• vom 19.06.2017, 17:30 Uhr

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Autorenporträt

Die Diät des Schriftstellers




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Von Edwin Baumgartner

  • Die österreichische Autorin Ingrid Schramm bekennt sich zum Unterhaltungswert von Literatur.



Wien. Zwei Romane, zwei Dramen und, soeben erschienen, ein Band mit satirischen Kurzgeschichten: Das ist das gesamte bisher veröffentlichte schriftstellerische Werk der österreichischen Autorin Ingrid Schramm, die heute, Mittwoch, den Titel Professorin erhält. Auf einer anderen Ebene hat Ingrid Schramm viel Wissenschaftliches geschrieben: über Hilde Spiel, über György Sebestyén und über Axel Corti und über den literarischen Salon. Und sie hat Fanny von Arnstein im Leben Wolfgang Amadeus Mozarts als große Anregerin neu positioniert: Sie war es, so Ingrid Schramm, die Mozart mit der Musik Bachs vertraut gemacht hat, und in ihren Kreisen hat Mozart auch seinen wichtigsten Förderer, Raimund Wetzlar kennengelernt.

Apropos Förderung der Künste - das Leben des Schriftstellers heute? - Mühsam", antwortet Ingrid Schramm, allerdings gäbe es nicht nur Schattenseiten: "Ein Schriftsteller, der vom Schreiben leben muss, kann sich über einen großartigen Vorteil freuen: Er braucht sich über Diät keinen Kopf zerbrechen, weil er ohnehin verhungert." Ingrid Schramms Neigung zum Schwarzen Humor und der wohlgesetzten Pointe macht nicht nur das Gespräch mit ihr prickelnd amüsant, sondern auch ihre Bücher.


Vielschichtiger Schlüsselroman
"Die Traumspur" etwa ist der Roman einer Amour fou mit einem Hauch, aber wirklich nur einem Hauch Esoterik und ein Schlüsselroman, der in den Kreisen von Opernbegeisterten und Feuilletonisten spielt. Doch der Roman funktioniert auch, wenn man nicht erkennt, wer sich hinter den realen Figuren verbirgt.

Ein Unterhaltungsroman? - Ja, darf denn eine Autorin das schreiben, wenn sie als weiterhin als seriös gelten will? Ja, sagt Ingrid Schramm, denn: "Die Zeit der verkopften Literatur ist vorbei. Auch die Zeit der Literaturpäpste, die Angst vor Gefühlen zeigen, gehört der Vergangenheit an. Jetzt sind die Leser am Wort. Und diese wünschen sich spannende Geschichten mit tiefsinnigen Gedanken."

Die tiefsinnigen Gedanken verpackt die Autorin in der "Liebespriesterin" in einen Roman, der den griechischen Mythos von König Minos und seiner Tochter Ariadne als antiken Erotik-Thriller erzählt und dabei ganz nahe an den Themen unserer Gegenwart bleibt. Fast scheint es, als habe Ingrid Schramm diesen Roman einfach aus der Lust geschrieben, mehrere Leben für sich selbst durchspielen zu können.

Ein Ballett der Gockel
In ihrer jüngsten Veröffentlichung, "Schweig still, Weib! - finstere Welt des Patriarchats" führt Ingrid Schramm ein kabarettistisches Ballett auf, mit Klischees des Rollenverhaltens genussvoll spielend und zugleich sie beißend scharf aufdeckend. Denn die aufgeblasenen Gockel, Egomanen und Selbstbespiegler sind immer noch mitten unter uns. Vielleicht funktioniert die Emanzipation am besten, wenn man antiquiertes Rollenverhalten der Lächerlichkeit preisgibt.

Ingrid Schramm, in Wien geboren, ist promovierte Theaterwissenschafterin. Sie hat Grafik an der Akademie der Angewandten Kunst studiert und Malerei bei Marek Kubski. Für den "Börsen-Kurier" schrieb sie Musikkritiken, arbeitete später für mehrere Zeitungen und für den ORF. Seit 1992 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek tätig.

Ein steter Stachel im Fleisch Ingrid Schramms ist die Schieflage von Qualität und Erfolg im heutigen Literaturbetrieb: "Es ist bedauerlich, dass heutzutage Schriftsteller nicht mehr vom Schreiben leben können. Hingegen gibt es hierzulande einige Autoren, die sehr gut davon leben, dass sie nicht schreiben können", sagt Ingrid Schramm. Ob sie hofft, dass sich das ändern könne? - Ankämpfen dagegen muss man dennoch, denn nichts tun, wäre Zustimmung, meint sie, und diese Zustimmung wäre Verrat an der Literatur.




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Dokument erstellt am 2017-06-19 17:35:12



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