• vom 08.06.2017, 13:39 Uhr

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Update: 09.06.2017, 07:18 Uhr

Literatur

"Wenn meine Mutter zeigen will, dass sie existiert, wählt sie Le Pen"




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Von Judith Kormann

  • Der französische Schriftsteller Edouard Louis über seine Kindheit, die Versäumnisse der Linken und soziale Ausgrenzung.



"Ziel muss es sein, neue Spaltungen zu schaffen", meint Schriftsteller Edouard Louis.

"Ziel muss es sein, neue Spaltungen zu schaffen", meint Schriftsteller Edouard Louis.© Joel Saget/afp "Ziel muss es sein, neue Spaltungen zu schaffen", meint Schriftsteller Edouard Louis.© Joel Saget/afp

"Wiener Zeitung": In Ihrem Heimatdorf Hallencourt haben im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl fast 55 Prozent Marine Le Pen gewählt. Warum?

Edouard Louis: In manchen Nachbardörfern bekam Le Pen sogar 60 bis 70 Prozent der Stimmen. Dort herrschen ein starker Konservatismus und viel Gewalt. Wenn die Gesellschaft den Menschen alles nimmt - das Geld, den Zugang zur Bildung und zur Kultur -, entwickeln sie eine Ideologie des Körpers, der Maskulinität. Sie geben die Gewalt, die ihnen durch den sozialen Ausschluss widerfährt, weiter: als Misogynie, Homophobie und Rassismus. Wenn diese Leute ständig zu hören bekommen, dass sie nicht existieren, tun sie, was sie können, um das Gegenteil zu beweisen. Wenn meine Mutter zeigen will, dass sie existiert, wählt sie Marine Le Pen.

Information

Edouard Louis wurde 1992 als Eddy Bellegueule in einem Dorf der Picardie geboren. Sein Vater war zuerst Fabrikarbeiter und dann lange arbeitslos. Seine Mutter durfte auf Entschluss des Vaters hin nicht arbeiten. Mit dem autobiografischen Roman "Das Ende von Eddy" (S.
Fischer) schildert Louis seine schwierige Kindheit als schwuler Bub in dem ärmlichen, erzkonservativen Milieu Nordfrankreichs.

In "Das Ende von Eddy" schreiben Sie über dieses Gefühl der Menschen aus Ihrer Heimat, nicht wahrgenommen zu werden.

Ja. Wir spürten, dass unsere Existenz permanent verleugnet wurde: von der dominierenden Klasse, jenen, die Geld, Macht und Privilegien haben. Als ich das Manuskript von "Das Ende von Eddy" an einen bekannten Pariser Verleger schickte, sagte mir dieser, er könne das Buch nicht veröffentlichen. Niemand würde glauben, dass es diese Armut, von der ich schreibe, heute noch gibt. Für die Bourgeoisie existieren wir nicht.

Haben Ihre Eltern den Front National nur aus Protest gewählt, oder stimmen sie auch mit der Ideologie der Partei überein?

Meine Eltern leiden und brauchen einen politischen Diskurs, der ihnen ihr Leiden erklärt. Früher gab es Begriffe wie Ungleichheit der Klassen, Ausbeutung und soziale Gewalt. Heute ist die einzige Partei, die der Arbeiterklasse eine Stimme gibt, der Front National. Sie sagen: "Ihr leidet wegen der Migranten, der Schwulen, der Rechte der Frauen." Die Linke spricht meine Eltern nicht mehr an. Das heißt nicht, dass es keinen Rassismus und keine Homophobie gab und gibt. Aber als die Linke noch geschlossen zusammenstand, schämten sich Menschen dafür. Wenn man sich dabei schlecht fühlt, etwas zu sagen, wäre das bereits ein Fortschritt.

Ihre Eltern müssten sich dafür schämen, den Front National zu wählen?

Ja. Meine Bücher haben bei ihnen auch ein Schamgefühl ausgelöst. Nachdem ich über meine Homosexualität geschrieben hatte, traute sich meine Mutter nicht mehr, mir gegenüber homophobe Aussagen zu machen. Sie hatte erkannt, dass sich das nicht gehört.

Sie sagten, dass die Politik für die Menschen in Paris nicht viel ändert, aber für Ihre Eltern schon.

Als ich nach Paris kam, hat mich das schockiert: Die Bourgeoisie kritisiert die Linke, die Rechte, eine Regierung oder ein Gesetz. Aber letzten Endes wird das ihr Leben nicht grundlegend ändern. In meinem Dorf hingegen, in meiner Kindheit, herrschte eine furchtbare Angst vor der Politik. Diese oder jene Regierung an der Macht bedeutete, dass wir abends essen konnten oder nicht. Als ich 10 oder 11 Jahre alt war, wurde eine neue Sozialhilfe geschaffen. Mein Vater war so froh, dass er mit uns ans Meer fuhr. Unter der Elite fährt niemand ans Meer, um eine Reform zu feiern. Das Problem ist: Die Menschen, die Politik machen, kommen fast alle aus dieser Elite. Wenn die Politik keine Auswirkungen auf ihr Leben hat, wie können sie dann eine gute Politik machen?

Auch Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron ist Teil der Elite.

Macron macht mir Angst. Kurz vor dem ersten Wahlgang bestand die Möglichkeit einer Stichwahl zwischen Marine Le Pen und dem radikal linken Jean-Luc Mélenchon. Die Menschen sprachen von einem Risiko der beiden Extreme. Aber: Was ist ein Extrem? Für mich ist Macron ein Extremist: ein Extremist der Banken, des Neoliberalismus, des Bürgerlichen. Er ist genauso extrem wie Le Pen, nur auf eine andere Art.

Macron sagt, er will Frankreich versöhnen. Wenn man Ihnen zuhört, klingt es, als würde er die Spaltung noch verstärken.

Er wird Ungleichheiten verstärken, das ist klar. Aber abgesehen davon will ich keinen Politiker, der sagt, er werde Frankreich versöhnen. Das Ziel des Fortschritts muss es sein, neue Spaltungen zu schaffen, neue Kämpfe und neue Oppositionen. Es hat keinen Sinn, Menschen inmitten einer gewaltsamen Situation zu versöhnen. Etwa wenn Araber und Schwarze permanent Opfer von Rassismus sind. Wichtig ist, zu kämpfen und zu zeigen: "Wir haben nicht dieselben Privilegien wie ihr." Darüber läuft die Demokratie. Wenn die Idee, dass wir alle gleich sind, nicht auf der Realität beruht, dann ist sie sehr gefährlich.

Heißt das, der demokratische Fortschritt muss auf gewaltsamem Weg erreicht werden?

Das kommt darauf an, was man als gewaltsam definiert. Bis vor kurzem durften Homosexuelle nicht heiraten. Das wurde von der Gesellschaft nicht als besonders gewaltsam angesehen. Aber wenn man demonstriert, Mülltonnen in Brand setzt, dann ist das gewaltsam. Menschen, die aller politischen Macht beraubt werden, greifen das an, was sich in ihrer Nähe befindet. Dafür verantwortlich sind jene, die sie der Möglichkeit berauben, sich auszudrücken. Die Gewalt der sozialen Exklusion lastet so schwer auf diesen Menschen, dass sie sich gezwungen fühlen, diese weiterzugeben.


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Schlagwörter

Literatur, Frankreich, Macron, Le Pen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-08 13:44:06
Letzte nderung am 2017-06-09 07:18:00



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