• vom 19.05.2017, 17:03 Uhr

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Update: 19.05.2017, 21:12 Uhr

Mutterliebe

Der Traum von der Inklusion




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Von Mathias Ziegler

  • Ein sehr intimes Buch über ein schwerstbehindertes Kind - und wie die Gesellschaft und das Gesundheitssystem seine Eltern vor unüberwindliche Hürden gestellt hat.



Mareice Kaiser hat einen Traum: Alle Kinder bekommen dieselben Chancen und werden von der Gesellschaft gleichermaßen akzeptiert, egal ob sie "normal" oder behindert sind. Warum sie diesen Traum hat? Weil sie ein aufgrund eines Gendefekts schwerstbehindertes Kind geboren hat - und danach die volle Ladung an Reaktionen von Mitleid bis Verachtung aus ihrem näheren und entfernteren Umfeld abbekommen hat.

Diese beschreibt sie nun in ihrem sehr intimen Buch, das weniger eine Abrechnung mit der Gesellschaft und ihrem Umgang mit Behinderung ist, sondern vor allem eine Art Tagebuch, in dem sie auch ihren eigenen Gefühlen freien Lauf lässt. Schließlich war auch für die Eltern zwar von Anfang an klar, dass sie selbst ein behindertes Kind nicht abtreiben würden - aber zu erfahren, dass dieser Fall tatsächlich eintritt (und zu erleben, dass die Behinderung sogar noch viel schlimmer ist als befürchtet), hat sie dann doch ziemlich aus der Bahn geworfen.

Nicht das Kind ist das Problem

Wobei sich Mareice Kaiser weniger von der Behinderung ihrer mittlerweile verstorbenen Tochter überfordert fühlte als vielmehr davon, dass sie Ärzte und Krankenkasse förmlich im Regen stehen gelassen haben. Insofern schreibt sie sich auch ihren Frust von der Seele, wenn sie etwa schildert, dass fast jeder Antrag auf egal welchen Heilbehelf standardmäßig erst einmal abgelehnt wurde. Oder dass sie fast ein Jahr lang mit Medizinern darüber stritten, ob ihre kleine Tochter nun operiert werden sollte oder nicht, weil ihr Verdauungssystem nicht richtig arbeitete - bis es fast zu spät gewesen wäre.

Sie gesteht aber auch offen und ehrlich, dass sie sich trotz des Risikos für ein zweites Kind entschieden hat, weil sie auch ein "normales" haben wollte. Nichtsdestotrotz betont sie immer wieder, wie dankbar sie für die paar Jahre mit der Kleinen ist, die offenbar weder sehen noch hören konnte. Bedingungslose Mutterliebe trifft hier auf pure Verzweiflung. Das war auch der Autorin klar, weshalb sie am Ende ihrer intimen Bekenntnisse, die mitunter zu Tränen rühren, ein positives Schlusskapitel eingefügt hat: Sie schildert darin ihren Traum von echter Inklusion.

Mareice Kaiser: Alles inklusive
Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter
Fischer, 283 Seiten, 15,50 Euro





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 17:09:09
Letzte ─nderung am 2017-05-19 21:12:51



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