• vom 26.06.2017, 16:44 Uhr

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Update: 26.06.2017, 17:06 Uhr

Comic

Vulva mit Maschinengewehr




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Von Martin Reiterer

  • Ein feministischer Aufklärungs-Comic vom Feinsten: Liv Strömquists "Der Ursprung der Welt".

"Echt mal, was ist eigentlich ein weibliches Geschlechtsorgan?" Diese und andere Fragen beantwortet der Comic nicht nur allen, die sich auf die Nasa verlassen.

"Echt mal, was ist eigentlich ein weibliches Geschlechtsorgan?" Diese und andere Fragen beantwortet der Comic nicht nur allen, die sich auf die Nasa verlassen.© Avant-Verlag "Echt mal, was ist eigentlich ein weibliches Geschlechtsorgan?" Diese und andere Fragen beantwortet der Comic nicht nur allen, die sich auf die Nasa verlassen.© Avant-Verlag

Es beginnt mit einer kleinen Oscar-Verleihung: "Männer, die sich zu sehr dafür interessieren, was als ,das weibliche Geschlechtsorgan‘ bezeichnet wird". Um es vorwegzunehmen: Es geht nicht um die Kategorie "Leidenschaftlichster Liebhaber". Obwohl das betreffende Interesse zweifellos mit Inbrunst und Leidenschaft betrieben wurde. Die Liste zieren teils unbekannte Namen wie Baron George Cuvier, Dr. Isaac Baker-Brown, John Money, aber etwa auch John Harvey Kellogg (1852-1943). Im Beipackzettel für Frühstücksflocken steht freilich nicht drin, dass der Arzt Kellogg als leidenschaftlicher Anti-Onanie-Vertreter Frauen von diesem Übel zu heilen versuchte, indem er ätzende Karbolsäure auf die Klitoris applizierte (Platz sieben auf der Liste). Baker-Brown bediente sich schärferer Instrumente: Klitoridektomie ist der Fachausdruck für die operative Entfernung der Klitoris, die der Arzt anwandte, um Hysterie, Depression sowie Kopfschmerzen und Unfolgsamkeit zu behandeln. Eine Praxis, die einst durchaus verbreitet war.

"Die Typen aus den Hexenprozessen" (auf Platz drei) regen unser Assoziationsvermögen bereits ohne Stichworthilfe an. Die Grundsteinlegung für deren Bild vom Frauenkörper wäre allerdings bei Augustinus zu finden, der Sex nicht mehr als göttliche Gabe, sondern vielmehr als "Verrat an Gott" einstufte und den Frauenkörper als etwas dem Göttlichen Entgegengesetztes.

Information

Liv Strömquist, Der Ursprung der Welt. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Berlin: avant-verlag, 2017

Intersexuelle Gebeine

Die Liste stammt von der schwedischen Politikwissenschafterin und Comic-Künstlerin Liv Strömquist und findet sich in ihrem Comic "Der Ursprung der Welt", der mit Anspielung auf Gustave Courbets lange der Öffentlichkeit vorenthaltenes skandalträchtiges Gemälde "L’Origine du monde" (1866) die Blickrichtung auf die Vulva sogleich sicherstellt. Auf Platz eins gelangten übrigens "Die Typen, die Königin Christinas Grab öffneten!" 1965 war das! Und leider war an dem 400 Jahre alten Skelett nicht mehr auszumachen, ob sie intersexuell war. Die bemerkenswerte Begründung dieses Verdachts beruhte auf der Feststellung, dass die Frau so außergewöhnlich intelligent war. "Königin Christinas Genitalien übten auf diese alten Knacker eine vergleichbar große hypnotische Kraft aus wie eine Xbox auf 11-jährige Jungs in einem schummrigen Hobbyraum in den Sommerferien." - "Man möchte rufen: Leute, raus aus der Krypta! Draußen scheint die Sonne!"

Frech, provokant, aber desgleichen fundiert, scharfsinnig und pointiert macht sich Strömquist, Jahrgang 1978, ohne Umschweife an ihr Thema heran: die Vulva - das weibliche Geschlechtsorgan und die weibliche Sexualität als pars pro toto des kulturell geprägten Frauenkörpers. Offensiv ist bereits die Ästhetik des Covers: Es zeigt die Autorin, schwarz gekleidet, auf einer Bank sitzend, mit ihren Händen im gespreizten Schritt ein Dreieck formend, den Blick auf dieses Vulvasymbol gerichtet, neben ihr ein Maschinengewehr. Doch die Waffen dieser Frau sind ihre spitze Feder und die unerschrockene Art, mit der sie sexistische, patriarchale und anti-feministische Machtzonen und Mythen lokalisiert und entzaubert.

Besessen von Ungleichheit

Strömquist muss dabei nicht bei null anfangen, sie versteht es, die zum Thema bestehende Literatur virtuos in Szene zu setzen. Souverän verknüpft sie klassische Zitate der Kultur- und Medizingeschichte von der Bibel bis Sigmund Freud mit Produkten der Popkultur und Hygieneindustrie von erotischen Schlagern bis zur Tamponwerbung und zeigt damit auf, wie sehr auch gegenwärtige Vorstellungen und Bilder über das weibliche Geschlecht und den weiblichen Körper nicht zufällig bestehen oder auf natürliche Weise entstanden sind, sondern ganz gezielt geprägt, befördert und dekretiert wurden.

Zwei große gesellschaftliche Erzählungen skizziert die Autorin: Während seit der Antike das weibliche Geschlechtsorgan zwar als schlechtere Version des männlichen verstanden, aber die Gleichheit zwischen den beiden Körpern grundsätzlich nicht in Frage gestellt wurde, hat mit der Wissenschaft der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts ein Denken eingesetzt, das, "besessen von Ungleichheit", Frauen und Männer als komplementäre Gegensätze verstanden wissen wollte. Ein weiteres Anliegen der Feministin ist das mit Scham, Angst und Ekel besetzte Tabu der Menstruation, das freilich die Hygieneindustrie bestens für sich nutzbar zu machen weiß.

Verschüttete Traditionen

Strömquists Comic "Der Ursprung der Welt", der sich aus einer Reihe raffiniert miteinander verwobener dokumentarischer Comicgenres zusammenfügt, widersetzt sich gängigen Denkweisen, Vorstellungen und Mythen mit viel Satire und heiterem Witz und verweist in einer Art Archäologie auf verschüttete gegenläufige Traditionen und Umgangsweisen. Der geschickte Einsatz unterschiedlichen Bildmaterials von Fotos, Gemäldeausschnitten, Buchcovers sowie abwechslungsreicher medienspezifischer Codes bis hin zur dramaturgisch sparsamen Verwendung der Farbe Rot verwandelt den Band in eine fesselnde Lektüre. Fazit: Liv Strömquists Comic ist ein feministischer Aufklärungscomic vom Feinsten.





Schlagwörter

Comic, Sex, Sexualität, Feminismus

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-26 16:46:06
Letzte ─nderung am 2017-06-26 17:06:48



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