• vom 24.06.2017, 09:30 Uhr

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"Experiment im Genre Realismus"




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Von Andreas Wirthensohn

  • "Kämpfen", der letzte Band von Karl Ove Knausgårds autobiografischem "Opus Monstrum", ist eine Art literarische Rechtfertigungsschrift - und von großartiger Wucht.

Detailbesessen: der in Schweden lebende Autor Karl Ove Knausgards . - © Ullsteinbild/Schleyer

Detailbesessen: der in Schweden lebende Autor Karl Ove Knausgards . © Ullsteinbild/Schleyer



Der chilenische Schriftsteller Alejandro Zambra, der von der internationalen Literaturkritik gerade als "the next big thing" gehandelt wird, schildert in seinem soeben erschienenen Erzählband "Ferngespräch" eine wunderbare Episode, die zeigt, was intensives, empathisches Lesen wirklich bedeutet: "Kurt las damals Heinrich Böll, und da ich Kurt kräftig nacheiferte, damit er mein Freund wurde, besorgte ich mir Ansichten eines Clowns, einen sehr schönen, bitteren Roman, in dem die Figuren pausenlos rauchen, auf jeder Seite, glaube ich, oder jeder zweiten. Und immer wenn sie sich eine Zigarette ansteckten, steckte ich mir auch eine an, als nähme ich auf diese Weise am Roman teil.
(. . .) Ich las noch mehr von Böll, nahm mir fest vor, immer wenn jemand in seinen Romanen rauchte, ebenfalls zu rauchen. (. . .) Damals wurde ich zu einem zwanghaften Raucher. Zu einem Profiraucher, um genau zu sein. Ich bin nicht so dumm, zu behaupten, Heinrich Böll wäre schuld daran gewesen, dass ich zum Profiraucher wurde. Nein: ich hatte ihm dafür zu danken."

30 Windelwechsel

Würde man Karl Ove Knausgård genauso mitfühlend lesen, würde man ebenfalls reichlich rauchen, ordentlich trinken und vor allem viele Windeln wechseln. Ein Kritiker hat jüngst nachgezählt: Mehr als dreißig Mal finde sich das Wort "Windel" in "Kämpfen", dem sechsten und letzten Band von Knausgårds autobiografischem Mammutwerk. Was eigentlich nicht weiter schlimm wäre, aber die Windel steht hier sinnbildlich für die Detailbesessenheit des norwegischen Autors - immer mit dem Beiklang des "Wer bitte will das so genau wissen?"



Offenbar nicht so wenige Leser. Knausgård ist "Kult", das schöne Adjektiv "knausoman" macht schon die Runde, und wer die sechs Bände mit insgesamt mehr als 4600 Seiten hinter sich gebracht hat, weiß so ziemlich alles über Karl Ove (bis hin zur Geheimzahl seiner Kreditkarte). "Min kamp 1-6" heißt dieses opus monstrum im Original, und dass der deutsche Verlag davon Abstand nahm, das wörtlich zu übersetzen, hat

Information

Karl Ove Knausgård

Kämpfen

Roman. Aus dem Norwegischen von. Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand, München 2017, 1278 Seiten, 29,90 Euro.

ihm vermutlich einige erregte Diskussionen erspart. Stattdessen tragen die Bände unverfängliche Titel: "Sterben", "Lieben", "Spielen", "Leben", "Träumen" - und nun also "Kämpfen", der bei weitem umfangreichste Brocken.

Er ist so etwas wie der Metaband dieses singulären schriftstellerischen Projekts. Zu Beginn berichtet Knausgård darin von der Zeit kurz vor Erscheinen des ersten Bandes. Da nicht nur der Autor, sondern auch noch jede Menge andere reale Personen vorkommen, beschließt er, den Betroffenen das Manuskript vorab zukommen zu lassen: "Erst in dem Moment, als ich das Manuskript den Menschen schickte, von denen erzählt wird, begann ich die Konsequenzen meines Tuns zu übersehen." An seinen Onkel Gunnar schreibt er: "Die Sache ist die, dass ich sechs autobiografische Romane verfasst habe, die verschiedene Abschnitte meines Lebens beschreiben und zum Ausgangspunkt haben, dass alle Namen und Ereignisse authentisch sind, das heißt, das Erzählte ist geschehen, wenn auch nicht bis ins kleinste Detail."

Einige fühlen sich geschmeichelt, Eingang in die Literatur gefunden zu haben, doch Onkel Gunnar droht mit Klage und Schadensersatzforderungen. Am schlimmsten ist für den Autor der Vorwurf, er würde lügen. Das Bild, das er von seinem Vater, Gunnars Bruder, zeichne, stecke voller Unwahrheiten. Knausgård ist mit einem Mal verunsichert: "Es geht hier um ein Erlebnis, das ich selbst hatte, oder? Und plötzlich denke ich darüber nach, ob ich es tatsächlich so erlebt habe oder nicht." Denn natürlich ist es so, dass er "zum Beispiel Dialoge erfunden hatte, die eventuell wahrscheinlich, aber nicht wahr waren". Was also ist literarische Wahrhaftigkeit?

"Kämpfen" ist in weiten Teilen Rechtfertigungsschrift für einen Realismus, dem in seiner Unbedingtheit etwas Rücksichtsloses anhaftet. "Ein Schriftsteller kann nur etwas Bestimmtes schreiben, und genau das, was dieses Bestimmte abgrenzt, ist das Verpflichtende. Meine Verpflichtung wurde zur Wirklichkeit, worüber ich schrieb, war wirklich geschehen, und es war so geschehen." Will heißen: Die literarische Wirklichkeit kann immer nur eine subjektive sein, eine des Ichs und nicht des Wir. "Aber nicht ihn [den Vater] habe ich beschrieben, es ist mein Bild von ihm."

Monumentalprojekt

Als "Experiment im Genre Realismus" bezeichnet Knausgård dieses Monumentalprojekt, und in der Tat hat man selten ein Werk gelesen, das sich mit solcher Akribie noch den banalsten Alltagstätigkeiten wie Putzen, Einkaufen oder Windelwechseln widmet. Diese Wirklichkeit hat nichts Sinnbildliches oder Metaphorisches. "Es geht hier nicht um Romantik. Es ist dieses Leben. Es ist alles, was wir haben. Und wir müssen versuchen, es gut zu machen. So gut wie möglich."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-22 17:12:12
Letzte Änderung am 2017-06-22 17:36:01



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