• vom 18.06.2017, 14:00 Uhr

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Das Kind im Kopf




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Von Uschi Sorz

  • Wie lässt sich das Dasein als Schriftstellerin und Mutter vereinbaren? Vier Autorinnen berichten von ihren Erfahrungen.

Vier Schriftstellerinnen über das Konkurrenzverhältnis von Kunst und Kind: Julia Franck, Linda Stift, Zuzsa Bánk, Kirstin Breitenfellner (v. l. o. im Uhrzeigersinn). - © dpa (2), C. Andorfer, I. Götz

Vier Schriftstellerinnen über das Konkurrenzverhältnis von Kunst und Kind: Julia Franck, Linda Stift, Zuzsa Bánk, Kirstin Breitenfellner (v. l. o. im Uhrzeigersinn). © dpa (2), C. Andorfer, I. Götz



Es ist schon eine Weile her, da veröffentlichte die Schriftstellerin Julia Franck in der "Welt" einen berührenden Essay. "Schreiben und Kinder sind unvereinbar", lautete der Titel kategorisch. Denn beides erfordere volle Hingabe. Allerdings: Auf keines von beidem könne sie verzichten. Von diesem Zwiespalt handelte ihr Text. Wie es ist, das eigentlich Unvereinbare zu vereinen; dem Gefühl der Unzulänglichkeit nach beiden Seiten, den Abstrichen, den abgelehnten Einladungen zu Lesungen, Festivals und Buchmessen.

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Uschi Sorz lebt als freie Journalistin und Texterin in Wien.

"Manche Leser stellen sich vor, man könne mit einem Baby im Körbchen neben dem Tisch schreiben, das Leben als schreibende Mutter müsse unfassbar harmonisch und toll sein, weil man ja ständig für sein Kind da sein und sich die Arbeit völlig frei einteilen könne", legte Franck dar. Aber in Wirklichkeit könne keiner "mal hopp ein paar Sätzchen Literatur schreiben".

Mehrfachbelastung

Die "Wiener Zeitung" wollte wissen, wie die Debatte verlaufen ist, die sie damals angestoßen hat. Denn Franck ist ja eine sehr erfolgreiche Autorin. Ihre Bücher gehen durch die Feuilletons, sie wurde vielfach ausgezeichnet, etwa 2007 mit dem Deutschen Buchpreis für den Roman "Die Mittagsfrau". Ihre beiden Kinder, mittlerweile 14 und 16 Jahre alt, zieht sie alleine auf.

Die "Welt"-Redaktion habe ihr von großer Resonanz auf diesen Text berichtet, erzählt Franck. Es gab eine Flut an Kommentaren. Online war er einer der am meisten aufgerufenen Beiträge. Aus Zeitgründen könne sie sich jedoch nicht entschließen, die Diskussion in digitaler Form wieder aufzugreifen. Obwohl sie sie nach wie vor für wichtig halte.

Ihr letzter Roman, "Rücken an Rücken", ist 2011 erschienen. Ein Zwischenraum von acht oder zehn Jahren bis zum nächsten sei gut möglich, sagt sie. Sie sei langsamer geworden. Bewusst. "Dafür kann ich allerdings weder die Kinder noch das Merkmal der Alleinstehenden verantwortlich machen. Eher ist es eine natürliche Folge der Verausgabung in den Jahren der Gleichzeitigkeit und alleinigen Mehrfachbelastung."

Sie erinnert sich an ein Rom-Stipendium, bei dem der deutsche Halbtagskindergarten fast ihr halbes Budget und die Fahrt hin und zurück täglich drei Stunden verschlangen. "Erst heute, zwölf Jahre danach, erhalten die Künstler der Villa Massimo ihre Betreuungskosten erstattet."

Rückzug, Verzicht auf Triumphe und Tribute an die Öffentlichkeit, weniger Publikationen, das hat der Zeit in ihrem Leben einen neuen Wert verliehen. Wenn die 47-Jährige vom Alltag mit ihren halbwüchsigen Kindern spricht, klingen Zärtlichkeit und Zufriedenheit durch. Selbst war sie - wie Franck-Leser wissen - früh auf sich allein gestellt: "Meinen Kindern eine stabile familiäre Geborgenheit zu vermitteln, wie ich sie selbst nie erleben durfte, ist mir ein Bedürfnis." Auch bliebe nun Raum, einen Lehrauftrag am Literaturinstitut in Leipzig anzunehmen. Oder schreibend bildende Kunst und Tanz zu erkunden.

"Vielleicht hätte ich ohne diese Entscheidung doppelt so viele Bücher geschrieben und ein äußerst stattliches Einkommen, aber keine Zeit und kaum Freiheit."

"Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, dass man permanent ein neues Buch herausbringt, ist schon ein Druck für Autoren", sagt Linda Stift. Mit "Kingpeng" (2005), "Stierhunger" (2007) und "Kein einziger Tag" (2011) hat die 48-Jährige drei vielbeachtete Romane geschrieben. Den zweiten in der Schwangerschaft mit ihrem heute zehnjährigen Sohn. "Die Lesereisen waren mit dem Baby noch relativ gut zu bewältigen", erzählt sie. "Mit dem kreativen Teil war es schon schwieriger."

Gewöhnt an lange Schreibphasen, war der dritte Roman ein Kampf. Nicht nur wegen der schmalen Zeitfenster. Womit sie nicht gerechnet habe, war "das Kind im Kopf". Gerade in den ersten Jahren drängte sich das in den Vordergrund. Im Magazin "grazkunst" hat die in Wien lebende Autorin diesen Zustand unlängst beschrieben: "Das Kind verdrängt alle Gedanken, die nicht unmittelbar mit ihm zu tun haben, auch wenn es schläft und gerade keine Betreuung braucht. In meinem Fall Gedanken an Bücher, die ich vor der Geburt noch lesen wollte, an das Buch, das ich vor der Geburt fertiggestellt hatte, an all die Dinge, die mit einer neuen Publikation zusammenhängen. Man stillt das Kind, wickelt es, trägt es herum. Man denkt die ganze Zeit an es."

Auch Stift spürt die Zerrissenheit: "Und mein Schreiben, meine Kunst, was ist damit? Die Kunst ist mein anderes Kind, das Aufmerksamkeit und Pflege braucht. Meine Kunst ist zickig - sie zieht sich bei der kleinsten Störung zurück." Zumindest habe diese aber einen längeren Atem, resümiert Stift. Die Kunst könne sich tot stellen, aber genauso schnell wieder erwachen.

Das tut sie oft für kleinere Projekte wie die Herausgabe eines Rom-Buches, Erzählungen, Essays. Nach den bekannten schräg-unheimlichen Romanen hätten sich ihre Themen verändert, so die Autorin. Das Muttersein hat auch hier einen Platz erobert. Kindheitserinnerungen tauchten auf. Nur wurde die neue Innerlichkeit nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Ein abgelehnter Roman unterbrach den Schreibfaden abermals. Ein Teil davon überlebte als E-Book ("Unter den Steinen"). Diese Erfahrung sei verunsichernd gewesen, sagt Linda Stift.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-16 13:56:09
Letzte ─nderung am 2017-06-16 14:05:11



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