• vom 02.07.2017, 12:00 Uhr

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Kafkas ungarischer Erbe




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Von Gerhard Strejcek

  • Der ungarische Autor Szilárd Borbély begab sich in seinem Romanfragment "Kafkas Sohn" auf die Spuren seines großen Vorbilds - und auf die Suche nach den eigenen Wurzeln.



Große Stimme Ungarns: Szilárd Borbély (1963-2014).

Große Stimme Ungarns: Szilárd Borbély (1963-2014).© Creative Commons Große Stimme Ungarns: Szilárd Borbély (1963-2014).© Creative Commons

Am 3. Juli 1883 wurde Franz Kafka in Prag geboren, und am 3. Juni 1924 ist er in Kierling, heute ein Ortsteil Klosterneuburgs vor den Toren Wiens, verstorben. Kinderlos, wie es in allen Biografien heißt, - aber ganz gesichert ist dieses Faktum nicht, denn zumindest vier Frauen hatten intime Beziehungen mit dem schüchternen Juristen. Sie hießen Felice, Julie, Milena und Dora. Auch mit einer jungen Schweizerin gab es ein Techtelmechtel bei einem Kuraufenthalt in Riva am Gardasee. Mit einiger Fantasie könnte das Schicksal von fünf fiktiven Kafka-Söhnen Folgendes gewesen sein:

Felix Bauer-Kafka, geboren am 19. Februar 1916, hätte die aufstrebende Karriere eines Innenarchitekten gemacht und seiner Mutter, der ebenso innovativen wie arbeitsamen Büromaschinen- und Marketing-Fachfrau Felice Bauer in Manhattan eine Alterswohnung eingerichtet. Urs Maier Kafka (ohne Bindestrich!), der seinen Vater nie kennen lernte, wäre Uhrmacher in Lausanne geworden und später nach St. Gallen gezogen, um sich als Stiftsbibliothekar zu verdingen.

Fiktive & geistige Söhne

Julian Kafka, um 1921 auf die Welt gekommen, wie sein Großvater ein Kantor und Schöngeist, wäre zum Rabbiner aufgestiegen, nach 1949 Abgeordneter in der Knesseth und eifriger Tarock- sowie kundiger Gesprächspartner von Max Brod geworden, zeitweise sein Assistent in biografischer und editorischer Hinsicht. Milan Jesensky, am 1. Mai 1922 geboren, wäre von seinem politisch aktiven Opa, einem slawophilen Arzt, zum tschechischen Nationalisten erzogen worden, da seine Mutter labil und häufig in Nervenheilanstalten aufhältig war - durch die Anfälle des cholerischen Vaters Jan und die Untreue ihrer Partner aufgerieben. Noch wäre der friedfertige Postumus zu erwähnen, Dorian Dyamant, geboren am 17. September 1924. Er hätte von der Mutter das fröhlich-anpackende Wesen, vom Vater das soziale Verantwortungsgefühl geerbt und wäre nach Emigration per Kindertransport in Londons Fürsorgeamt tätig gewesen.



Doch nun zur Realität und zu den existenten Nachfahren im Geiste, womit nicht nur die Epigonen und Kafkologen gemeint sind: Achtzig Jahre nach Kafkas Geburt, im Jahr 1963, kam im ungarischen Dorf Fehérgyarmat sein intellektueller Enkel Szílard Borbély auf die Welt. Der Literat erreichte ein Lebensalter, das ein Jahrzehnt länger währte als jenes des Prager Autors, aber dennoch einem völligen Ausreifen seines viel versprechenden Prosawerkes entgegen stand. Auf Grund der

Information

Szilárd Borbély

Kafkas Sohn

Prosa aus dem Nachlass. Übersetzung und Nachwort von Heike Flemming
und Lacy Kornitzer. Suhrkamp, Berlin 2017, 206 Seiten, 24,70 Euro.

ländlichen Umgebung und der schweren Arbeit reifte Borbély später als der sportliche Sohn eines Galanteriewarenverkäufers am Altstädter Ring. Zudem verlief die ungarische Kindheit trister als jene seines Vorbilds an der Moldau, denn das Dorf bot nichts außer Mücken, Jauche und schmutziger Arbeit. Der junge Szílard hatte somit reichlich Zeit, das Unglücklichsein zu proben, das Voraussetzung für einen Romancier im Windschatten Kafkas ist, wie der "große Franz" selbst postuliert hat.

Im nordöstlichsten Winkel Ungarns mangelte es nicht an verstörenden Erlebnissen wie etwa dem Auftrag, die familiäre Fäkalentsorgung vorzunehmen und Kleintiere zu töten. Da ging es Kafka, eingebettet in ein "Dreimäderlhaus", als Kind besser; aber schon als Prager Student wähnte er sich im achtköpfigen Haushalt in einem "Hauptquartier des Lärms".

Vater Hermann vernichtete durch seine grobe, lautstark die Türen schlagende und die Dienstboten maßregelnde Art jeglichen Ruhepol. So wurde für Kafka die Wohnung der Eltern zu einem unerträglichen Ort, aus dem er sich nur noch nach Verwandlung in einen riesigen Käfer zu retten können vermeinte, den die Familie entsetzt anstarrt, ehe sie den Arzt holt.

Seltsame Despoten

Für Borbély mag es Ruhepausen gegeben haben, als er mit den Misthaufen umstoch oder im Schatten eines Schuppen lag, aber kreativitätsfördernde Beschaulichkeit sieht dann doch anders aus. In Fehérgyarmat gingen die Uhren in den Siebzigerjahren kaum anders als vor hundert Jahren, nur mit dem Unterschied, dass die Menschen noch deprimierter und vom Regime enttäuschter waren als in der 1867 entstandenen Donaumonarchie, die den Ungarn dank eigener Residenzstadt, eigener Regierung und den Ausgleichsverhandlungen Selbstvertrauen einflößte.

Um 1970 amtierten seltsame Despoten, die Uniformen trugen oder einen grünstichigen Zivilanzug samt riesigem Parteiabzeichen, welche in blechernen Worten die ewige Freundschaft zum sowjetischen Retter beschworen, ohne sich um die leidende Bevölkerung und die darbende Infrastruktur zu kümmern. Szílagh Borbélys Mutter neigte unter diesen Umständen zu Depressionen und kündigte einen Selbstmord an, der aber nicht stattfand. Ihr Schicksal vollendete sich auf noch grausamere Weise, denn sie wurde Opfer einer Straftat. Ausgerechnet am Heiligen Abend drangen Raubmörder in das Haus der betagten Frau ein und ermordeten sie, schlugen auch den Vater, weil sie keine Wertsachen vorfanden. Das passierte nicht mehr im Ungarn Imre Nagys oder Janos Kadárs, sondern einige Jahre nach der Ostöffnung, in einer Phase ansteigender Kriminalität und sinkender Hoffnung auf eine Demokratisierung.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-29 17:45:18
Letzte ─nderung am 2017-06-29 18:07:20



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