• vom 24.04.2017, 17:10 Uhr

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Update: 24.04.2017, 17:19 Uhr

Bücher

Nur der Staat kann es meistern




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Von Oliver vom Hove

  • Der Historiker Edgar Wolfrum überblickt das 20. Jahrhundert.

Originalität ist gefragt, wenn Historiker zum großen Panoramablick auf ein Jahrhundert ansetzen. Der Heidelberger Zeitgeschichte-Ordinarius Edgar Wolfrum bezieht diese Originalität aus dem Zeitraffer: Er erzählt seine Geschichte des 20. Jahrhunderts stückweise, in knapp zusammengefassten Essays, temporeich. Dem Leser benimmt er dabei fast den Atem. Aber seine Darstellung einer "Welt im Zwiespalt" gewinnt an Spannung.

Wer eine eigenwillige, konzise Zusammenfassung der bestimmenden politischen Ereignisse und ideengeschichtlichen Verflechtungen des "exzentrischen" letzten Jahrhunderts sucht, ist hier bestens bedient. Der Autor fasst die schillernde Vielfalt der beschriebenen Vorgänge und Aspekte entlang der Formel von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" zusammen, die Ernst Bloch schon Anfang der 1930er Jahre geprägt hat. Wolfrum legt essayistische Schneisen ins Geschichtsfeld. Sie werden bestimmt von den Themen Krieg und Frieden; Naturbeherrschung und Umweltzerstörung; Kunst, Bildung und Rückkehr der Religionen; Hunger, Armut und Bevölkerungsexplosion.

Information

Sachbuch
Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts
Edgar Wolfrum
Klett Cotta, 447 Seiten, 25 Euro

Kein Auslaufmodell

Der Zweite Weltkrieg begann, so Wolfrum, schon am 26. April 1937: Da machte die deutsche Legion Condor das baskische Guernica durch ihre Luftwaffe dem Erdboden gleich. Spätestens danach konnte es kein "peace for our time" mehr geben, wie es der britische Premier Chamberlain, nach der Okkupation Österreichs und dem Münchner Abkommen im September 1938, noch verkündete.

Indes, das 20. Jahrhundert als "das schrecklichste Jahrhundert der Weltgeschichte" zu bezeichnen, wie dies Eric Hobsbawm in seiner Darstellung des "Zeitalters der Extreme" tat, hält Wolfrum für einseitig. Das Urteil unterschlägt die zivilisatorischen Errungenschaften der zweiten Jahrhunderthälfte, die Europa die friedvollsten, am stärksten prosperierenden und sozial abgesicherten Dekaden seiner Geschichte bescherten. Die Krisenereignisse hätten die Bedeutung des Staats gestärkt.

Als neu bewertete Aufgaben nennt er "Wirtschaftskrise, Terror, Grenzsicherung, Bewahrung der Rechtsstaatlichkeit, Schutz der Bürger." Nüchtern stellt er fest: "Genau dies konnte die EU nicht leisten." Diesen Herausforderungen vermag sich bislang nur ein funktionierender Staat zu stellen: "Eine alte Erfindung, von der viele glaubten, sie sei im fortschreitenden 20. Jahrhundert ein Auslaufmodell , wurde neu gewürdigt und fast mehr geschätzt denn je."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-24 17:15:04
Letzte ńnderung am 2017-04-24 17:19:46



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