• vom 21.06.2017, 16:27 Uhr

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Sachbuch

Liebeserklärung ans Kanzleramt




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Von Paul Vécsei

  • Ein Prachtband erzählt von großer Macht und einer kleinen Stempelmarke.

Der Ballhauplatz gilt seit drei Jahrhunderten als Synonym für die politische Machtzentrale Österreichs. Lange bevor republikanische Bundespräsidenten seit 1918 auf Hausnummer 1 hier in der Wiener Innenstadt ihre Amtsräume bezogen, regierten schon auf der heutigen Hausnummer 2 die Kanzler alter Staatsformen.

Ob Habsburgerreich oder Republik, dazwischen sogar in sieben Jahren Nationalsozialismus: Wer als Chef der obersten Bürokratie das Sagen hatte, bezog am Ballhausplatz Quartier. Schillernde Namen wie Kaunitz, Metternich, Renner, Seipl, Dollfuß, Figl, Raab, Kreisky werden mit dem Haus verbunden. Das welthistorische Ereignis des Wiener Kongresses im Jahr 1814/1815 war ein glanzvoller Höhepunkt in der Geschichte des Hauses. Selbst Skurrilitäten wie eine Demonstration des Volkszorns wegen des Ausschlusses des Ski-Idols Karl Schranz von den Olympischen Winterspielen 1972 fanden hier ihren Platz.


Zahlreiche Anekdoten ranken sich um das Haus. Seit 1717 befand sich hier die Staatskanzlei, seit 1923 residiert im Gebäude das Bundeskanzleramt. 300 Jahre Geschichte, Macht und auch politische Intrige haben das Haus geprägt und gekennzeichnet.

Detailreiche Liebeserklärung
Einer, der selbst rund zehntausend Tage lang hier ein und aus ging, zeichnet nun für einen Prachtband über das ehrwürdige Palais am Ballhausplatz 2 verantwortlich. Manfred Matzka, bis 2015 Präsidialchef des Kanzleramtes und damit laut Protokoll höchster Beamter der Republik, hat "über sein Haus" eine tiefgründige Liebeserklärung verfasst. Sie überrascht mit Detailreichtum selbst gut informierte Insider.

Auf nicht ganz 300 Seiten zeigt sich der ehemalige Sektionschef als Geschichte(n)-Erzähler im besten Sinn. Gar nicht trocken werden Architektur und Kunst im Haus behandelt. Zahlreiche Illustrationen und historische Fotos machen die Vergangenheit für den Leser sichtbar und lebendig. Matzka spürt der täglichen Macht- und Herrschaftsausübung nach und setzt sie spannend in Zusammenhang zu vorerst unmerklichen, aber dann entscheidenden Veränderungen im Staat. Erstmals werden handgefertigte Skizzen für jene NS-Eindringlinge publiziert, die 1934 Kanzler Engelbert Dollfuß ermordeten. Auch Skurriles fehlt im Buch nicht: Die Verzichtserklärung von Otto Habsburg wurde 1962 am Ballhausplatz sauber mit einer Stempelmarke versehen.

Sachbuch

Die Staatskanzlei. 300 Jahre Macht und Intrige am Ballhausplatz.

Manfred Matzka.

Verlag Brandstätter

288 Seiten, 39,90 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Die Staatskanzlei

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Dokument erstellt am 2017-06-21 16:32:03



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