• vom 04.06.2017, 21:22 Uhr

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Update: 04.06.2017, 21:59 Uhr

Literatur

Virtuosin der direkten Rede




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Von Alexander Stecher

  • Sie war die Symbolfigur der "Roaring Twenties" in New York - und hielt ihre Erzählungen für misslungen: Vor 50 Jahren, am 7. Juni 1967, starb Dorothy Parker.



Sarkastisch, kritisch, promiskuitiv: Dorothy Parker (1893-1967).

Sarkastisch, kritisch, promiskuitiv: Dorothy Parker (1893-1967).© Ullstein Bild Sarkastisch, kritisch, promiskuitiv: Dorothy Parker (1893-1967).© Ullstein Bild

Im Algonquin Hotel in New York gibt es einen Round Table Room, der allerdings mit König Artus nichts zu tun hat. Die Ritter dieser Tafelrunde schwangen keine Schwerter, sondern Reden. Von 1919 bis 1929 trafen sie sich hier täglich zum Lunch: Redakteure und Regisseure, Drehbuch-, Bühnen- und Romanautoren, Produzenten, Rezensenten und Agenten, Komponisten, Kolumnisten, Journalisten. Sie bildeten die Elite der New Yorker Kulturszene, die, wie damals üblich, vorwiegend aus Männern bestand. Und doch ist der Name, den man bis heute am engsten mit dem legendären Ten-Year Lunch verbindet, der einer Frau: Mrs. Dorothy Parker.

Geboren wurde sie als Dorothy Rothschild am 22. August 1893 während einer Sommerfrische ihrer New Yorker Familie in West End, New Jersey. Sie war das jüngste von vier Geschwistern, ihr Vater hatte es mit einer Kleiderfabrik zu Wohlstand gebracht. Ab 1915 formulierte sie Bildunterschriften für "Vogue", wechselte aber bald zu "Vanity Fair", wo sie ihre Tätigkeit als Kritikerin aufnahm, zu der sie im Lauf ihrer vielseitigen Karriere immer wieder zurückkehren sollte. Den renommiertesten Magazinen wie "Esquire" oder "The New Yorker" lieferte sie hunderte Theater- und Buchrezensionen. Sachlichkeit oder gar Milde zählten dabei nicht zu ihren Tugenden. "In the last act [the heroine] is strangled by one of her admirers", schrieb sie etwa über ein Stück. "For me, the murder came too late."

Intensiv und exzessiv

Dass sie derartige Sarkasmen sogar aus dem Stegreif produzieren konnte, bewies sie nicht zuletzt als Stammgast am Round Table des Algonquin. Aufgefordert, einen Satz um das Wort "horticulture" (Gartenbau) zu bilden, bot sie an: "You can lead a horticulture, but you can’t make her think." Als auf einer Party jemand erzählte, eine bestimmte Schauspielerin sei immer nett zu Leuten, die unter ihr stünden, erkundigte sie sich: "Where does she find them?" Und nach einer anderen Party antwortete sie auf die Frage, ob sie sich amüsiert habe: "One more drink and I’d have been under the host." ("Einen Drink mehr, und ich wäre unterm Gastgeber gelegen".)

Womit sie vermutlich nicht einmal übertrieb: Der Lebensstil der jungen Dorothy Parker war genau so intensiv, exzessiv und promiskuitiv, wie man es sich von einer Symbolfigur der Roaring Twenties erwartet. Ihr Konsum von Zigaretten, Alkohol und Liebhabern kannte kein Maß. Drei Eigenschaften verlangte sie von einem Mann: "He must be handsome, ruthless and stupid." ("Er muss hübsch, rücksichtslos und dumm sein".)

Ihre kurzfristigen Affären und langwierigen Amouren mit solchen und anderen Männern ließen sie allerdings zu oft verletzt und verzweifelt zurück. So unternahm sie mit 29 nach einer Abtreibung den ersten ihrer fünf Selbstmordversuche. Zugleich genoss sie es, sich als leidend Liebende zu inszenieren und verarbeitete ihre Enttäuschungen zu Gedichten, deren Buchausgaben zu Bestsellern wurden.

Dreimal war sie verheiratet, wenn auch nur mit zwei Männern. Die Ehe mit dem Börsenmakler Edwin Parker litt unter ihrem literarischen Aufstieg ebenso wie unter den Verheerungen, die der Erste Weltkrieg an Edwin anrichtete: Der verhärtete, morphiumsüchtige Mann, der von Europas Fronten zu Dorothy heimkehrte, war nicht der gleiche, den sie 1917 geheiratet hatte. Jahrelang existierte die Ehe hauptsächlich auf dem Papier, bis sie 1928 geschieden wurde.

1934 heiratete Dorothy den elf Jahre jüngeren Schauspieler und Schriftsteller Alan Campbell. Auch ihn verlor sie gewissermaßen an einen Weltkrieg, diesmal an den Zweiten: Bei seinem Militäreinsatz in London verliebte er sich in eine andere Frau, die ihn wohl nicht, wie seine Ehefrau, ständig verdächtigte, eigentlich schwul zu sein. Er und Dorothy ließen sich 1947 scheiden, um drei Jahre später noch einmal zu heiraten.

Bis in ihre Dreißiger war Dorothy Parker eine larmoyante Egozentrikerin, derart beansprucht von ihren Privatproblemen, dass sie nicht einmal wählen ging. Erst 1927 erwachte am Skandal um Sacco und Vanzetti ihr politisches Bewusstsein. Vergeblich bemühte sie sich um die Freilassung der unschuldig wegen Raubmordes Verurteilten: Sacco und Vanzetti wurden hingerichtet, und Parkers politisches Bewusstsein schlief nie wieder ein.

Fortan engagierte sie sich als Drehbuchautorin für die Gründung einer Hollywood Anti-Nazi- League und die Anerkennung der Screen Writers Guild als offizielle Gewerkschaft. Während des Spanischen Bürgerkriegs unterstützte sie mit Vorträgen und Spendensammlungen die Gegner und Opfer von Francos Faschismus. Durch ihre neu entdeckten Sympathien für den Kommunismus geriet sie schließlich ins Visier des FBI und des berüchtigten Komitees von Senator McCarthy.

Kunst der Aussparung

Neben ihren Rezensionen und Gedichten arbeitete Parker an den Drehbüchern mehrerer Hollywoodfilme mit, darunter Alfred Hitchcocks "Saboteur" (1942), und wurde zweimal für den Oscar nominiert. Ebenfalls in Kooperation verfasste sie die Bühnenstücke "Close Harmony" (1924), "The Coast of Illyria" (1949) und "The Ladies of the Corridor" (1953).


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 18:21:07
Letzte ─nderung am 2017-06-04 21:59:04



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