• vom 15.06.2017, 16:13 Uhr

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Update: 22.06.2017, 16:24 Uhr

Sachbuch

Islamophobie ist ein Kampfbegriff




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Von Oliver vom Hove

  • Gilles Kepel analysiert in "Der Bruch" die islamistische Gefahr nicht nur für Frankreich.

Gilles Kepel - sein Name steht auf einer Todesliste.

Gilles Kepel - sein Name steht auf einer Todesliste.© Wikipedia Gilles Kepel - sein Name steht auf einer Todesliste.© Wikipedia

Die Politiker in Europa sind, was Macht und Verbreitung des islamistischen Terrors betrifft, süchtig nach Beruhigungspillen. Zuletzt ließ sie die Euphorie über den Wahlsieg Emmanuel Macrons beinahe übersehen, dass ein Drittel der Wähler in Frankreich für den Front National gestimmt hat.

Der Politikwissenschafter und Arabist Gilles Kepel hat als herausragender Analytiker des politischen Islams stets vor der Ignoranz gewarnt, den Einfluss des islamistischen Terrors auf die Erschütterung der Werte der europäischen Zivilgesellschaft wegzuleugnen. Seine jüngste Untersuchung "Der Bruch" gilt "Frankreichs gespaltener Gesellschaft", enthält indes aufklärerische Sprengkraft auch für den Leser jenseits der Trikolore.


Kepel weist auf die Absichten der Dschihadisten hin, durch fortwährende Terror- und Gewaltakte die westlichen Demokratien zur ideologischen Aufrüstung gegen "den Islam" zu zwingen. Dies würde die Desintegration der muslimischen Parallelgesellschaften in Europa vorantreiben. Die Zerschlagung der gesellschaftlichen Strukturen würde in finaler Konsequenz bürgerkriegsähnliche Unruhen, wie sie in Frankreich zuweilen bereits bemerkbar sind, weitflächig provozieren, mit dem Ziel einer "Herrschaft des Islam".

Zwei Typen Outsider
Kepel zeigt, wie sehr das Strategiepapier des Anführers der Dschihadisten Abu Musab al-Suri von 2005 ("Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand") längst verheerende Wirkung zeigt. In seinem aus einer Radiokolumne entstandenen Buch listet er die Attentate auf, die den Terror inzwischen über Frankreich hinaus in europäische Staaten verbreitet haben. In Frankreich beläuft sich die Jugendarbeitslosigkeit in belasteten Banlieues mit großem Ausländeranteil mitunter auf 45 Prozent. Dort liegen die wesentlichen Rekrutierungszentren der Dschihadisten.

Ihnen stehen die zum Rechtsradikalismus verführten Globalisierungsverlierer, aber auch verängstigte Bürger des Mittelstands gegenüber: "Es gibt zwei Typen dieser Outsider", schreibt Kepel: "Zum einen Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Banlieues der Großstädte, zum anderen das ‚weiße Frankreich‘ vom Land oder in den Kleinstädten. Die einen verfallen der Logik einer islamischen Parallelgesellschaft, die anderen den Rechtsextremen."

Bruch erst ein Riss
Kepel ortet eine "Verschleierung des Dschihadismus in Europa unter dem Vorwand, Islamophobie sei das bedeutendere soziale Phänomen". Kritik am Islam und an der Instrumentalisierung des Kopftuchs als Zeichen des Widerstands gegen Integration wird als Islamophobie gebrandmarkt. Islamophobie, so gibt Kepel zu bedenken, sei zu einem Kampfbegriff geworden, der zur Spaltung der Gesellschaft maßgeblich beitrage.

Noch ist der "Bruch" erst ein Riss. Aber die Warnung Kepels bleibt trotz ihrer Schärfe aufrecht. Frankreich ist für viele das Schreckbild misslungener Integration. Dazu kommt in Ländern wie Deutschland, Schweden und Österreich die politische Empirie, über Monate eine unkontrollierte Massenzuwanderung geduldet zu haben. Und in Osteuropa, wo die Erfahrung mit Fremden durch die jüngere Zeitgeschichte wenig ausgeprägt ist, will man unter breiter Zustimmung der Bevölkerung erst gar keine aufgezwungene muslimische Zuwanderung zulassen.

Geschichtsvergessenheit taugt nicht als politisches Konzept. Die Geschichte zeigt: Angst bedroht die Demokratie. Geschürte Angst wirkt als Brandbeschleuniger. Eine offene Debatte über den Islam und Aufgeschlossenheit gegenüber den Kritikern einer unbedachten Zuwanderungs- und Integrationspolitik schaffen aufklärend Sicherheit. Die Feinde von Gilles Kepel jedenfalls wissen das längst: Sein Name steht auf einer Todesliste des IS.

sachbuch

Der Bruch. Frankreichs gespaltene Gesellschaft.

Gilles Kepel.

Verlag Kunstmann, München

20,60 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-15 16:17:09
Letzte ─nderung am 2017-06-22 16:24:15



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