• vom 18.04.2017, 14:01 Uhr

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Update: 18.04.2017, 14:08 Uhr

Kolumbien

"Wir laufen nicht mehr auf die Hölle zu"




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Von Philipp Lichterbeck

  • Héctor Abad gilt als Kolumbiens neuer Literaturstar. Ein Treffen mit dem Autor in Medellín.



Medellín. Héctor Abad sitzt im Glashaus. Die Bibliothek der kolumbianischen Privatuniversität Eafit, die er leitet, wurde mit großzügigen Räumen, weiten Flächen und Glasfassaden errichtet. Abad hat von seinem Büro im Erdgeschoß einen unverstellten Blick auf den Campus; und die Studenten haben freie Sicht auf ihren berühmten Bibliothekschef.

Der 58-jährige Abad, schlohweißes Haar, grauer Bart, bietet Tee an, ungewöhnlich im Kaffeeland Kolumbien. Umso mehr in der Kaffeestadt Medellín, die in den vergangenen Jahren einen erstaunlichen Modernisierungsprozess durchgemacht hat und heute als eine der hippsten Städte Südamerikas gilt. Den Tee erklärt Abad, der viel Zeit in Europa zugebracht hat, damit, dass nachmittags eben "tea time" sei.


Nicht erst seit Héctor Abad seinen großen Familienroman "La Oculta" (Berenberg-Verlag, 2016) veröffentlicht hat, gilt er in seiner Heimat als wichtige politische Stimme, die trotz allem Schmerz zu Frieden, Versöhnung und Erinnerung aufruft. Abad schreibt eine Kolumne in der Medelliner Tageszeitung "El Espectador", einem der größten Blätter des Landes.

Wunderbarer Vorgang
Héctor Abad sagt, dass die gewalttätige und nicht einfach zu erklärende Geschichte Kolumbiens wohl nur als Familiengeschichte zu erzählen sei. Denn wie sonst wolle man einem mehr als 50 Jahre währenden Bürgerkrieg beikommen, der hunderttausende Menschen das Leben gekostet hat und Millionen Vertriebene produzierte? In dem zehntausende Menschen entführt und gefoltert wurden. In dem der Staat gemeinsame Sache mit rechten Paramilitärs machte. In dem gleich mehrere linke Guerillagruppen, die USA und das Kokain entscheidende Rollen spielten.

"Durch die Familiensaga kann ich der Geschichte Kolumbiens Gesichter gegeben", sagt Abad, "kann das Leid, das Glück, die Absurdität anschaulich machen." Er fügt hinzu, dass diese Geschichte nun endlich eine Zäsur brauche. Deswegen hat Héctor Abad sich von Anfang an für den Friedensvertrag starkgemacht, den Kolumbiens Präsident Manuel Santos nach langen Verhandlungen mit der marxistischen Farc-Guerilla im November 2016 geschlossen hatte. Der Vertrag wurde von den Kolumbianern zwar zunächst in einem Referendum knapp abgelehnt, aber nach einigen Modifikationen vom kolumbianischen Kongress auf Drängen von Santos ratifiziert. Am 6. April dieses Jahres haben beide Seiten die erste Runde der Friedensverhandlungen für abgeschlossen erklärt. Rund 7000 Farc-Kämpfer ziehen in diesen Tagen auf ihrem letzten Marsch in eigens eingerichtete Friedenscamps, wo sie ihre Waffen abgeben. Die Demobilisierung der ältesten und schlagkräftigsten Guerilla Lateinamerikas scheint im Wesentlichen zu klappen - wenn man von organisatorischen Schwächen und einigen abtrünnigen Farc-Kämpfern absieht. Dennoch wird das Abkommen von der extremen Rechten Kolumbiens um Ex-Präsident Àlvaro Uribe weiterhin abgelehnt, weil die Zugeständnisse an die Guerilla zu weit gingen. Jüngsten Berichten zufolge kam es zu wiederholten Einsätzen des Militärs. Die zweite Verhandlungsrunde soll am 3. Mai beginnen und ist bereits überschattet von Konflikten.

Héctor Abad hält hingegen den Friedensprozess für einen "außerordentlichen, wunderbaren, historischen Vorgang". Er sagt: "Wir kämpfen immer noch darum, der Hölle zu entkommen. Aber wir entfernen uns von ihr und laufen nicht mehr auf sie zu." In gewisser Weise ist Abads Roman somit auch ein Rückblick auf ein Land, das sich entschieden hat, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Mittelpunkt ist die titelgebende Finca La Oculta (die Verborgene), in der fruchtbaren Region Antioquia. Um die Finca herum entspinnt Abad die Familienstory zweier grundverschiedener Schwestern und ihres schwulen Bruders, wobei er weit in die Geschichte Kolumbiens zurückgreift, Episoden von Paramilitärs und Guerilla ausgräbt, vieles davon ist autobiografisch. Zwei Frauen und ein Schwuler als Finca-Inhaber, das entspricht so gar nicht den Vorstellungen, die man in Kolumbien immer noch von Landbesitzern hat. Tatsächlich bleibt einem besonders ein Bild im Gedächtnis: viele Männer mit Cowboyhüten, Karohemden und Stiefeln, die die Dorfplätze und Bars rauchend und trinkend bevölkern. Unbegleitete Frauen: fast keine.

Gewalt führt zu Gewalt
Ein weiterer Protagonist des Romans ist La Oculta, das Familienanwesen. Die Frage des Bodens und seiner Verteilung, erläutert Abad, sei in Kolumbien immer noch unbeantwortet. Es herrsche nach wie vor eine riesige Ungerechtigkeit. "Es gibt Dörfer in Kolumbien", sagt Abad, "da ist kein Platz für eine Schulsportanlage, weil einem Großgrundbesitzer alles Land gehört. Dort grasen dann Rinder." Wenn man versuche, an diesen Verhältnissen etwas zu ändern, müsse man um sein Leben fürchten, sagt Abad. Der Staat sei zwar in den Städten präsent, aber nicht auf dem Land. Vielleicht ist deshalb der neue kolumbianische Frieden zwar die Abwesenheit von Krieg, aber nicht der Bedingungen, die ihn auslösten. Nur daran, dass man die Verhältnisse mit Waffen ändern könne, glaubt Abad nicht. Gewalt, so habe die Geschichte bewiesen, führe nur zu noch mehr Gewalt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-17 16:27:05
Letzte nderung am 2017-04-18 14:08:35



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