• vom 18.04.2017, 11:11 Uhr

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Update: 18.04.2017, 11:23 Uhr

Sachbuch

Hinter den Kulissen der Weltfinanz




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Von Wolfgang Taus

  • Das Sachbuch "Wem gehört die Welt?" gibt dem anonymen Kapital ein Gesicht.

Der weltweitgrößte Vermögensverwalter Blackrock. - © Reuters

Der weltweitgrößte Vermögensverwalter Blackrock. © Reuters

Es ist eine Art Kartografie des globalen Finanzwesens, das der renommierte Wirtschaftsjournalist Hans-Jürgen Jakobs zusammen mit seinem Team aus rund 50 Kollegen der deutschen Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" hier in seinem hochinteressanten Buch vorlegt. Es werden in dem Band 200 der international einflussreichsten Kapitaleigner und Macher des Neokapitalismus mit Foto und einem kurzen Essay vorgestellt. Dabei geht es nicht allein um die schiere Größe, sondern auch um die Macht in Schlüsselbereichen. So wird dem anonymen Kapital, das man sonst im Dunkeln nicht sieht, ein Gesicht gegeben. Entscheidend war die Verfügungsgewalt, also das Stimmrecht, welches jemand mobilisieren kann. Eine Kurzbeurteilung der Akteure und ihrer Institutionen - nach den Kriterien Nachhaltigkeit, Unbestechlichkeit, Steuerehrlichkeit, Humanität und Transparenz - bietet eine gewisse Orientierungshilfe.

Die Politik hat den Banken nach der Finanzkrise 2007/2008 eine maximale Transparenz verordnet. Doch die weiten Finanzlandschaften jenseits der Kreditinstitute sind von diesem Gebot weitgehend unberührt geblieben. Sie firmieren als "Schattenbanken". "Das ist der blinde Fleck des Neokapitalismus. Die nächste Krise wird in diesem Sektor entstehen", prognostiziert der Autor. Sicher prägen Innovationen und Erfindungen neue Märkte mit, aber ohne die großen Kapitalgeber, die sich aus Investments Rendite versprechen, bleiben sie nur "Idee". Wer Aufklärung über den globalen Kapitalismus der neuen Zeit will, der müsse nach dem Eigentum fragen. Das tut Jakobs mit seinem Team. Viele der hier veröffentlichen Fakten waren vorher unbekannt, so Jakobs. In der alltäglichen Medienberichterstattung über Wirtschaft erscheinen meist die obersten Angestellten des Systems, die Vorstandschefs. In der angelsächsisch geprägten Konzernökonomie firmieren sie als Chief Executive Officer (CEO).

Information

Sachbuch

Hans-Jürgen Jakobs:
Wem gehört die Welt?

Knaus 2016, 680 Seiten,

37,10 Euro

Vieles in dieser Sphäre des Erwerbsstrebens ist transparent: ihr Gehalt, ihre Boni, ihre Rentenansprüche, ihre Firmenpolitik. Von den meisten Aufsichtsräten allerdings weiß die breite Öffentlichkeit schon deutlich weniger. Und über die eigentlichen Eigentümer sickerten bisher noch weniger Informationen durch. Dieses Buch versucht, mehr Licht ins Dunkel zu bringen über diejenigen also, "die die Kapelle bezahlen, nach deren Musik das Saalpublikum tanzt" - die "Chefs der Chefs", die "Herren des Geldes".

Oberstes Motto: Diskretion

Diskretion bleibt für diese elitäre oberste Schicht des Finanzadels das oberste Motto ihres Gewerbes. Das ist fatal in einem System, in dem Anlageentscheidungen global in Nanosekunden automatisch fallen, gesteuert von Computerprogrammen und Algorithmen. Zu Beginn der Untersuchung steht der "Fall Ackermann". Der einst mächtige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, wollte im Herbst 2011 Aufsichtsratsvorsitzender seiner Bank werden. Doch er scheiterte konkret an Larry Fink, CEO des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock, der über die unvorstellbare Summe von 4,9 Billionen Dollar disponiert. Das entspricht dem Eineinhalbfachen der Wirtschaftsleistung Deutschlands und dem Dreizehnfachen jener Österreichs!

Blackrock ist mit einem Anteil von sechs Prozent auch einer der wichtigsten Großaktionäre der Deutschen Bank. Blackrock lehnte einen direkten Wechsel eines Firmenchefs in den Aufsichtsrat ab.

Die Frage "Wem gehört die Welt?" muss so beantwortet werden: Sie gehört denjenigen, die mit dem Geld anderer arbeiten und so eine eigene "Kunstwelt" schaffen - bis zum Platzen der nächsten Blase.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-18 11:18:05
Letzte ─nderung am 2017-04-18 11:23:53



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