• vom 23.04.2017, 14:00 Uhr

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"Ich bin meine eigene Fiktion"




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Von Wend Kässens

  • Sprachsuche als Glücksjagd: Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon ist ein Grenzgänger der Literatur. Lob eines Nicht-Festlegbaren.

"Ich bin ein Sprachmensch, kein Inhalteverteiler": Paul Nizon sieht sich nicht als Geschichtenerfinder.

"Ich bin ein Sprachmensch, kein Inhalteverteiler": Paul Nizon sieht sich nicht als Geschichtenerfinder.© apa/Neubauer "Ich bin ein Sprachmensch, kein Inhalteverteiler": Paul Nizon sieht sich nicht als Geschichtenerfinder.© apa/Neubauer

Paul Nizon, ein über Europas Grenzen hinaus anerkannter Autor höchster Sprachkunst, steht bei Kritik wie Lesern in einer widersprüchlichen und heterogenen Wahrnehmung. Der differenzierte Umgang mit komplexer Sprache gehört selten zum Mainstream. Der 87-jährige Schweizer, der seit 40 Jahren in Paris lebt, ist aber in Frankreich dennoch geschätzt, vielfach ausgezeichnet, und wurde 1988 als Chevalier de l’ Ordre des Arts et des Lettres gleichsam eingemeindet.

Die Literaturkritik in Deutschland ist polarisiert. Man ist irritiert durch die enge Verbindung von Erzähl- und Sprachkunst, Essayistik und Reflexion, die in Frankreich eher üblich und für Nizons Werk stilbildend ist. Die einen werfen ihm vor, unpolitisch zu sein, beklagen seinen angeblichen Stoffmangel, unterstellen Wortverliebtheit, verweisen auf Erotizismen und Ich-Bezogenheit - und stören sich an der literarischen Unbedingtheit dieses Autors. Andere bewundern die große Eindringlichkeit seiner Wortschöpfungen und Bildfindungen, seine Neugier und poetische Kraft, die Vielschichtigkeit und Doppelbödigkeit seiner Texte, die sich oft in Tag- und Nachtträumen offenbaren, und preisen sie als Fest der Sprache.


Walser und Van Gogh



Zwei Gewährsleute stehen hinter Nizons Werk: Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser - und der Maler Vincent van Gogh, über den Nizon 1957 promovierte. "Was Walser anging", so Nizon, "so zielte die frühe Ahnung dahin, dass man auch ohne Anliegen, Inhalte, ohne Botschaft, ja überhaupt ohne nennenswerte Thematik dennoch ein Schreibgeschäft betreiben und am Leben halten kann - mit nichts als Sprache. (. . .) In Vincents Fall wird dem schöpferischen Akt nicht weniger als Selbsterlösung, ja Selbsterschaffung zugemutet. Der Weg stellt sich in der Form eines langen Marsches dar. Er hat viele Stufen, er führt aus der Nacht an ein Licht; er wird mit dem eigenen Leben bezahlt. Dementsprechend der Werkbegriff: existentiell."

Nizon definiert sein Schreiben also nicht als Erfindung und Entfaltung von Stoffen. In seinem zweiten Buch, dem Roman "Canto" von 1963, lesen wir auf die typische Frage an einen jungen Autor, "Was haben Sie zu sagen?": "Nichts, meines Wissens. Keine Meinung, kein Programm, kein Engagement, keine Geschichte, keine Fabel, keinen Faden. (. . .) Weder Lebens-, noch Schreibthema, bloß matière, die ich schreibend befestigen muss, damit etwas stehe, auf dem ich stehen kann."

Der Titel von Nizons Frankfurter Poetik-Vorlesungen lautet demgemäß: "Am Schreiben gehen". Ein Schreiben also, das vom eigenen Lebens- und Erfahrungsprozess ausgeht als ein Sich-Aussetzen mit allen Sinnen, als ein existenzielles Wahrnehmen der Welt, das zur Sprache drängt und dabei erst den Autor hervorbringt. "Ich bin ans Schreiben gekettet wie an ein Beatmungsgerät", hat Nizon das einmal genannt. "Bei mir ist das Glücksjagen ein Sprachsuchen, deshalb bleibt für andere wenig übrig", sagt er lakonisch und meinte damit die Menschen seines nächsten Umfeldes. Er war dreimal verheiratet.

Das Motiv des unruhigen Unterwegsseins und, damit verbunden, des Scheiterns in den persönlichsten Beziehungen zieht sich durch das Werk. Die einzige Liebe, die schon sein Leben lang hält, ist die zur Sprache. Das war ein Problem für seine Frauen - und auch für ihn selbst! Auch Sexus und Eros sind seinen Büchern eingeschrieben. "Am Schreiben gehen" - darin steckt eine komplexe Wechselwirkung, eine enge Verknüpfung des Literarischen mit dem Existenziellen, der Sprache mit dem Leben - sodass diese Dichtungen zwar als autobiografisch grundiert erkannt werden können, aber keinesfalls als Autobiografien zu lesen sind.

Sprache ist auch Distanz, Verrückung. Zur Sprachkunst gehört die Ambivalenz, die irritierende Zweideutigkeit, mit der Nizon spielt wie kein Zweiter. Das ist sehr französisch! Seit Rimbauds Satz "Ich ist ein anderer" haben die französischen Sprachwissenschafter und Philosophen, nicht zuletzt Roland Barthes oder Jaques Lacan, über das Ich und die Wirklichkeit nachgedacht. Nizon versucht in seinen Fiktionen alles zu tilgen oder zu übermalen, was die eigene Biografie ins Spiel bringt. Dabei entsteht schönste Dichtkunst, die mitunter dennoch dem eigenen Leben und Erleben unmittelbar entsprungen scheint.

Von daher ist Nizons literaturkritischer, von manchen als Anmaßung verstandener Satz zu verstehen: "Ich bin ein Sprachmensch, kein Inhalteverteiler." Nizon spielt mit der Fiktion, sie ist der Spiegel, in dem er sich zur Kenntlichkeit verrückt. Oder, umgekehrt, unkenntlich macht. "Ich bin" sagt er, "eigentlich meine eigene Fiktion, so wie meine Plätze, Lebensschauplätze und Paris fiktionale Räume meiner Existenz sind."

Leser und Kinogeher
Das ist eine deutliche Absage an Geschichtenerfinder, die noch an die zusammenfassende Darstellung der Wirklichkeit glauben, an verbindliche Werte und die moralischen Impulse ihrer Aussagen. Damit sitzt Nizon - zumindest in Deutschland - zwischen den Stühlen. Sein Anspruch, in die Phalanx jener Schriftsteller von europäischem Rang zu gehören, die die klassische Moderne und die Postmoderne als produktive, literarische Herausforderung mitbestimmt haben, ist nicht nur berechtigt, seine Bücher halten diesem Anspruch auch stand.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 17:06:13
Letzte ─nderung am 2017-04-20 17:21:09



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