• vom 24.06.2017, 09:00 Uhr

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Update: 24.06.2017, 09:58 Uhr

Literatur

Postmoderne im Gesicht




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Von Christina Böck

  • Kat Kaufmanns Roman "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster": Hipster-Literatur mit Mehrwert.

"Dass ihr Russen immer gleich so übertreiben müsst": Kat Kaufmann hantiert auch freihändig mit National-Klischees. - © A. Barkovskaya

"Dass ihr Russen immer gleich so übertreiben müsst": Kat Kaufmann hantiert auch freihändig mit National-Klischees. © A. Barkovskaya

Man sagt "Kätt", so wie bei der Katze. Die Kurzversion von Ekaterina hat sich Kat Kaufmann, Jahrgang 1981, bereits in der Jugend zugelegt. Weil nämlich so ein gesächseltes Ekaterina gleich gar nicht mehr nach Sankt-Petersburg-mondän klingt. Nach Leipzig sind ihre Eltern damals Anfang der 1990er mit ihr aus dem damaligen Leningrad geflüchtet - die Mutter Tänzerin, der Vater Theaterregisseur. Die Kunst ist auch Kat Kaufmanns berufliche Heimat geblieben. Obwohl sie bereits mit fünf Jahren begann, Klavier zu spielen, hat sie sich schließlich entschieden, Jazzgesang zu studieren. Die pragmatische Begründung: Da darf man nicht so lange üben, weil die Stimme das nicht verträgt, und so hat man mehr Freizeit.

Jazzmusikerin ist auch die Protagonistin von Kaufmanns erstem Roman "Superposition", der ihr vergangenes Jahr Meriten und einen gewissen Status als Hipster-Bohemienne (sie komponiert ja auch noch Filmmusik für den "Tatort"! Und hat einen krasscoolen Berliner Instagram-Account!) eintrug. Verkürzt wurde das Buch auf "Flüchtlingsthematik im hippen Drogenberlin", Kaufmann selbst umschrieb den Inhalt so: "Als würden sich ein Hund und ein Wolf zusammen unter dem Tisch betrinken."


Kalter Krieg, das Update
Klingt russisch. In "Superposition" hat die Hauptfigur autobiografische Züge, auch sie ist wie Kaufmann bereits als Kind aus Russland emigriert. Und auch Kaufmanns neuer Roman "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster" (Tempo) führt Exilrussen der zweiten Generation und einen psychopharmazierten Deutschen auf einen turbulenten Roadtrip nach Russland. Jonas heißt Letzterer, er ist stolzer Studienabbrecher und hat eine Freundin, die er auf Tinder nur deswegen nicht weggestrichen hat, weil er lustig fand, dass ihr Anmachspruch war: "Schöne Postmoderne, dein Gesicht". Also eigentlich hat er diese Freundin nicht lange im Verlauf des Romans, denn der Tod seines Opas Ernst wirft ihn schnell rechtschaffen aus der Bahn und unter anderem aus der Beziehung. Ernst, der Boxer, dessen Demenz der mit sich selbst schwer beschäftigte Jonas leider nicht aus der Nähe ertragen konnte, hat ihm nämlich 5000 Euro hinterlassen und einen Namen. Valerij Butzukin lautet der, und Jonas soll ihn in Russland suchen. Der Verdacht liegt nahe, dass dieser Mann sein leiblicher Vater sein könnte.

Zwei Deutschrussen, Juri und Stas, helfen ihm bei seiner Reise. Das ist deshalb notwendig, weil dieser Roman zwar im Jahr 2017 spielt, allerdings in einer politisch anders gearteten Gegenwart, als wir sie gewöhnt sind. In "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster" befinden sich die Bündnispartner Ameropa (USA und Europa) und Russasia (Russland und Asien) im Kalten Krieg 2.0 inklusive praller Aufrüstung. Im Lauf des Romans eskaliert diese Außenwelt tüchtig, während Jonas nicht nur an die Mafia gerät, sondern auch die eisernste Russin mit den schönsten Lippen kennenlernt, die Sätze sagt wie "Das Leben ist hart. No time to Koala", wenn der Schlendrian wieder gar zu arg einzuziehen droht.

Kaufmanns Sprache ist oft so hingerotzt jugendlich, aber sie hat auch eine peitschend-poetische Dynamik, die mitten hineinrattert in die Endzeit. Mitunter fühlt man sich an erquickliche Lektüren von Sven Regeners "Herrn Lehmann" bis zu Wolfgang Herrndorfs "Tschick" erinnert, oder an die guten Sachen von Ronja von Rönne. Die ja auch so ein Liebling des jungen Bohemian-Feuilletons ist und auch beliebter Gast bei Jan Böhmermanns TV-Show. Da war Kat Kaufmann Anfang Juni zu Besuch und sang unbemüht lässig "Summertime". So lässt man sich die Dystopie gefallen.




Schlagwörter

Literatur, Kat Kaufmann

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-23 15:52:08
Letzte Änderung am 2017-06-24 09:58:20



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