• vom 28.06.2017, 16:02 Uhr

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Update: 28.06.2017, 16:23 Uhr

Konsum

Das Produkt ist kein Gott




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Von Jeannette Villachica

  • Frank Trentmann über den Konsum im 17. Jahrhundert und warum Konsum wichtig für die Demokratie ist.

Von einer Reduzierung unseres Konsums sind wir noch weit entfernt. - © Marka/UIG via Getty Images

Von einer Reduzierung unseres Konsums sind wir noch weit entfernt. © Marka/UIG via Getty Images





"Wiener Zeitung": In welcher Phase der Konsumgeschichte befinden wir uns?

Frank Trentmann: Einige Propheten meinen, wir hätten den Höhepunkt des Konsums überschritten: Die meisten Menschen würden ihr Leben eher entrümpeln, lieber teilen und neue Erlebnisse sammeln, als neue Dinge anzuschaffen. Wenn wir uns die historische Entwicklung und heutige Zahlen anschauen, ist das etwas naiv. In ganz Großbritannien sind weniger als 10.000 Autos übers Carsharing im Einsatz, aber 2,7 Millionen Neuwagen wurden allein im letzten Jahr angemeldet. Und das Geld, das übers Teilen nicht ausgegeben wird, wird in Zeiten von Niedrigzinsen meist nicht gespart, sondern in das neueste Smartphone oder eine zusätzliche Reise gesteckt. Außerdem sind Erlebnisse nicht das Gegenteil von Konsum, einkaufen ist für viele Menschen ein Erlebnis.

Information

Frank Trentmann, 51, ist einer der renommiertesten Historiker im Bereich der Alltags- und Konsumgeschichte. In seiner "Herrschaft der Dinge" (DVA) erzählt er die Geschichte des Konsums von der italienischen Renaissance bis zur Globalisierung der Gegenwart. DVA/J. Braun

Welchen Einfluss hat das Internet auf unseren Konsum?

Was vor ein paar Jahren noch innerhalb von zwei Wochen geliefert wurde, kommt heute im Extremfall sofort zu uns. Wir versuchen, diesen Exzess mit Öko- beziehungsweise fairen Produkten zu kompensieren, aber hier klaffen unser Gefühl und Handeln stark auseinander. Fairer Handel macht sogar bei den Lebensmitteln, wo sein Anteil vergleichsweise hoch ist, nur einen winzigen Prozentsatz aus. Übrigens gab es auch im späten 19. Jahrhundert eine Hinwendung zum lokalen Produkt. Solch ein Rebranding blieb jedoch immer eine Randerscheinung. Der Großteil unserer Waren und Dienstleistungen wird zunehmend international produziert und gehandelt.

Ab wann spricht man von einer Konsumgesellschaft?

Dafür muss erstens ein bestimmtes Volumen des Konsums in allen sozialen Schichten vorhanden sein; zweitens muss Konsum gesellschaftlich reflektiert werden und identitätsstiftend sein. Beides schraubt sich erst in der Neuzeit hoch. Im 16. Jahrhundert gab es bestimmte Elemente einer Konsumgesellschaft, etwa die zunehmende Nachfrage nach immer feinerem Tafelservice; andere Elemente wie die kulturelle und moralische Unterstützung des Konsums fehlten: Kirchliche und weltliche Autoritäten verkündeten, der Konsum würde die Menschen nur vom Einsatz für die Gemeinschaft abhalten. Dahinter stand die Sorge, dass Frauen und untere soziale Schichten den Konsum nutzen würden, um existierende Hierarchien in Frage zu stellen. Wenn eine Frau selbst modische Dinge kaufte, drohte ihr Mann die Kontrolle zu verlieren. Deswegen landeten damals vor allem Frauen im Gefängnis.

Vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart versuchten europäische Regierungen, durch Luxusgesetze das Konsumverhalten der Bürger zu steuern.

Ja, im Mittelalter gab es eine Vielzahl solcher Erlasse und im 17. und 18. Jahrhundert erreichte die Diskussion darüber, was Luxus ist und wie er gegebenenfalls unterbunden oder gefördert werden sollte, ihren Höhepunkt. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist Italien, das nach seiner Finanzkrise 2012 eine neue Luxussteuer auf großmotorige Autos und Yachten eingeführt hat. Die Geschichte hat jedoch gezeigt: Konsum zu verbieten, funktioniert nicht. Der Staat sollte eher klügere, effizientere und nachhaltigere Formen des Konsums fördern.

Woran denken Sie konkret?

Am Verkehr kann man sehen, wie sehr der Staat lenkend eingreifen kann. In den Niederlanden der sechziger Jahre fuhren nicht viele Menschen Fahrrad. Durch alle möglichen Interventionen, etwa die Veränderung des Stadtbildes, wurde Fahrradfahren als etwas, das Spaß macht und gesund ist, inszeniert. Ähnliches geschah in den letzten Jahren in Paris. In Deutschland und England entschied man sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg für das Gegenteil. Obwohl noch kaum jemand ein Auto besaß, wurden jede Menge Autobahnen und Landstraßen gebaut. Diese Maßnahmen verliehen dem Auto erst sein Prestige und drängten das Fahrrad an den Rand.

Immer wieder straucheln Demokratien in Wirtschaftskrisen und totalitäre Systeme gehen auch am Wunsch nach freier Auswahl und mehr Konsum zugrunde. Braucht Demokratie den Konsum?

Konsum ist schon sehr wichtig für eine voll ausgebildete Demokratie. Wenn ich in einer Marktwirtschaft entscheiden muss, was ich konsumiere, ist das ein ähnlicher Prozess wie die Wahl eines Kandidaten. Der zweite Punkt ist, dass wir alle Konsumenten sind und daher Konsum das Gemeinwohl vertritt. Bevor Konsumenten ihre Stimme erhoben, wurde Politik über Interessensgruppen gemacht: die Stahlindustrie, die Landwirtschaft etc.

Warum setzen Sie den Beginn der Kultur der Dinge um 1500 an?

Es gab schon vor der Industriellen Revolution eine zunehmende Nachfrage nach Gütern. Der Bedarf wurde durch viele kleine Handwerksbetriebe gedeckt. In der Renaissance wurde eine zunehmende Anzahl von Möbeln, Kleidungsstücken, Musikinstrumenten, Kunstwerken und Geschirr in Handwerkshaushalten ebenso wie bei der Elite akkumuliert. Es waren aber meist bekannte Produkte, die nur anders gestaltet waren. Die Freude an neuen, exotischen Produkten kam im 17. und 18. Jahrhundert über die Niederlande und Großbritannien nach Deutschland.

In bargeldarmen Zeiten wurden Luxusgüter wie das Tafelservice als Wertanlage über Generationen weitergereicht. Wann begann der rasante Konsum unserer Zeit?


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Konsum, Sachbuch

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-28 16:06:11
Letzte nderung am 2017-06-28 16:23:00



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