• vom 02.06.2017, 09:34 Uhr

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Update: 02.06.2017, 09:42 Uhr

Literatur

"Sterne aus den Narben machen"




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Von Christa Hager

  • Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o über Kolonialismus, die Musikalität der Sprachen und das Normale.

- © apa/Techt

© apa/Techt

Seit einigen Jahren wird er als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt, Literaturkritiker stellen ihn oftmals auf eine Stufe mit Gabriel Garcia Marquez: Ngugi wa Thiong’o zählt mit seinem umfangreichen Romanwerk und politischen Essays zu den bedeutendsten Schriftstellern Afrikas. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" spricht der kenianische Schriftsteller über die Nachwehen der britischen Kolonialherrschaft und kulturelle Hegemonie.

"Wiener Zeitung": Der Kampf gegen den Imperialismus, sei er ökonomisch oder kulturell, war schon immer ein zentrales Thema in Ihren Werken. Sind Sie enttäuscht darüber, was in Afrika heute, im Vergleich zu den 1960er und 1970er Jahren etwa, passiert?

Ngugi wa Thiong’o: Eigentlich ist es ein Wunder, dass Afrika dort ist, wo es heute ist - trotz des Traumas der Sklaverei, des Kolonialismus und des heutigen Traumas der Schuldenknechtschaft. Das ist die positive Seite. Die negative Seite betrifft vor allem die Ressourcen Afrikas. Der Kontinent versorgt Europa, China und Amerika. Aber wer kontrolliert die Diamanten, das Gold, das Kupfer, das Öl? Ich bin enttäuscht, dass wir es nicht geschafft haben, unsere Basis zu sichern, also die Kontrolle über unsere Ressourcen zurückgewinnen.

"Secure the Base" lautet auch der Titel Ihrer aktuellen Essay-Sammlung. Darin kritisieren Sie unter anderem vehement den Begriff Stamm beziehungsweise Ethnizität. Aber sind Stamm oder Ethnizität mittlerweile nicht auch nur negativ besetzte Möglichkeiten zur Identifizierung, zur Identität, geworden?

Stamm ist ein negativer Begriff. Es gibt die Engländer, die Franzosen, die Chinesen. Ich bin Kikuyu. Was sollte damit nicht stimmen? Was allerdings nicht stimmt, ist, wenn man zum Beispiel 40 Millionen Yoruba als einen Stamm bezeichnet, vier Millionen Isländer hingegen nicht. Ich kämpfe gegen diesen Begriff, da er sehr zerstörerisch und sehr mächtig ist. Er ist eine koloniale Erfindung. Indien hat auch viele Sprachgemeinschaften, diese Vielfalt ist nicht nur Afrika eigen. Die Frage ist, wie sich die unterschiedlichen Gruppen aufeinander beziehen.

Sie sind Zeitzeuge des Unabhängigkeitskampfes der sogenannten "Mau Mau"-Bewegung. Historiker gehen mittlerweile davon aus, dass es sich dabei mehr um einen Bürgerkrieg innerhalb der Kikuyus handelte als um einen nationalen Befreiungskampf. Wie sehen Sie diese Interpretation?

Das ist Quatsch! Die Kämpfer für die Unabhängigkeit nannten sich Land and Freedom Army. Sie kämpften für Land und Freiheit, für Land und Unabhängigkeit. Die Briten dagegen nannten sie Mau Mau. Aber was bedeutet Mau Mau? Nichts! Deshalb haben sie diesen Namen gefördert. Als wäre er etwas Geheimnisvolles. Und so wurde auch der Kampf um Unabhängigkeit verzerrt.

Sie wuchsen im kolonialen Kenia auf und haben den blutigen Kampf um Freiheit miterlebt. Was ist mit Ihren Wunden aus dieser Zeit?

Die Herausforderung besteht darin, nicht an den Narben zu kratzen, sondern Sterne aus den Narben zu machen.

Ist es immer noch schmerzhaft, über diese Zeit zu schreiben?

Es ist ein kontinuierlicher Kampf. Wie das Leben.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt im Kampf gegen die kulturelle Hegemonie des Westens. Sprache spielt hierbei eine große Rolle. Warum dieser Fokus?

Das Problem ist nicht, dass es weltweit viele Sprachen gibt. Das Problem ist vielmehr die hierarchische Beziehung unter den Sprachen: Einige sind mehr wert als andere. Das ist lächerlich! Wir sagen ja auch nicht, dass ein Musikinstrument mehr wert ist als ein anderes. Jedes hat seine Eigenschaften, aber alle produzieren Musik. Und sie können sich auch auf andere Musikinstrumente beziehen - wie in einem Orchester. Was auch immer in einer Sprache produziert wird, kann andere Sprachen bereichern. Das gilt für alle. Doch wegen der imperialistischen Logik sind weltweit leider viele marginalisiert.

Das ist wohl der Grund für Ihren Entschluss, in Ihrer Muttersprache Gikuyu zu schreiben?

Niemand fragt englische, japanische oder französische Autoren, warum sie in ihrer Muttersprache schreiben. Oder, dass dadurch anderen der Zugang zu ihren Werken verwehrt würde. Aber in meinem Fall muss ich immer erklären und werde beschuldigt, in Gikuyu zu schreiben. Dabei ist das ganz normal. Doch das Abnormale wurde normalisiert. Und das, was eigentlich normal sein sollte, wird im Falle von Afrika immer hinterfragt. Schreibt zum Beispiel ein polnischer Autor auf Französisch, so ist man überrascht. Schreibt ein Afrikaner auf Englisch, nicht. Es geht um mehr, als verstanden zu werden. Es geht darum, den Geist zu entkolonialisieren. Nur dann kann die intellektuelle Community in Afrika mit anderen Communities aus anderen Kontinenten in einen Dialog des gleichberechtigten Gebens und Nehmens treten.

Mittlerweile übersetzten Sie Ihre Bücher selbst ins Englische - weil dadurch weniger verloren geht als bei einem Übersetzer?

Nicht unbedingt. Vielleicht bin ich nicht einmal so sorgfältig beim Übersetzen, wie jemand anderer es wäre. Meine Bücher gibt es in vielen anderen Sprachen, ich habe keine Kontrolle darüber, was drinnen steht. Ich übersetze, weil ich einen Disput gewinnen möchte. Denn lange Zeit wurde ich von afrikanischen Intellektuellen beschuldigt, dass ich denjenigen Zugang zu meiner Arbeit verweigere, die nicht Gikuyu sprechen. Also muss ich zeigen, dass dem nicht so ist. Wir haben ja etwas namens Übersetzung. Für mich ist sie die gemeinsame Sprache aller Sprachen - durch sie können wir miteinander sprechen. Also fühle ich mich gezwungen, die Übersetzung selbst zu machen, um diese Auseinandersetzung zu gewinnen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 17:00:08
Letzte nderung am 2017-06-02 09:42:59



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