• vom 22.04.2017, 17:00 Uhr

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Indianer

Vom Wunsch, Winnetou zu sein




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Von Gerhard Strejcek

  • Die Apachen-Indianer waren keine Friedensengel, wie uns der romantische Karl-May-Held glauben machen wollte. Historische Zeugnisse zeigen Bilder eines kriegerischen, mitunter auch grausamen Stammes.

Apachen-Scout auf dem Rücken eines Pferdes, um 1906. - © Smith Collection/Gado/Getty Images

Apachen-Scout auf dem Rücken eines Pferdes, um 1906. © Smith Collection/Gado/Getty Images

Franz Kafka veröffentlichte vor mehr als hundert Jahren einige kleinere Texte, die er sorgfältig auswählte, darunter den aus nur einem Satz bestehenden "Wunsch, Indianer zu werden".

Dieser Titel inspirierte viel später (1994) Peter Henisch zu einem ganzen Buch. Kafkas Text ist insgesamt sehr kurz, ein wenig rätselhaft, wirkt durch den verwendeten Konjunktiv sehnsuchtsvoll und verbreitet einen Hauch von Existenzialismus: "Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte auf dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf."

Information

Literaturhinweise:
John Ross Browne: Abenteuer im Apachenland, Aufbruch ins Ungewisse, Weltbild Verlag, Augsburg 2004

Nur auf Englisch verfügbar:

Paul Andre Hutton:
The Apache Wars, 2016
Sam K. Dolan, Cowboys and Gangsters. Stories of an Untamed Southwest, 2016
The Apache Scouts: The History and Legacy of the Native Scouts Used During the Indian Wars, CreateSpace Independent Publishing Platform
 
The Apache Wars: The History and Legacy of the U.S. Army’s Campaigns against the Apaches, Charles River Ed. 2015

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien,

Woher stammte Kafkas Indianer-Bild? Von Ausstellungen, wie sie in der k.u.k. Monarchie regelmäßig auch über die indigenen Völker stattfanden, darunter die lebend zur Schau gestellten jungen "Esquimaux", aus authentischen, historischen Darstellungen oder doch (nur) aus dem Roman, wie ihn Karl May in virtuoser Form verfasst und massenhaft unter das Volk gebracht hatte?

Karl Mays "Quellen"

Im Bestseller "Winnetou I", der zunächst 1892 erschien, gibt es mehrere Stellen, die zu einem ähnlichen Bild eines Indianers inspirieren können. Der Winnetou-Text, den Kafka mit Sicherheit gelesen hat, gehört zu den literarisch anspruchsvolleren des Kolportage-autors, Trivialschriftstellers und "Reiseromanciers". May, der nur einmal und lange Jahre nach Erscheinen seiner Tetralogie (Winnetou I-III, Winnetous Erben) die USA bereiste, hatte seine Informationen über Ausrüstung, Sitten und Gebräuche der Mescalero-Apachen selbst aus zeitgenössischen Büchern übernommen.

Bei mehreren Gefängnisaufenthalten wegen Vermögensdelikten, Amtsanmaßung und Nötigung in den 1860er Jahren hatte er die Bücherei der Haftanstalt betreut, wo er kaum mit wissenschaftlich fundiertem Schrifttum in Kontakt gekommen sein dürfte. Aber auch die damals verfügbaren authentischen Schilderungen von Begegnungen mit den Apachen, wie sie etwa von John Ross Browne stammen, kannte May offenkundig nicht. Er hätte nicht Englisch lernen müssen, um diese zu lesen, denn eine deutsche Übersetzung des Werks "Abenteuer im Apachenland" erschien schon 1871 in Jena beim Verlag Costenoble.

Folgeauflagen des Werks kamen ab 1874 in Gera heraus, nicht allzuweit von Mays Heimat Hohenstein-Ernstthal und seinem späteren Wohnort Radebeul bei Dresden entfernt. Noch älter war die 1851 auf Deutsch übersetzte und publizierte Darstellung George Catlins, "Die Indianer-Noramerikas - die während eines achtjährigen Aufenthalts unter den wildesten ihrer Stämme erlebten Abenteuer-Schicksale". Catlins Buch gab es selten, aber Brownes eher nüchterne und vom Geist des Minen- und Explorationsexperten motivierten Schilderungen des Apachenlandes waren mit Sicherheit in Sachsen im Buchhandel und in Büchereien verfügbar.

Es ist reizvoll, Brownes und Mays Schilderungen, die fast zur selben Zeit denselben Schauplatz betreffen, miteinander zu vergleichen. Der irischstämmige Autor, dessen Walfangbuch 1844 Herman Melville insprierte, der im selben Ort wie Jahrzehnte später der 1876 geborene Jack London in Kalifornien lebte (Oakland) und der auch Mark Twain beeinflusste, unternahm mehrere Reisen nach Arizona, Sonora und Texas.

"Mowry-Massaker"

Sein mit Originalzeichnungen versehenes Werk, das die von Jack London hymnisch verehrte Bibliothekarin von Oakland gewiss ihrem Schützling empfohlen hatte, enthält auch einen Bericht vom Mowry-Massaker. Unweit der mexikanischen Grenze waren zwei Minenangestellte von Apachen ermordet worden und wenig später konnte ein allein reisender Arzt mit Mühe demselben Schicksal entkommen. Brownes Reisegruppe, der auch ein Indianerbeauftragter angehörte, fand wenige Wochen nach der Ermordung der beiden jungen weißen Minenarbeiter blutige Pfeile und Kampfspuren am Schauplatz des Überfalls vor.

Gewiss hätte dieser gruselige Ort Karl May angeregt: Es handelte sich um eine Schlucht unweit der Mowry-Silbermine, die ursprünglich "Patagos"-Mine hieß. Die Apachen hatten in einem Bachbett gewartet und ihren späteren Opfern aufgelauert, die sie gnadenlos angriffen. In dieser Gegend lag auch die viel später berühmt gewordene Geisterstadt Ruby, in der mehrfach die Betreiber des einzigen Geschäfts samt Post und Telefonanschluss ermordet wurden - allerdings von weißen und mexikanischen Banditen.

Die Unruhen dort zogen sich demnach mehr als 50 Jahre dahin, in denen sich in Arizona der Ruf eines ungezähmten und immer noch wilden Westens aufrecht erhielt. Die Minenstadt Ruby, deren Name auf die Frau des einzigen Greißlers zurück ging, wurde 1941 verlassen und kann heute noch als ghost town besichtigt werden.

Viele Verteidiger Mays, die in den Karl-May-Jahrbüchern und Artikeln publizierten, verwiesen darauf, dass der Autor auf Basis seines Wissens die Indianer gerecht und einigermaßen authentisch geschildert hätte. Aber die Tücke lag im Detail. Browne hatte sowohl die Kriegstaktik der Apachen in Arizona als auch ihre Ausrüstung, darunter eine Art Lederhelm, beschrieben. In Mays Roman tragen sie keine Kopfbedeckung und werden kurzerhand als Bewohner eines Pueblos hingestellt, in dem Winnetou wie in einem Penthouse lebt. Mays Helden wie der "gemeinsame Häuptling aller Apachen" Intschu-tschuna, Winnetous Vater, kämpfen mit dem Tomahawk, die in Mowry aktive Bande aber schoss mit Flinten, durchbohrte die verwundeten oder toten Opfer mit Pfeilen und Lanzen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 16:33:10
Letzte ńnderung am 2017-04-20 16:52:29



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