• vom 17.06.2017, 14:00 Uhr

Autoren


Literatur

"Kurven wie eine Rennyacht"




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter Jungwirth

  • In dem Buch "Und alle benehmen sich daneben" erzählt die US-Journalistin Lesley M. M. Blume anregend davon, wie Hemingway zum erfolgreichen Schriftsteller wurde.



Schreiben war für Ernest Hemingway eine fast sakrale Angelegenheit.

Schreiben war für Ernest Hemingway eine fast sakrale Angelegenheit.© Lloyd Arnold/Hulton Archive/Getty Image Schreiben war für Ernest Hemingway eine fast sakrale Angelegenheit.© Lloyd Arnold/Hulton Archive/Getty Image

Ernest Hemingway wusste, was er werden wollte: ein großer Schriftsteller. Und er wurde ein großer Schriftsteller. Einer, der mit dem Pulitzerpreis und dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Einer, dessen Bücher verfilmt wurden und sich zeitlebens und auch danach sehr gut verkauften. Und einer, der berühmt wurde, bevor er dreißig war. Aber warum? Warum gerade Hemingway, der 1899 in Oak Park, Chicago, als Sohn eines Arztes geboren wurde, der 1917 die Schule abbrach, um Reporter in Kansas City zu werden, und der 1918 als Freiwilliger nach Italien in den Ersten Weltkrieg ging, und dort als Sanitätsfahrer schwer verwundet wurde?

Weil er draufgängerisch, talentiert und charismatisch war? Weil er gut aussah und deswegen das Glück hatte, wichtige Leute kennen zu lernen? Weil er in jungen Jahren genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war? Weil ihn in Paris, wo in den 1920er Jahren die "Götter der modernen Literatur" lebten, zwei von ihnen, Ezra Pound und Gertrude Stein, unter ihre Fittiche nahmen? Weil er wusste, welche Worte man weglassen muss, um Kritikern zu gefallen, und welche wiederholen, um beim einfachen Publikum Eindruck zu machen? Oder weil Hemingway ein skrupelloser Kerl war, der, um literarischen Erfolg zu haben, leichtfüßig über Leichenberge ging?



Die amerikanische Journalistin Lesley M. M. Blume hat sich all diese Fragen gestellt. Sie hat dafür dutzende Gespräche geführt, hunderte Quellen akribisch ausgewertet, und ein leicht lesbares und profundes Buch über jene sechs Jahre geschrieben, die Hemingway in Paris verbrachte. Es waren jene sechs Jahre, in denen der unbekannte Hemingway zum berühmten Hemingway wurde.

Information

Lesley M. M. Blume

Und alle benehmen sich daneben

Wie Hemingway seine Legende schuf. Aus dem amerikanischen Englisch
von Jochen Stremmel. dtv, München 2017, 510 Seiten, 24,70 Euro.

Als er 1921 im Winter nach Paris kam, war Hemingway ein "unveröffentlichter Niemand", der sich in der Stadt zunächst einmal unbehaglich fühlte. Er hatte neben seinem großen literarischen Ehrgeiz allerdings Trümpfe dabei, die ihm beim Start seine Karriere als Schriftsteller sehr hilfreich waren: zum einen Empfehlungsschreiben des beliebten Schriftstellers Sherwood Anderson, die Hemingway den Weg in den Salon von Stein und zu Pound ebneten; zum anderen eine respektable Tätigkeit als vielversprechender Auslandskorrespondent für den "Toronto Star", der von internationalen Konferenzen in der Schweiz und Krisenherden im Nahen Osten berichtete; und da war vor allem seine Ehefrau Hadley, die felsenfest an seine Zukunft als Schriftsteller glaubte und ihn in den Pariser Jahren in jeder Hinsicht bedingungslos unterstützte.

Hadley, die acht Jahre älter als Hemingway war, hatte von ihrem Großvater, einem Bankier, einen Treuhandfonds geschenkt bekommen, der so viel abwarf, dass das anspruchslos lebende Paar auch ohne die Einkünfte aus Hemingways Journalistentätigkeit knapp über die Runden kommen konnte.

Hemingway nahm das Risiko auf sich, um diese günstigen Voraussetzungen optimal auszunützen. Als er seine Kontakte in Paris erfolgreich geknüpft hatte, gab er seine zeitraubende Tätigkeit als Korrespondent auf, um sich ganz dem eigenen Schreiben zu widmen. Über den Protagonisten einer seiner Kurzgeschichten, der Schriftsteller werden wollte, schrieb er programmatisch: "Es war eine fast sakrale Angelegenheit für ihn. Es war ihm todernst damit."

Ernest, das war genau der passende Name für ihn, fanden viele, die ihm damals zufällig begegneten. Und das passierte oft. Hemingways Wohnung war eng, er schrieb gerne in öffentlichen Lokalen. Leute, die ihn dort trafen und bei der Arbeit störten, schreckte er sofort mit den Worten "Was machst du hier, du dreckiger Hurensohn" ab. Hemingway "verabscheute kreative Posseure, die ihre Stunden trinkend und schwätzend in Cafés wie dem Rotonde vergeudeten".

Ernst nahm Hemingway auch seine Hobbys: Er angelte, boxte, spielte Tennis, lief Ski. Er wettete auf Pferde, liebte den Stierkampf. Alles das diente ihm nicht nur zum Vergnügen, sondern lieferte ihm - neben den großen Themen, Liebe, Krieg, Tod - Stoff für seine Kurzgeschichten.

Dank hoher Arbeitsmoral und vieler einflussreicher Förderer, darunter F. Scott Fitzgerald, kam Hemingway seinem Ziel zwar bald näher. Die Verkaufszahlen seiner ersten Bücher, die in kleinen Verlagen erschienen, blieben aber bescheiden. Wegen des ausbleibenden kommerziellen Erfolges kam es Hemingway lange so vor, als trete er auf der Stelle.

Und es gab auch herbe Rückschläge. Einer war die Fehlspekulation, die den Wert des kleinen Treuhandfonds von Hadley halbierte, wodurch das Einkommen der Hemingways unter die Armutsgrenze sank. Verschärft wurde der folgende finanzielle Engpass durch - ungeplanten - Familienzuwachs: 1923 kam Hemingways Sohn John zur Welt. Der schwerste Schlag aber war der Verlust seiner Manuskripte, die während einer Reise gestohlen wurden. Der Ertrag der Arbeit von drei Jahren ging dabei fast vollständig verloren.

Hemingway blieb die Zuversicht - und die Einsicht, dass er einen Roman schreiben müsse. Koste es, was es wolle. Der Höhepunkt des Buches von Lesley M. M. Blume ist die pointierte Erzählung jener pikanten Ereignisse in Paris und Pamplona, die Hemingway im Sommer 1925 endlich den Stoff zu seinem ersten Roman lieferten.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-14 17:38:16
Letzte ─nderung am 2017-06-14 17:59:54



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Die Orgie wird kalt!"
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. Tumulte bei Höcke-Auftritt
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. Die Stadt der Bücherleser
  3. zeichen?

Werbung





Werbung


Werbung