• vom 18.06.2017, 16:00 Uhr

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"Schreiben verlangt Aufrichtigkeit"




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Von Doris Barbier-Neumeister

  • Die französische Schriftstellerin Dominique Paravel über ihr Romandebüt, die Krankheit Diabetes - und den heutigen Stellenwert von Arbeit.

"Oft passiert ja auch im wirklichen Leben alles wie im Traum": Dominique Paravel. - © Raphaël Gaillarde

"Oft passiert ja auch im wirklichen Leben alles wie im Traum": Dominique Paravel. © Raphaël Gaillarde



"Wiener Zeitung": Joaquin und Vivienne, die Hauptpersonen in Ihrem Roman "Die Schönheit des Kreisverkehrs", führen ein höchst gegensätzliches Leben. Er steckt in einer Zweierbeziehung fest, in der er fast erstickt, sie ist unabhängig, ein wenig wild und unzähmbar, aber frei. Können Frauen mit Freiheit generell besser umgehen?

Information

Dominique Paravel wurde 1955 in Lyon geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften unterrichtete sie 25 Jahre lang Französisch an der Universität in Venedig, veröffentlicht Gedichte, Aufsätze und Übersetzungen. Seit 2009 lebt sie wieder in Lyon und ist als Lehrbeauftragte tätig. Sie unterrichtet Französisch für Ausländer am Centre International d’Études Françaises.

Ihr erster Roman, "Die Schönheit des Kreisverkehrs", wurde mit dem Literaturpreis Prix Cazes Brasserie Lipp ausgezeichnet und ist heuer auf Deutsch bei Nagel & Kimche erschienen. Die banale Geschäftsreise durch die Eintönigkeit der französischen Provinz wird zum skurrilen Roadtrip voller Überraschungen: Joaquin Reyes muss zu einem Kundentermin eine Unternehmensberaterin mitnehmen. Aber was genau ist ihr Auftrag? Auch Joaquin hat ein Geheimnis, das er nicht preisgeben will: Er hat Diabetes und fürchtet nicht nur deshalb um seinen Job. Während die geheimnisvolle Vivienne die Reise ständig verzögert, versucht er verzweifelt, seinen Unterzucker zu verbergen. Rien ne va plus.

Dominique Paravel: Meiner Meinung nach können Frauen generell mit Schicksalsschlägen und Herausforderungen besser umgehen. Ich kenne wenige Männer, die alleine leben, dafür aber eine Menge alleinstehende Frauen. Männer sind bereit, zahlreiche Kompromisse einzugehen, um nicht allein zu sein. Sie suchen - bewusst oder unbewusst - den Schutz der Frauen. Eine vom Leben enttäuschte Frau tendiert eher dazu, allem und allen den Rücken zu kehren und nochmals ganz von vorne zu beginnen. Allein. Vivienne ist eine davon. Sie verlässt ihre Vergangenheit, sich selbst und alle anderen, ist eine "Einzelkämpferin". Joaquin hingegen zieht dem Kampf die Mittelmäßigkeit einer geregelten Existenz vor.

Sie ist Pariserin, er Provinzler.
A priori haben die beiden absolut keine Gemeinsamkeiten. Ziehen sich Gegensätze an?

Sie fühlt sich von ihm angezogen, weil er so anders ist. Sie versucht, sich selbst, ihre Bildung, ihre Herkunft zu verleugnen, jedoch erfolglos. Er ist für sie der Mann "der letzten Chance", der letzten Gelegenheit. Er hat ja auch Charme, gerade wegen seiner Schwäche, und strahlt trotzdem eine gewisse Virilität und Sensibilität aus. Auch seine künstlerische Begabung wirkt auf Vivienne anziehend. Was mich an den beiden interessiert hat, war eben genau diese Gegensätzlichkeit, der soziale und psychologische Kontrast. Eigentlich sollten die beiden schon auf Grund ihrer Herkunft nie aufeinandertreffen - und trotzdem . . . Gleichzeitig haben sie eine ähnliche Sichtweise auf die Welt, die sie umgibt.

Der Kreisverkehr ist ein Symbol für die französische Provinz und ihre Mittelmäßigkeit?



Das Leben auf dem Land hat sicher auch Vorteile, eben auf Grund seiner Durchschnittlichkeit. Alles ist irgendwie langsamer, nur die sozialen Codes sind genauso kompliziert wie in der Großstadt. Der Kreisverkehr hat mich wegen seiner Symbolik fasziniert: dieses Im-Kreis-Fahren, dabei mehrere Ausfahrtsmöglichkeiten zu haben und oft nicht zu wissen, welche die richtige ist; die Geschwindigkeit drosseln zu müssen, auch wenn man es eilig hat. Und in der Mitte oft ein furchtbares Gebilde, für das aber niemand zuständig ist. Diese Skulpturen sind oft schrecklich, haben aber etwas Berührendes. Und symbolisieren meist die Identität einer Gemeinde.

"Die Schönheit des Kreisverkehrs" ist Ihr erster Roman. Warum haben Sie denn so lange gewartet?

In Wirklichkeit handelt es sich hier ja schon um meinen zweiten Roman (2011 erschien der Erzählband "Nouvelles Venitiennes", Anm.). Aber es stimmt schon, ich habe lange gezögert, meine schriftlichen Ergüsse an einen Verlag zu schicken. Um ehrlich zu sein, ich hatte Angst, nicht den Anforderungen zu entsprechen, Angst, nicht gut genug zu sein. Diese Angst lähmt, aber dafür arbeitet man dann eben ständig an sich und seinen Texten, das bringt einen tatsächlich auch weiter. Heute bereue ich es ein bisschen, nicht schon früher den Sprung gewagt zu haben. Wenn man es einmal geschafft hat, einen Text zu veröffentlichen, fällt es einem danach auch um einiges leichter, die Barrieren fallen weg. Und das Schreiben geht dann auch leichter von der Hand.

Sie schreiben seit langer Zeit, sind auch regelmäßig als Übersetzerin tätig. Welchen Stellenwert hat Literatur generell in ihrem Leben?

Ich schreibe, seit ich denken kann. Lesen und Schreiben zu lernen war sicherlich das Beste und schönste Abenteuer, das mir je im Leben passiert ist. Schon als Kind habe ich regelmäßig kleine Texte verfasst, Gedichte, aber auch Prosa. Und dann hab ich einfach weitergemacht, immer mit dem Wunschgedanken im Hinterkopf, eines Tages einen richtigen Roman, eine wirkliche Geschichte zu publizieren. Der Bezug zur Literatur ist fundamental. Schreiben ist meine Art, mit der Welt zu kommunizieren. Ich kann nichts (er-)leben, nichts sehen, ohne dass sich das nicht gleich in etwas Geschriebenes verwandelt, ohne diese Empfindungen nicht gleich in Worte zu fassen. Dies schafft unweigerlich eine gewisse Distanz zu meiner Umwelt, aber gleichzeitig schafft dies einen Rahmen. Schreiben ist meiner Meinung nach ein Prozess, der nur die absolute Wahrheit und eine hundertprozentige Aufrichtigkeit akzeptiert. Eine Aufrichtigkeit, die jedoch nicht unbedingt darin besteht, die Wahrheit zu sagen, denn man weiß, wie labil die Wahrheit in einem literarischen Text sein kann, nein, eine Ehrlichkeit, in der man sich selbst so nahe wie möglich kommt, und die deshalb nur tiefe Gefühle zulässt.

Wann und wo schreiben Sie? Und wer beeinflusst Sie?

Am liebsten bei mir zu Hause, manchmal auch bei Freunden, aber nur, wenn ich mich wirklich beschützt und geborgen fühle. Generell nachmittags, wenn es meine berufliche Tätigkeit zulässt. Ich schreibe sehr langsam, lese meine Texte -zigmal durch, korrigiere sehr viel.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-14 17:44:07
Letzte ─nderung am 2017-06-14 18:31:24



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