• vom 11.05.2017, 16:24 Uhr

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Update: 11.05.2017, 21:13 Uhr

Ausstellung

Sechzig Zigaretten später




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Von Christina Böck

  • "Im Rausch des Schreibens": Das Literaturmuseum untersucht den produktiven Exzess.

Zigaretten, Aschenbecher, Weinglas: Ernst Jandl zeichnet seinen Arbeitsplatz.

Zigaretten, Aschenbecher, Weinglas: Ernst Jandl zeichnet seinen Arbeitsplatz.© Literaturmuseum Zigaretten, Aschenbecher, Weinglas: Ernst Jandl zeichnet seinen Arbeitsplatz.© Literaturmuseum

"...wieder Zuflucht bei Chloroform gesucht". Georg Trakl ist, man möge die despektierliche Ausdrucksweise verzeihen, wahrscheinlich der größte Junkie in der aktuellen Ausstellung im Wiener Literaturmuseum. "Im Rausch des Schreibens" widmet sich Exzessen und Bewusstseinserweiterungen in der Literatur - und nicht nur, wie im Fall Trakls anhand tatsächlicher Rauschmittel. Auch der rauschhafte Prozess des Schreibens selbst wird thematisiert, oder wie der Stimulanzienmissbrauch sich im fertigen Literaturprodukt wiederfindet.

Georg Trakl, der unter Ängsten und Depressionen litt und diese Zustände in seinen Gedichten oft punktgenau symbolistisch vermittelte, war nicht nur dem Chloroform zu getan. Er führte sich auch - als Apotheker hatte er Zugang - Kokain, Veronal, Opium, Äther und Curare zu Gemüte. Und natürlich "ein Meer von Wein, Schnaps, Bier".

Information

Ausstellung
Im Rausch des Schreibens. Von Musil bis Bachmann.
Literaturmuseum Wien,
bis 11. Februar 2018

Alles nicht so arg

Das Leben mithilfe von Drogen zu meistern, das hat auch Robert Musil versucht. Allerdings weniger krass als Trakl, seine Droge war "nur" der Tabak: "Ich behandle das Leben als etwas Unangenehmes, über das man durch Rauchen hinwegkommen kann! (Ich lebe, um zu rauchen)" wird der Dichter des Monumentalwerks "Der Mann ohne Eigenschaften in der Schau zitiert.

Der Exzess ist aber auch hier ein Thema: Musil laborierte während der Arbeit am "Mann ohne Eigenschaften" öfters an Nikotinvergiftung und psychotischen Zuständen. Die Ausstellung präsentiert außerdem ein Rauch-Tagebuch von Musil, in dem er akribisch bis besessen jede Zigarette mit Uhrzeit notiert hat. Fitzelschriftgewordener Beweis dafür, dass er daran gescheitert ist, sich selbst davon zu überzeugen, das "Rauchen eine alberne Form des Müßiggangs" sei.

Die Zigarette ist ohnehin die vorherrschende Stimulanz unter den Literaten dieser Ausstellung. Ein Filmausschnitt zeigt Ingeborg Bachmann beim Korrigieren (es sollte doch ein "zaghaft" sein) mit brennender Zigarette in der Hand und überquellendem Aschenbecher zwischen den Zetteln. Eine Zeichnung von Ernst Jandl, die seinen Schreibtisch zeigt, ist dominiert von einem Päckchen HB. Zu sehen ist im Literaturmuseum auch eine Postkarte Friedrich Torbergs an seine Frau aus dem Sanatorium Jägerwinkel in Bad Wiessee am Tegernsee: "Wär alles nicht so arg, wenn man rauchen könnte. Danke vielmals", schreibt er. Doch die Zigarette ist nicht nur Antriebsmittel, sie ist auch Inspirationsquelle und findet Eingang in die Arbeit der Dichter. Bei Ingeborg Bachmanns "Malina" wird sie zum Zeitmesser: "Sechzig Zigaretten später aber ist Ivan zurück in Wien", heißt es da. Ernst Herbeck widmete dem Tschick ganze Gedichte, etwa jene minimalistische Perle: "Fünf neue Titel / 1. Milde Sorte 16S / 2. Memphis 15S/ 3. A3 12S / 4. Happy 14S / 5. Dames 15S".

Gestatten, Miss Emma

Es bleibt aber nicht so harmlos: Jean Cocteau schreibt über Haschisch, Max Brod über Kokain, Peter Weibel liefert ein hilfreiches Glossar der Drogenfachbegriffe - Miss Emma ist Morphium. In roter Laufschrift blinkt der Text von Falcos "Ganz Wien" (ist auf Heroin) durch die Schau. Die ist nicht nur sehenswert, weil sie in eine Ära zurückführt, die von politischer Korrektheit, Gesundheitswahn und erwünschter Vorbildwirkung von öffentlichen Künstlerfiguren weit entfernt war. Auch wenn manchmal die Tragik der Lebensgeschichten (von Georg Trakl über Werner Schwab bis Wolfgang Bauer) hier ein bisschen auf die leichte Schulter genommen wird, macht sie deutlich, wie sich die Wahrnehmung des Literaturpersonals gewandelt hat.

Das Asketische und möglichst Öffentlichkeitsferne steht heute jenen besonders mediengetriebenen Inszenierungen gegenüber, die den Rausch als Existenzgrundlage zelebrieren, wie etwa bei Stefanie Sargnagel. Dass es solche Inszenierungen freilich immer schon gegeben hat, zeigt eine Wand mit Fotos, auf denen die meisten Literaten mit lässiger Zigarette posieren. Außer Thomas Bernhard. Der isst ein Eis.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-11 16:30:05
Letzte Änderung am 2017-05-11 21:13:50



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