• vom 30.04.2017, 16:00 Uhr

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Literatur

Verheißungen des Glücks




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Von Oliver vom Hove

  • Meister der Mitteilungskunst: Peter von Matt untersucht "Glück und Unglück in der Literatur" - am Beispiel von sieben verschiedenen, literarisch gestalteten Küssen.



Sobald Küsse zu Kunstwerken geworden sind, werden sie öffentlich beachtet.

Sobald Küsse zu Kunstwerken geworden sind, werden sie öffentlich beachtet.© Philippe Desmazes/AFP Sobald Küsse zu Kunstwerken geworden sind, werden sie öffentlich beachtet.© Philippe Desmazes/AFP

Belesenheit ist ein Vermögen, das man nicht allein zu besitzen braucht. Man kann es durchaus mit anderen teilen. Voraussetzung ist, neben einem gerüttelt Maß Erzählfreude, ein altruistischer Wesenszug. Geteilter Genuss ist verdoppelter Genuss.

Der Schweizer Peter von Matt ist ein Meister nicht nur der Belesenheit, sondern auch der Mitteilungskunst. Der emeritierte Professor für Germanistik an der Universität Zürich gehört zu der raren Spezies von Literaturwissenschaftern, die ihre Eindrücke und Erkenntnisse nicht primär in Sekundärtexten suchen, sondern im eigenen Kopf.

Seine Weitsicht bezieht dieser Literaturkenner aus nächster Nähe der Texte. Indes, deren genaue Erschließung will gelernt sein. Bei Peter von Matt kommt eine nachschöpfende Phantasie hinzu, die bei diesem eleganten Stilisten immer wieder für erkenntnisreiche Überraschungen sorgt: Seine Interpretationen sind nicht zuletzt deshalb so spannend, weil sie verblüffend Unvorhersehbares, Entlegenes enthüllen. Zudem packt seine Sprache die Dinge gern ungescheut beim Schopf. Schillers "Wilhelm Tell" zum Beispiel hat er einst als "alpinen Western" beschrieben.

Denken in Szenen

Sein Leitsatz für die Beschäftigung mit dem Hintersinn der Texte lautet: "Die Literatur denkt in Szenen". In seinem neuen Buch "Sieben Küsse" hat er dafür eine erlesene Auswahl weltliterarischer Schlüsselszenen parat. Mit Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" über F. Scott Fitzgeralds "Great Gatsby" oder Marguerite Duras’ spektakulärem Roman "Moderato cantabile" bis zu Gottfried Kellers "Die Jungfrau als Ritter" (aus den "Sieben Legenden") und noch drei anderen versammelt er sieben Beispiele unter einem Deutungsbogen, die allesamt das Kuss-Motiv enthalten.



Eine leidenschaftliche Lebensfülle dringt auf den Leser ein. Es geht um Liebe, die sich auch dann als "ein welterschütterndes Gefühl" erweist, wenn sie ausbleibt oder sich in ihr Gegenteil kehrt.

Information

Peter von Matt

Sieben Küsse

Glück und Unglück in der Literatur. Carl Hanser, München 2017, 288 Seiten, 22,70 Euro.

Die absonderlichste Kuss-Trouvaille findet der unermüdliche Leser Peter von Matt bei Tschechow. In der Erzählung "Der Kuss" schildert der russische Dichter ein peinliches Versehen: Ein unansehnlicher Offizier ohne jede bisherige erotische Erfahrung, aber mit einem "Backenbärtchen wie ein Luchs" gerät bei einem Empfang unversehens in ein dunkles Zimmer und wird von einer Frau geküsst, die einen anderen erwartet hat. Der Schrecken darüber verbleibt bei der Frau, doch den Offizier erfüllt die unerwartete Zärtlichkeit mit einer Wonne, der er kaum Herr zu werden vermag.

Was Peter von Matt wiederum über Kleists Novelle "Die Marquise von O." mitzuteilen weiß, fügt sich zu einem ebenso faszinierenden wie erhellenden Musterbeispiel sublimer Interpretationskunst. Ohnehin sind die Umstände, unter denen in dem Erzählstück die Schändung der besinnungslos gewordenen Marquise stattfindet, nach den Bildern der jüngsten Massenvergewaltigungen im Zentrum Europas auf bedrückende Weise nahegerückt:

"Vergebens rief die Marquise, von der entsetzlichen, sich untereinander bekämpfenden, Rotte bald hier-, bald dorthin gezerrt, ihre zitternden, durch die Pforte zurückfliehenden, Frauen zu Hülfe. Man schleppte sie in den hinteren Schlosshof, wo sie eben, unter den schändlichsten Misshandlungen, zu Boden sinken wollte, als, von dem Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier erschien . . ."

Dieser erweist sich freilich nicht als der ehrenvolle Retter, sondern schreitet seinerseits zur sexuellen Gewalt an der bewusstlosen Marquise. Liebe und Gewalt sind bei Kleist zumeist unerquicklich verschlungen, weshalb die rohe Vergewaltigungsszene auf seltsam vertrackte Weise zu einem sanftmütigen Ende führt.

Doch nicht darum geht es Peter von Matt in seinen Textschürfungen. Ihn beschäftigt, wie viele Kleist-Kenner, die wahrhaft exzentrische Versöhnungsszene zwischen der Marquise und ihrem Vater. Der gestrenge Fami-lienpatriarch hatte der Tochter zunächst die Opferrolle bei ihrer Schändung abgesprochen und sie beinahe erschossen. Als er seinen Irrtum einsieht, macht er sich mit einem exzessiven Versöhnungskuss über die Tochter her:

"Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit über sie gebeugtem Antlitz saß er, wie über das Mädchen seiner ersten Liebe, und legte ihr den Mund zurecht, und küsste sie."

Akte der Versöhnung

Geht es hier um inzestuöses Verlangen, wie etliche eilfertige Interpreten aus der Szene abzulesen meinen? Oder erleben wir vielmehr einen Paroxysmus der Versöhnung, der in der Gefühlskultur des 18. Jahrhunderts begründetet ist und Zeugnis von einem unausgesprochenen Schuldgefühl ablegt?

Peter von Matt neigt der zweiten Deutung zu, stellt aber alle anderen dem Leser gewissenhaft zur Disposition. Allerdings drängt es ihn zu der Feststellung: "Versöhnungen und Friedensschlüsse sind in der Gegenwart ohne ästhetischen Reiz. Das ist ein Problem dieser Gegenwart." Und er zieht daraus den Schluss: "Man könnte die verstörende Art, wie Kleist in seiner Novelle die Versöhnung zwischen Vater und Tochter inszeniert, auch als eine Aussage darüber betrachten, wie abgründig die elementaren Akte der Versöhnung tatsächlich sind und dass auch dieses Glück nicht ohne Not zu haben ist."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-27 17:12:18
Letzte nderung am 2017-04-27 17:16:17



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