• vom 05.07.2017, 15:40 Uhr

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Update: 06.07.2017, 08:10 Uhr

Literatur

"Die wollten auch so schluchzend küssen"




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Von Christina Böck

  • Germanist Peter von Matt hat die Küsse der Weltliteratur untersucht. Ein Gespräch zum Welttag des Kusses.



Auch Knackwürste können knutschen, wie die Skulptur von Erwin Wurm beweist.

Auch Knackwürste können knutschen, wie die Skulptur von Erwin Wurm beweist.© Jonas Güttler/dpa Auch Knackwürste können knutschen, wie die Skulptur von Erwin Wurm beweist.© Jonas Güttler/dpa

Ein Vater, der seine Tochter etwas zu leidenschaftlich küsst - in Heinrich von Kleists "Die Marquise von O.". Ein Mann, der seine ganze Karriere darauf ausrichtet, einen ganz bestimmten Kuss wiederholen zu können - in F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby". Ein Mann, der in einem finsteren Raum einen völlig unabsichtlichen Schmatz auf den Mund erhält und den das nachhaltig beeindruckt - in Anton Tschechows "Der Kuss".

Das sind nur drei der "Sieben Küsse", die der Schweizer Germanist Peter von Matt in seinem gleichnamigen Buch präsentiert, Küsse, die Schlüsselfunktion für ein ganzes Werk haben. Er untersucht den Kuss als ein Motiv, mit dem man die Raffinesse von Erzählstrukturen freilegen kann - und erklären kann, warum große Literatur große Literatur ist. Wann, wenn nicht am heutigen "Welttag des Kusses" ist der beste Zeitpunkt für ein Gespräch mit Peter von Matt über, wie er sagt, "Küsse, bei denen die Post abgeht".

Information

Peter von Matt: 1937 geboren, war er von 1976 bis 2002 Professor für Germanistik an der Uni Zürich. "Sieben Küsse" ist bei Hanser erschienen.





"Wiener Zeitung": Die Vorbereitung zu diesem Gespräch hat mir einen Ohrwurm beschert: "What’s in a kiss". Was ist denn drin, in einem Kuss?

Peter von Matt: Das ist ein geheimnisvolles Durcheinander, der kann überhaupt alles sein. Der Todeskuss, der verräterische Kuss, der zärtliche Kuss, der Kuss von Vater oder Mutter, der Abschiedskuss, wirklich alles. Er hat merkwürdig viele Dimensionen.

Der, zurückhaltend gesagt, überschwängliche Versöhnungskuss des Vaters mit der Tochter in "Die Marquise von O." ist wohl einer der berühmtesten und meistinterpretierten der deutschen Literaturgeschichte...

Die Szene ist gar nicht so oft interpretiert worden, weil sie so extrem ist. Eigentlich haben sich die Germanisten immer um diese Szene gedrückt. Sie steht so quer zu allem, ist skandalös und in keinster Weise einfühlbar. Sie ist eigentlich erst so richtig radikal interpretiert worden im Kontext des aufkommenden Feminismus und der psychoanalytischen Literaturbetrachtung. Man dachte: Ein Vater, der seine Tochter so küsst - da muss ein Hund begraben sein. Dann kam natürlich ein Zeitalter, in dem Männer in Verdacht geraten, und so kam es zu der These, das ist eine Vergewaltigung durch den brutalen Vater. Ich habe die Szene minutiös studiert und habe simpel gesehen, das geht nicht auf. Das geht nur auf, wenn man eine Menge Dinge, die auch erzählt werden, weglässt, zum Beispiel die Mutter (die den Vorgang völlig unverdächtig findet, Anm.). Das ist eine ganz vertrackte Sache, ganz versteht man ja den Kleist überhaupt nie. Man versteht ihn ja auch als Person nicht, was der für ein Fest draus macht, dass er sich am Schluss erschießt. Wer soll sich da einfühlen?

In mehreren der ausgewählten Kuss-Szenen gibt es religiöse Assoziationen. Bei Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" und "The Great Gatsby" in der Formulierung, bei Gottfried Kellers "Die Jungfrau als Ritter" ist gleich die Jungfrau Maria ein Kusspartner. Warum ist das so?

Wenn es um einen existenziell entscheidenden Moment geht, der ein Leben verändert, wie bei Woolf, dann stellt sich die Frage: Wie beschreibe ich das? Wenn Schriftsteller an bestimmten Stellen nicht mehr wissen, wie sie einer Sache beikommen, dann tauchen vergessene oder verschollene Bilder wieder auf. Weil man das Letzte und das Höchste eigentlich doch nur mit solchen Bildern oder Analogien beschreiben kann.

Sie zitieren eine Kuss-Definition von Grillparzer: "Auf die Hände küsst die Achtung,/ Freundschaft auf die offne Stirne,/ auf die Wange Wohlgefallen,/ selge Liebe auf den Mund; / Aufs geschlossne Aug die Sehnsucht,/ in die hohle Hand Verlangen,/ Arm und Nacken die Begierde,/ überall sonst hin Raserei." Da bleibt noch recht viel Platz am Körper für die Raserei...

Ja, das ist ja der Trick dieses Gedichts. "Überall sonst hin" zwingt den Leser je nach der Qualität seiner Fantasie, sich das auszudenken. Das ist ein ganz raffiniertes Gedicht, Grillparzer wird immer als überaltert und vorgestrig bezeichnet, aber das ist ein ganz interessanter Hund. Ich lese den immer wieder gern.

Grillparzer ist auch verantwortlich für einen der kurioseren Küsse in Ihrem Buch: Den Kuss durchs Glas, den der "arme Spielmann" erhält.

Das ist das, was der Grillparzer kann. Er kann in einer Weise seelische Vorgänge in Szenen übersetzen, in denen es eine ungeheure symbolische Dichte gibt. Rein äußerliche Verhaltensweisen reißen da ganze Zusammenhänge auf: Wie dieser arme Spielmann in diesem jämmerlichen Dachboden mit zwei, drei Lümmeln zusammenlebt, die eine große Schweinerei anrichten. Er zieht einen Kreidestrich, auf der einen Seite lebt er in peinlicher Ordnung und auf der anderen Seite diese beiden Hallodris - da merkt man, das ist ein großer Erzähler.

Und wieso ist der Kuss durchs Glas Beweis für große Erzählkunst?

Der steht für das ganze Schicksal dieses Mannes, der immerzu scheitert. Er ist nicht der Hellste, aber so dumm ist er auch nicht, er ist einfach den Anforderungen nie ganz gewachsen. Er wird übers Ohr gehauen, weil er ein guter Mensch ist, er ist eigentlich ein säkularisierter Heiliger.


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Schlagwörter

Literatur, Kuss, Kleist, Grillparzer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-05 15:45:09
Letzte nderung am 2017-07-06 08:10:12



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