• vom 17.04.2017, 16:20 Uhr

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Update: 03.05.2017, 14:06 Uhr

Comic

Tanz am Abgrund der Gewalt




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Von Martin Reiterer

  • Mit "Tollhaus Kischinew" beendet der Zeichner Joann Sfar die Serie "Klezmer" über seine russisch-jüdischen Wurzeln.

Die Opfer des Pogroms durften nicht begraben werden.

Die Opfer des Pogroms durften nicht begraben werden.© Avant Verlag Die Opfer des Pogroms durften nicht begraben werden.© Avant Verlag

In einem seiner Reiseberichte aus dem Band "Zwanzig Lewa oder tot" (2017), in dem Karl-Markus Gauß über die "Helden und Gespenster" von Chisinau (Republik Moldau) schreibt, drückt der Autor seine "Verstörung" darüber aus, dass so wenige der Chisinauer "etwas von den Juden wussten, die in ihrer Stadt vor hundert Jahren doch fast die Hälfte der Einwohnerschaft ausgemacht hatten, [und] dass sie kaum etwas von deren furchtbarem Ende wissen wollten (...)."

Im letzten, abschließenden Band seiner Comicserie "Klezmer" steuert der französische Zeichner Joann Sfar genau auf dieses gespenstische Kischinew - so Chisinau auf Russisch - zu, in dem 1903 zum Osterfest eines der grausamsten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt durchgeführt wurde. Doch beginnen wir weiter vorne. In der fünfbändigen Comic-Reihe, dessen erster Band 2005 erschienen ist, lässt Sfar eine Gruppe von Klezmer-Musikern, nachdem sie eine Weile die ukrainisch-russischen Wälder durchstreift haben, in Odessa aufeinandertreffen: Noe Davidovitsch, genannt der Baron, der bei einem Überfall eines konkurrierenden Klezmer-Orchesters als Einziger von seiner Band mit dem Leben davongekommen ist, Chava, die ihm auf dem Fuß folgte, um einer arrangierten Hochzeit zu entkommen, Vincenzo und Jaacov, die wegen Diebstahls aus ihren Talmudschulen hinausgeschmissen wurden. Hinzu kommt Tchokola, der Zigeuner, der im letzten Augenblick von den beiden Letzteren vom Strick gerettet wurde.


Freidenker-Gauner
Das ergibt eine bunt gemischte Truppe, ob eine "Gaunerbande" (wie sie sich selbst nennen) oder eine "schöne Bande Freidenker" (wie sie der Autor im Nachwort bezeichnet). Auf der Flucht sind sie doppelt, nicht nur jeder auf seine Art, um die eigene Haut zu retten, sondern auch, um die Regeln einer Gesellschaft zu brechen und aus ihrer Enge auszubrechen. Die Musik, die Sfar mit vibrierender Virtuosität in Zeichnung umsetzt, hilft ihnen dabei.

Das Odessa, das den Hintergrund für Sfars Geschichten darstellt, ist das Odessa des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Das lebendige jüdische Leben der Stadt steht vor einer Entscheidung, denn Zar Alexander III. hat gegen die zunehmenden Probleme im eigenen Reich ein wundersames Heilmittel gefunden, das Nikolaus II. fortsetzt: den Antisemitismus. Teile der jüdischen Bevölkerung verlassen daher Russland in Richtung Palästina oder New York. Nicht so Sfars jüdische Figuren. Denn während der philosophierende Zeichner in seiner berühmten Comic-Reihe "Die Katze des Rabbiners" den algerisch-maghrebinischen Wurzeln seiner Familie auf der Spur war, so folgt er in "Klezmer" dem russischen Zweig seiner Verwandten. Und diese haben Europa nicht verlassen.

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Schlagwörter

Comic, Sfar, Klezmer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-17 16:24:05
Letzte ─nderung am 2017-05-03 14:06:06



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