weiß: "Ich habe mich von damaligen Werbeillustrationen inspirieren lassen, die haben auch mit Schwarzflächen und Grau-Aquarellierungen gearbeitet." Nicht nur die Neue Sachlichkeit der Berliner Künstlerin Jeanne Mammen hat Jyschs Comicbilder beeinflusst, auch Filme wie "M - eine Stadt sucht einen Mörder". Wie der Alltag jener Zeit aussah, erarbeitete sich Jysch mit Bildbänden oder Besuchen in zwei Museumswohnungen in Berlin, in denen die Original-Einrichtung des frühen 20. Jahrhunderts erhalten ist. Die ausgiebige Erkundung hat dann schöne Details im Comic zur Folge, wie jenes Schild in einer Telefonzelle: "Fasse dich kurz! Nimm Rücksicht auf die Wartenden!"

Das Mordauto fährt vor: Ermittlungsbeginn im Comic "Der nasse Fisch".

Das Mordauto fährt vor: Ermittlungsbeginn im Comic "Der nasse Fisch".© Carlsen Verlag Das Mordauto fährt vor: Ermittlungsbeginn im Comic "Der nasse Fisch".© Carlsen Verlag

Ein bitzliger Rechercheur ist aber auch Volker Kutscher, er konsultiert für seine Romane sogar Wetterdatenbanken: "Das mag ein Spleen sein, aber wenn ich weiß, dass die Fakten stimmen, fühle ich mich im fiktionalen Schreiben sicherer", erklärt er.


Erfindung der Spusi
In den Gereon-Rath-Romanen kommen aber nicht nur historische Wetterverhältnisse vor, auch historische Figuren haben ihren Auftritt. Etwa der Berliner Polizist Ernst Gennat, der die moderne Kriminalistik eingeführt hat. Er erkannte als einer der Ersten, wie wichtig Spurensicherung am Tatort ist, er ordnete an, was bisher nicht üblich war: Dass an einem Tatort nichts berührt werden darf bis zum Eintreffen der Polizei. Eine wichtige Rolle in den Krimis spielt auch das von Gennat veranlasste "Mordauto", ein mit Büro- und Kriminaltechnik ausgestatteter Daimler-Benz, der in ein Büro inklusive Stenotypistin umfunktioniert werden konnte. "Man kann sich einer solchen Figur nur nähern, wenn man sich alle Fakten, die über sie zu erfahren sind, zu eigen macht und die Figur, die man dann im Kopf hat, in eine fiktive Situation wirft", erklärt Kutscher.

Mit Änderungen an seinen Texten für die Ausflüge Gereon Raths in die visuelle Welt geht der Autor gelassen um. Arne Jysch musste viel kürzen - was wiederum in der TV-Serie von Tom Tykwer kein Thema sein wird: "In ,Babylon Berlin‘ werden sich viel mehr Figuren tummeln als in ,Der nasse Fisch‘ - kein Wunder bei 16 Folgen, in denen ein einziger Roman erzählt wird", sagt Kutscher.

An die Serienmacher hatte Kutscher nur einen Wunsch: Dass nicht die "typischen TV-Nazis" auftauchen: "TV-Nazis, aber auch Film-Nazis, das sind ganz oft Klischeefiguren, die gar keine Menschen sind, sondern böse Pappkameraden. Figuren, die so wirken, als seien sie immer schon so gewesen, stiefelknallend und ihre Umwelt anschnauzend. Aber so ist es ja nicht. Irgendwann gab es da einmal einen halbwegs normalen Menschen, der erst zu einem Nazi geworden ist, und das muss nicht einmal zwingend ein böser Mensch gewesen sein. Diese Entwicklung interessiert mich viel mehr als das übliche Schwarz-Weiß-Denken. So einfach ist die Welt nun einmal nicht", meint Kutscher im E-Mail-Interview mit der "Wiener Zeitung".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-07 16:57:10
Letzte ─nderung am 2017-04-07 17:00:11



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