• vom 01.06.2017, 17:33 Uhr

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Von Edwin Baumgartner

  • Der deutsche Dramatiker Tankred Dorst ist im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben.


© dpa/F. von Erichsen © dpa/F. von Erichsen

Berlin/Wien. Welch eine Erscheinung! Das schlohweiße Haar, das zerfurchte Gesicht, die forschenden Augen, deren Blick ungebrochen die Brille durchdrang oder über deren Rand hinwegblickte: Tankred Dorst, einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart, ist am Donnerstag im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hat mehr als 50 Stücke verfasst, in denen er in immer neuen ästhetischen Ansätzen die wesentlichen Fragen des Menschseins zu ergründen versuchte. Mit "Merlin oder Das wüste Land" schrieb Dorst eines der bedeutendsten Dramen seiner Zeit - ein Stück Weltliteratur.

Tankred Dorst, der immer Wandelbare: In der grellen Farce "Die Kurve" droht die Entschärfung eines Risikos für den Autoverkehr zwei Brüdern ihre Lebensgrundlage zu entziehen. Sie setzen sich blutig zur Wehr. Das nachtschwarze Stück "Korbes" überlegt, weshalb die einem Grimm-Märchen entstammende Titelfigur dort als "böser Mensch" bezeichnet wird, und überblendet das Geschehen mit der Passion. "Merlin oder Das wüste Land" erzählt anhand der König-Artus-Handlung vom Scheitern der Utopien - das pazifistische Riesendrama in bildmächtiger Dichtersprache würde ungekürzt rund 15 Stunden Spielzeit beanspruchen. Am Anfang der Dramatik Tankred Dorsts aber stand das Marionettenstück.


Nur keine Wiederholung!
Der am 19. Dezember 1925 in Oberlind (Thüringen) geborene Autor entstammt einer wohlhabenden Familie, in deren Besitz eine Maschinenfabrik steht. Als er 1947 aus US-Kriegsgefangenschaft heimkehrt, ist die Familie, von den Sowjets enteignet, längst in den Westen geflohen. Dorst studiert Germanistik und Theaterwissenschaft. 1971 lernte er die Drehbuchautorin und Regieassistentin Ursula Ehler kennen, die er heiratete und seither als Mitautorin seiner Werke anführt.

Während des Studiums setzt sich Dorst aktiv mit dem Schreiben auseinander, es entstehen sechs Stücke für die Marionettenbühne "Das kleine Spiel". 1960 wird "Die Kurve" in Lübeck uraufgeführt. Schlag auf Schlag folgen die Sensations-Premieren: "Gesellschaft im Herbst" (1960, Mannheim), "Große Schmährede an der Stadtmauer" (Lübeck), "Die Mohrin" (1964, Frankfurt, Regie: Gerhard Klingenberg). Als Peter Palitzsch 1968 in Stuttgart "Toller" herausbringt, ist Dorst bereits eine tragende Säule des Gegenwartstheaters.

Kein anderer deutschsprachiger Autor seit Bertolt Brecht spielt ähnlich souverän mit den Gestaltungsmöglichkeiten der Bühne. Dorst misstraute der Wiederholung von Modellen, selbst wenn er sie erfolgreich angewendet hatte. So sagte er: "Wenn man zwei, drei Stücke geschrieben hat, und die haben sich auf der Bühne bewährt, denkt man: ‚Ich kann das jetzt.‘ Und dann kam etwas anderes auf mich zu, und dann merke ich: Ich kann das überhaupt nicht. Ich muss eigentlich mit jedem Stück neu anfangen."

In "Toller" benützt Dorst die offene Form einer losen Szenenfolge, "Eiszeit" (1973 in Bochum, Regie: Peter Zadek) handelt den Fall des NS-Kollaborateurs Knut Hamsun als Verhör ab, "Auf dem Chimborazo" (1975 in Berlin unter der Regie von Dieter Dorn uraufgeführt) behandelt das Verhältnis zwischen DDR und BRD als eine dermaßen bittere Komödie, dass Dorst selbst die Genrebezeichnung später zurückgenommen hat.

"Merlin" (1981), "Parzival" (1987) und "Die Legende vom armen Heinrich" (1997) basieren auf alten Sagen, deren Elemente Dorst neu montiert und Reibungsflächen sowohl mit älteren als auch aktuellen Formen des Theaters schafft.

Primat der Fantasie
Allerdings ist Dorst mit Theatertheorie ohnedies nur schwer beizukommen. Für den Autor galt nämlich ausschließlich das Primat der Fantasie: "Es ist leichter, zwei Theaterstücke zu schreiben als einen Vortrag."

Und immer ging es ihm um das Theater - nicht nur um das eigene: Für die Biennale "Neue Stücke für Europa" reiste er mehr als zwei Jahrzehnte lang auf dem Kontinent, um passende Novitäten für das Festival zu finden.

In seinen späten Jahren fand Dorst, der für Opern von Wilhelm Killmayer ("La Buffonata", "Yolimba"), Günter Bialas ("Die Geschichte von Aucassin und Nicolette") und Ernst August Klötzke ("Die Legende vom armen Heinrich") Libretti verfasst hatte, auch zur Opernregie: In Bayreuth inszenierte er Richard Wagners "Ring des Nibelungen" als Einbruch des Mythischen in eine reale Welt. Doch auch hier war seine Stimme nicht vernebelt raunend, sondern hell und klar.

Tankred Dorst, der Menschenerfinder, der im hellen Licht der Sonne mit Mythen spielte, ist tot. Zumindest "Merlin" wird bleiben.




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Nachruf, Tankred Dorst

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Dokument erstellt am 2017-06-01 17:38:05



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