• vom 06.07.2017, 08:18 Uhr

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Update: 06.07.2017, 08:29 Uhr

Ingeborg-Bachmann-Preis

Kämpferische Eröffnungsrede von Franzobel




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Von WZ Online, APA

  • "Literatur ist Kampf! Kampf für Unterdrückte, für unangenehme Wahrheiten, unkonventionelles Denken, neue Formen, das Unmögliche."

Der Festredner Franzobel bei der Eröffnung der "41. Tage der deutschsprachigen Literatur" am Mittwoch, 5. Juli 2017, im ORF-Landesstudio Kärnten in Klagenfurt

Der Festredner Franzobel bei der Eröffnung der "41. Tage der deutschsprachigen Literatur" am Mittwoch, 5. Juli 2017, im ORF-Landesstudio Kärnten in Klagenfurt© APAweb / Gert Eggenberger Der Festredner Franzobel bei der Eröffnung der "41. Tage der deutschsprachigen Literatur" am Mittwoch, 5. Juli 2017, im ORF-Landesstudio Kärnten in Klagenfurt© APAweb / Gert Eggenberger

Klagenfurt/Wien. Mit einer kämpferischen Rede hat der Schriftsteller Franzobel die Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet. "Literatur ist Kampf - gegen die Verdummung, Herzlosigkeit. Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher", sagte der österreichische Autor am Mittwochabend in seiner "Klagenfurter Rede zur Literatur 2017".

Unter dem Titel "Seelenfutter oder das süße Glück der Hirngerichteten" setzte sich der Bachmann-Preisträger des Jahres 1995, der zuletzt den viel beachteten Roman "Das Floß der Medusa" veröffentlicht hat, im ORF-Theater in Klagenfurt mit der Bedeutung von Literatur in unserer Zeit auseinander.

Franzobel zeigte sich zur Zukunft der Literatur zunächst pessimistisch

"Alles verändert sich. Die Literatur so sehr, dass einem die Augen rausspringen. In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift", übte sich Franzobel - beziehungsweise sein zum Zeugen angerufener "Freund Grünlich" - zunächst in Pessimismus. "Lange dachte ich, der Sinn der Literatur wäre es, gegen die eigene Vergänglichkeit anzuschreiben, etwas zu schaffen, das Generationen überdauert", so der Autor. "Heute glaube ich nicht mehr an diese Möglichkeit. Die Sprache ändert sich, und verstanden wird immer nur das, was man verstehen will, was mit dem eigenen Weltbild in Einklang steht. Nichts überlebt. Alles ist vergänglich, auch ein Text."

Die Welt warte nicht auf neue Texte, die Literatur sei ein Nischenmarkt. "Es hat ja niemand mehr Zeit zum Lesen - zumindest für nichts, das länger ist als eine Facebook-Statusmeldung oder eine Whatsapp-Nachricht. Der Vereinswechsel eines Zweitligaspielers bekommt wesentlich mehr Öffentlichkeit als der neue Roman eines Bachmannpreisträgers, von dem der Durchschnittsbürger wahrscheinlich gar nicht weiß, was das ist."

"In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung"

Andererseits werde es "immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung", so der Autor, der sich in seiner Rede auch mit Ibsen, Edgar Allen Poe oder Nietzsche beschäftigte.

"Da werden Billiarden für Rüstung ausgegeben, fehlt aber angeblich Geld für Bildung. Aus Profitgier und Hegemonialstreben werden die Kyoto-Protokolle zum Klimaschutz ebenso ignoriert oder umgangen wie sämtliche Menschenrechtschartas. Jährlich ertrinken 5.000 Flüchtlinge im Mittelmeer, noch immer verhungern Kinder oder fehlt es ganzen Völkern an Medikamenten, Wasser, Grundnahrungsmitteln. Wir alle wissen das - diese ungeheuerliche Verlogenheit", doch die Welt sei "merkwürdig unpolitisch geworden, selbst die Politik ist zu einem Dschungelcamp verkommen, in dem es nur noch um Entertainment mit Grauslichkeiten geht".

Franzobel glaubt an das Gute im Menschen

Immer noch glaube er "aus ganzem Herzen unerschütterlich an das Gute im Menschen. Aber die moderne Welt zerseelt, entfremdet und macht uns zu nachgemachten Menschen. Selbst der Teufel braucht heute keine angebluteten Verträge mehr, er versteckt seinen Seelenkauf einfach in den Einverständniserklärungen mit Nutzungsbedingungen, die wir alle ständig gutgläubig ungelesen anklicken."

Doch "Literatur ist Kampf! Kampf für Unterdrückte, für unangenehme Wahrheiten, unkonventionelles Denken, neue Formen, das Unmögliche." Literatur habe "die Verantwortung, sich für Unterdrückte einzusetzen, auch für unterdrückte Wahrheiten. Und sie hat die Verantwortung, sich einzulassen auf die Welt. Literatur kann das. Sie hat Substanz und Relevanz - und die machtversessenen, kaltherzigen, verlogenen Betonköpfe wissen und fürchten das. Mehr als tausend Autoren, der PEN-Club hat sie aufgelistet, sind derzeit inhaftiert. Viele davon in Staaten wie Eritrea, Burma, Uganda, auf die unsere Wahrnehmung kaum je fällt, andere in Ländern, die Hauptrollen im internationalen Staatengefüge spielen: China, Saudi-Arabien, Russland. Schon in der Türkei säße ich für eine Rede wie diese wahrscheinlich im Gefängnis - und Sie auch, wenn Sie am Ende klatschen", sagte Franzobel, während draußen vor dem ORF-Theater ein schweres Gewitter heraufzog.

Gegen "Hinrichtungen und Hirnrichtungen" müsse unermüdlich angeschrieben werden, denn Literatur habe "die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-06 08:26:56
Letzte nderung am 2017-07-06 08:29:29



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