• vom 07.05.2017, 15:00 Uhr

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Von Oliver vom Hove

  • Der rumänische Schriftsteller Panait Istrati ließ in seinem Werk noch einmal die Sinnesfreuden und Schrecken des orientalischen Balkans und der Levante aufleuchten.



Poetische Strahlkraft: Panait Istrati (1884-1935).

Poetische Strahlkraft: Panait Istrati (1884-1935).© Ullsteinbild - Roger Viollet/Henri Martinie Poetische Strahlkraft: Panait Istrati (1884-1935).© Ullsteinbild - Roger Viollet/Henri Martinie

Der rumänische Dichter Panait Istrati war einst, in den späten zwanziger Jahren, ein leuchtender Stern am Literaturhimmel. Seine Strahlkraft ging zunächst von einem einzigen Erzählwerk aus: dem Kurzroman "Kyra Kyralina". Der französische Literat und Pazifist Romain Rolland hatte sich des Werks angenommen und es 1924 veröffentlicht. In seinem Vorwort pries Rolland den rumänischen Poeten als "Gorki des Balkans" und erwartete von ihm weitere erlebnisreiche Werke.

Kaum ein Schriftsteller seiner Generation hatte denn auch ein solch abenteuerliches Leben aufzuweisen wie der 1884 in einem Dorf nahe der Hafenstadt Braila als Sohn einer rumänischen Wäscherin und eines griechischen Schmugglers geborene Panait Istrati. Herangewachsen unter ärmlichsten Verhältnissen, schlug er sich bereits als Jugendlicher mit den verschiedensten Hilfsarbeiten, als Hafenarbeiter, Schlosser, Pastetenbäcker und Kellner, durch. Zeitlebens unstet und auf Wanderschaft, bereiste der Sprachkundige - nicht selten als blinder Passagier - den Balkan und die Levante, kam über die Türkei bis nach Ägypten, später auch durch halb Europa und in die Sowjetunion, worüber der engagierte Kommunist bereits 1929 unter dem Titel "Auf falscher Bahn" einen für das stalinistische System entlarvenden Reisebericht veröffentlichte.

Lesen und Reisen waren seine Leidenschaften. Erst spät stieß dieser Wanderdichter und Vagabund selber zur Literatur - und schrieb den Großteil seiner Werke auf Französisch. So auch "Kyra Kyralina". Istratis Erstling fesselt seit je durch die Fülle und Farbigkeit des Erzählstoffs ebenso wie durch die Unmittelbarkeit des Stils, der ohne Verschachtelung der Handlungsführung und bar der psychologischen Verästelungen eine Erlebniswelt voll orientalischem Aroma einfängt.



Im Mittelpunkt der gegen Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelten Geschichte steht der Limonadenverkäufer Stavru, dem der Jüngling Adrian Zograffi umso lieber seine Aufmerksamkeit schenkt, als er mit Vorliebe das gestrenge Regiment der Mutter in seinem Elternhaus meidet. Den Umgang mit einem Straßenbuben will sie ihm verbieten, ihn stattdessen zu einer frühen Heirat drängen. Stavru indes verkörpert die ersehnte Freiheit und weitgereiste Erfahrung.

Information

Panait Istrati

Kyra Kyralina

Roman. Aus dem Rumänischen von Oskar Pastior. Mit einem Nachwort von
Mircea Cartarescu. Wagenbach, Berlin 2016, 158 Seiten, 18,40 Euro.

In farbenprächtigen Bildern erzählt der Ältere von seiner eigenen Jugend, die stark vom Zwist zwischen seiner vergnügungssüchtigen Mutter und dem gewalttätigen Vater durchschüttelt war: "Zwischen Daunenkissen aufgewachsen, kannten wir Treibhausblüten nur die Vergnügungen in Mutters Zimmer: Tanzen, Singen, Zärtlichkeiten und Essen im Überfluss. Oh, es waren herrliche Tage gewesen!"

Mit den Erzählungen seiner Hauptfigur Stavru gerät der Autor ins Schwärmen und zeigt einen hervorstechenden Zug seiner vitalen Erzählkunst: die Beschwörung sinnlich klarer und anrührender Naturbilder: "Nun entdeckten wir aber, dass es auch ein ‚Draußen‘ gab", lässt er Stavru weiter aus seiner Knabenzeit berichten, "ein ‚Draußen‘, das, durchwebt von Licht und erfüllt mit herben Düften, einen ungeahnten Zauber ausübte. Wir hatten bis dahin nicht gewusst, was es hieß, einem Schmetterling nachzulaufen, einen grünen Heuhüpfer zu streicheln, einen Hirschkäfer zu fangen, dem Jubelgesang der Vögel in ihrem weiten Revier zuzuhören oder in der Abenddämmerung den unsichtbaren Grillen, deren Zirpen sich mit den Tönen der fernen Hirtenschalmei vereint; wir hatten noch keine Biene gesehen, wie sie rückwärts aus der Blüte kriecht, die Füßchen golden von Blütenstaub. Und vor allem hatten wir jenen Schauer, der das Herz erfasst, nicht gekannt, wenn der warme Sommerwind, über weite Felder schweifend, einem die Glieder umspielt."

Der Leser ist bei Istrati stets ganz im Hier und Jetzt, wird von jeder Kehre des Geschehens überrascht. Und er wird, so es die nicht seltenen Wendungen zur Grausamkeit sind, auch dann und wann erfahrungsreich vor den Kopf gestoßen.

So findet das bedrohte Idyll von Stavrus Kindheit ein jähes Ende, als der Junge mit seiner älteren Schwester Kyra Kyralina nach einem Gewaltakt des Vaters flieht. Die Geschwister werden getrennt, und die bildschöne Kyra wird von einem Türken aus ihrem Heimatort an der Donau in einen osmanischen Harem verschleppt. Stavru selber muss im türkischen Serail den Missbrauch durch einen pä-derastischen Sultan erleiden - womit er seine späteren hom-philen Neigungen erklärt. "Weißt du denn nicht, dass alles, worauf der Türke einmal die Hand gelegt hat, selbst vom Herrgott im Stich gelassen wird?", resümiert er bitter.

Nach seiner abenteuerlichen Befreiung beginnt für Stavru eine verzweifelte Suche nach der Schwester in den Verließen des Osmanischen Reichs. Er erfährt die Schlechtigkeit vermeintlicher Gönner - aber auch manch rettende Freundschaftsgeste einfacher Leute. Die Sprachen wechseln, die menschliche Natur bleibt die gleiche.

Er gerät abermals in Gefängnis und Gefangenschaft. Schließlich treibt ihn die Flucht vor den Türken über Syrien bis in die Berge des Libanon. Kyra indes bleibt verschollen. Wie in einer platonischen Phantasie wird sie zur verlorenen Hälfte des eigenen Wesens, die der Mensch zeitlebens sucht.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-04 18:00:08
Letzte Änderung am 2017-05-04 18:16:18



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