• vom 22.04.2017, 12:00 Uhr

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Literaturvergleich

Des Bären fette Keule




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Von Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury

  • Friedrich Schiller und Karl May haben mehr gemeinsam, als üblicherweise angenommen wird. Ein essayistischer Vergleich.

Zwei Abenteurer im Geiste. - © Wikimedia, Karl-May-Gesellschaft,WZ-Montage

Zwei Abenteurer im Geiste. © Wikimedia, Karl-May-Gesellschaft,WZ-Montage



Sagen Sie nicht: Das sei wie Äpfel mit Pferdeäpfeln vergleichen. Den großen Schwaben und den kleinen Sachsen in ein und denselben Korb legen - das gehe doch nicht. Oh doch, es geht!

Information

Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury leben in Bamberg: er ist Autor, Literaturkritiker und Universitätsdozent, sie Autorin, Literaturwissenschafterin und Dozentin.

So ganz absurd ist der Gedanke gar nicht. Schon Thomas Mann zog in seinem "Versuch über Schiller" von 1955 eine Linie von dem einen zum anderen: "Aber das Lächeln, das wir uns gelegentlich zu verbeißen haben vor Schiller’scher Grandiosität, gilt einem Ewig-Knabenhaften, das zu ihr gehört, dieser Lust am höheren Indianerspiel, am Abenteuerlichen und psychologisch Sensa-tionellen . . ." Ohne Einschränkung trifft diese Charakterisierung auch auf Karl May zu - und ebenso auf seine Leser.

Zu den großen May-Lesern und -Interpreten gehört Arno Schmidt. Nicht von ungefähr setzt er drei Kapiteln seiner Karl-May-Studie "Sitara und der Weg dorthin" Motti aus Schiller-Werken voran. Schmidts größter Schüler wiederum, Hans Wollschläger, gibt in einem Interview jedem Jugendlichen den Rat, "auf seinem Lese-Lern-Prozeß, wenn er mit May durch ist", Schiller unmittelbar anzuschließen.

Schillers Dramatik kennt - wie Mays Romane - grausame Effekte und rührselige Szenen. Hier ein Auftritt aus "Die Jungfrau von Orleans" (Salzburger Festspiele 2013).

Schillers Dramatik kennt - wie Mays Romane - grausame Effekte und rührselige Szenen. Hier ein Auftritt aus "Die Jungfrau von Orleans" (Salzburger Festspiele 2013).© apa/Barbara Gindl Schillers Dramatik kennt - wie Mays Romane - grausame Effekte und rührselige Szenen. Hier ein Auftritt aus "Die Jungfrau von Orleans" (Salzburger Festspiele 2013).© apa/Barbara Gindl

Mit so prominenter Rückendeckung kann man sich leichteren Herzens an den Vergleich wagen. Tatsächlich gibt es schon im schriftstellerischen Alltag auffällige Parallelen: Sowohl Schiller als auch May müssen zu den besessenen, den fiebrigen Literaten gerechnet werden. Sie schreiben bis zu 14 Stunden hintereinander, oft ganze Nächte hindurch. Um sich wach zu halten, sind beide exzessive Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Karl May war Kettenraucher, Schiller Kettenschnupfer, stets stand die Schnupftabakdose in Reichweite.

Zwei Schwerarbeiter

Dabei sind beide im Wortsinn "unheimlich" produktiv. In 37 Arbeitsjahren schreibt May 100 dicke Bände (so viele soll jedenfalls die Historisch-kritische Ausgabe haben); allein von 1882 bis 1887 umfassten seine riesigen Kolportageromane rund 24.000 Seiten - oder für heutige Computerbenutzer: fast 42 Millionen Zeichen! Genauso erstaunlich ist, welch ein Mammutwerk Schiller seinen alles andere als angenehmen Lebensumständen abtrotzte. Stellt man das Verzeichnis seiner Werke dem seiner Krankheiten gegenüber, kann man kaum glauben, dass beide in ein und demselben Dasein Platz hatten.

Das protestantische Arbeitsethos reicht zur Erklärung für diese übermenschliche Disziplin- und Kreativleistung nicht aus, sie nötigt tiefes Staunen ab, besonders wenn man die Qualität des Schiller’schen Werks bedenkt. Doch auch May versuchte, sich und seinen Schreibstil am klassischen Ideal zu veredeln. Jedesmal, wenn Karl May zu schreiben begann, fiel sein Blick auf folgenden Zettel, den er über dem Schreibtisch angebracht hatte:

"Die Gestalten klar, hell, rein

und groß

Vermeide harte, grelle,

schmerzhafte Lichter

Klassische Formen, in erhabe-

ner, abgeklärter Ruhe

Flimmere nicht! Sei nicht

theatralisch!

Schlichte Wahrheit!

Hüte dich zu schulmeistern!"

Gerade das aber blieb May auf Lebenszeit: ein verhinderter Schulmeister! Durch jugendliche Vergehen scheiterte seine Katheder-Karriere, also setzte er sie in den Büchern fort, wo seine Ich-Helden selbst die größten internationalen Experten schlimmer Irrtümer überführen und Nachhilfe geben. Wahrscheinlich finden sich auch deshalb bei May so viele rhetorische und andere Fragen, so viele Lehrsätze und Sprichwörter. Da fehlen natürlich auch nicht die Schiller-Worte, denn des Klassikers Sentenzen-Seligkeit ist geradezu notorisch.

So reichlich fallen Wahrsprüche in Schillers Balladen und Dramen an, dass man schon im frühen 19. Jahrhundert für alle Lebenslagen thematische Sammlungen seiner geflügelten Worte anlegte.

Mays Merksprüche

Die bekanntesten sprichwörtlich gewordenen Wendungen Mays stehen - teils wörtlich, teils variiert - Tag für Tag in den Zeitungen. Es sind die Titel seiner Werke: "Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, In den Schluchten des Balkan".

Doch auch andere May-Merksprüche nehmen es in puncto Anschaulichkeit mit den Schiller-Zitaten auf. So heißt es im Wilden Westen: "Seit wann wagen es die Prairiehasen, zum Grizzlibären zu gehen, um ihm Befehle zu erteilen?" Oder in leichter Variation: "der gewaltige Bär ist stolz; er verschmäht es, die kleine, feige Ratte zu zermalmen." Dieser letzte Indianer-Spruch hätte auch von Friedrich Schiller stammen können, denn der beschäftigte sich mit Tieren und Indianern, als er 1797 unter dem Titel "Nadowessische Totenklage" ein Sioux-Begräbnis in Verse fasste. In diesem längeren Gedicht heißt es unter anderem:

Bringet her die letzten Gaben,

Stimmt die Todtenklag‘!

Alles sey mit ihm begraben,

Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die

Beile

Die er tapfer schwang,

Auch des Bären fette Keule,

Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf

geschliffen,

Das vom Feindeskopf

Rasch mit drey geschickten

Griffen

Schälte Haupt und Schopf.

Farben auch, den Leib zu

mahlen

Steckt ihm in die Hand,

Daß er röthlich möge strahlen

In der Seelen Land.

Dieses Indianergedicht zählte Goethe zu Schillers "allerbesten Gedichten, und ich wollte nur, dass er ein Dutzend dieser Art gemacht hätte". Leider rieten ihm Körner und Humboldt ab, so dass es sein einziges blieb.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 16:33:07
Letzte nderung am 2017-04-20 16:48:38



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