• vom 22.04.2017, 16:50 Uhr

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Update: 22.04.2017, 16:59 Uhr

Literatur

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Von Christina Böck

  • Annika Siems hat Graham Greenes "Der dritte Mann" illustriert: keine leichte Aufgabe im Schatten des berühmten Films.

Riesenrad-Perspektiven in Sepia aus dem "Dritten Mann".

Riesenrad-Perspektiven in Sepia aus dem "Dritten Mann".© Edition Büchergilde Riesenrad-Perspektiven in Sepia aus dem "Dritten Mann".© Edition Büchergilde

",Der dritte Mann‘ wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden", schreibt Graham Greene in seinem Vorwort zu seinem Klassiker aus dem Nachkriegs-Wien. Tatsächlich ist kaum ein Roman so mit Bildern besetzt wie der "Dritte Mann" - mit den Bildern des Films von Carol Reed, gedreht im arg ramponierten Wien der Besatzungszeit. Das hat auch Annika Siems bald feststellen müssen - nach der ersten Euphorie über den Auftrag, die Neuübersetzung des Romans zu illustrieren. Was also tun? Kann man diesem Roman überhaupt ein ganz neues optisches Outfit verpassen? "Ich habe mich erst gefragt, soll ich den Film noch einmal ansehen oder besser nicht. Aber mir war bald klar, ich konnte ihn nicht ignorieren. Und dann hab ich mir gedacht, ich frag einmal die richtigen Fans, wie das rüberkäme, wenn die Personen ganz anders aussähen als im Film."

Recherche im Museum
Diese Recherche führte sie nach Wien, zum wohl besessensten Fan. Gerhard Strassgschwander führt das "Dritte Mann Museum" im vierten Wiener Gemeindebezirk. Es ist weltweit das einzige Museum, das sich nur einem Film widmet. Hier kann man sich nicht nur durch 400 Coverversionen der berühmten Zither-Melodie von Anton Karas hören, unter anderem von den Beatles oder im Hawaii-Klangkostüm ("eine grauslicher als die andere", so Strassgschwandner). Man kann auch einen Kriegsplan studieren, auf dem eingezeichnet ist, welche Gegenden Wiens zu bombardieren waren. Und man kann durch ein Kanalgitter zu greifen versuchen und so ganz persönlich jene berühmte gespenstische Szene widerlegen, in der Harry Lime (Orson Welles) seine Finger durch ein solches Gitter zwängt. Es ist nämlich gar nicht möglich, die Kanalgitter in Wien waren für so eine Aktion zu dick.


© Annika Siems © Annika Siems

Für die 1984 geborene Annika Siems waren aber, nachdem sie sich entschieden hatte, sich vom Stil des Films nicht zu weit zu entfernen, neben diesen Attraktionen andere Exponate des Museums hilfreich. "Es ist gar nicht so einfach, Bildmaterial aus der Nachkriegszeit in Wien zu finden, da gibt es unglaublich wenig. Ich recherchiere normalerweise im Internet und in Bibliotheken, aber bis ich hier ins Museum gekommen bin, habe ich kaum etwas gefunden. Vor allem, das ist ja wichtig, verifizierte Bilder, dass also gesichert ist, dass man wirklich das sieht, als das es bezeichnet wird." Siems war dabei weniger auf der Suche nach Fotos vom zerbombten Wien ("Da gibt es vielleicht nicht so viele Bilder, weil Wien sich lieber in anderen Zeiten präsentiert"), denn diese Szenerie würde im Text ohnehin sehr gut beschrieben. Sie musste sich vor allem für Details inspirieren lassen. Etwa, wie Ausweise, Passierscheine, Lebensmittelkarten, Geldscheine und Verpackungen aussahen - etwa von Penicillin, das ja eine nicht unwesentliche Rolle im Roman spielt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-21 16:36:08
Letzte ─nderung am 2017-04-22 16:59:30



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