• vom 19.04.2017, 16:34 Uhr

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Update: 03.05.2017, 11:39 Uhr

Sachbuch

Die Schimären des Glücks




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Von Oliver vom Hove

  • Der Psychoanalytiker Carlo Strenger über das "Abenteuer Freiheit".

Die Freiheit der liberalen Gesellschaft gerät, wenn wir nicht aufpassen, unweigerlich unter die Räder. Wir können uns gegenseitig versichern, wie hart erkämpft unsere individuelle Freiheit als Grundrecht, auch als Religionsfreiheit, ist - islamistische Fundamentalisten sehen darin eine Schwäche des Westens. Dazu kommt, dass autoritäre Führergestalten danach trachten, die Grundfesten unserer Freiheit auszuhöhlen.

Tatsächlich, so schreibt der Schweizer Psychoanalytiker Carlo Strenger, ist uns zwischen Fitnessstudio und Konsumtempeln der Sinn für das "Abenteuer Freiheit" weitgehend abhanden gekommen. Stattdessen herrscht im Westen der Glaube vor, es gäbe so etwas wie "ein Grundrecht auf Glück", und wenn es sich nicht einstellt, seien die Eltern, die Gesellschaft oder die Politik haftbar zu machen. Strenger macht dafür Rousseau verantwortlich, der dem Einzelnen die Entfaltung seines wahren Wesens versprach, wenn er sich nur genügend der Bedingungen seiner Herkunft entledigte. Die Teilnehmer an der Wohlstandsgesellschaft sind vollauf mit ihrem Ego beschäftigt. Ihr Begehren zielt auf Anerkennung und Statusglück. Dabei kommt die Anteilnahme am Gemeinwesen, die Verantwortung für andere, zu kurz. Die Freiheit bleibt ungeschützt.


Nährboden für Kränkungen
Zu viel Anspruchsdenken bildet den Nährboden für Kränkungen, für ein unglückliches Bewusstsein, das sich zunehmend auch in vehementer politischer Unzufriedenheit Luft macht. Strenger stellt dazu fest: "Das spätkapitalistische Narrativ, man könne das Glück kaufen oder durch intensives Training oder harte Arbeit erreichen, hat sich mittlerweile als Schimäre entpuppt." Er beruft sich auf Freud, der insistierte, "Neurosen seien nicht darauf zurückzuführen, dass unsere Eltern und die Gesellschaft uns etwas vorenthalten haben, sondern darauf, dass das Leben nun einmal von unlösbaren Konflikten geprägt sei, mit denen man zurechtkommen müsse." Zurechtkommen müssten Zeitgenossen heute mit der Einsicht in Grenzen, so Strenger: Grenzen des Anspruchsdenkens, schrankenloser Selbstentfaltung, ungebrochener Glückserwartung.

Aus Erfahrung weiß der Psychoanalytiker um den Leistungsdruck, den Menschen, die durch persönlichen oder ökonomischen Ehrgeiz überfordert sind, sich selber auferlegen. Sein Remedium ist durch die antike Stoa ebenso bewährt wie durch den modernen Existenzialismus: Maß halten. Die infantile Anspruchsgesellschaft muss erwachsen werden.

Sachbuch

Abenteuer Freiheit

Carlo Strenger

Suhrkamp, 123 Seiten, 14,40 Euro




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-19 16:39:11
Letzte nderung am 2017-05-03 11:39:07



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