• vom 07.07.2017, 14:23 Uhr

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Update: 07.07.2017, 14:30 Uhr

Literatur

Flucht in den Reigen




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Von Gerhard Strejcek

  • Der österreichische Schriftsteller Friedrich Torberg analysiert im Roman ". . . und sie glauben, es wäre die Liebe" die Jugendkultur vor Hitlers Machtergreifung.

Vor dem Umsturz: Wiener Jugend um 1932. - © ullsteinbild-Imagno/Photoinst. Bonartes

Vor dem Umsturz: Wiener Jugend um 1932. © ullsteinbild-Imagno/Photoinst. Bonartes



Adoleszente Selbstfindung und spätpubertäre Beziehungs-Dialoge standen bei Torbergs "Zweitling" aus dem Jahr 1932, ". . . und glauben, es wäre die Liebe", im Vordergrund. Obwohl der in Prag geborene Wiener Autor ein sensibles Thema aufgegriffen hatte, geriet das etwas sperrig betitelte Werk bald in Vergessenheit. Dies geschah zu Unrecht, wie man nach Lektüre der gereiften und eine Weiterentwicklung des Autors indizierenden Texte feststellen kann. Nachdem die von David Axmann beim Münchner Langen Müller Verlag besorgte Torberg-Edition nur noch antiquarisch erhältlich ist, wurde der vorliegende Band neben anderen ("Hier bin ich, mein Vater") beim Josefstädter Milena-Verlag 85 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen neu aufgelegt.

Acht junge Menschen, zwei Frauen und sechs Männer, beschreiben ihre Erlebnisse und Sehnsüchte aus ihrer subjektiven und vorurteilsbehafteten Sicht. Sie betrachten einander misstrauisch durch die Brille noch nicht ausgereifter Erwartungen, die durch sexuelle Erlebnisse befeuert werden.


Experimentelles Genre
Sensibel verfasst und mit originellen Wendungen versehen, stand der Tagebuch- und Briefroman neuen Typs Anfang der 1930er Jahre als hoch modern da. Der Autor zählte damals erst zarte dreiundzwanzig Lenze und war bereits durch seinen Schüler-Roman "Der Schüler Gerber hat absolviert" in den Kreis der von ihm hymnisch verehrten Schriftsteller aufgestiegen. Mit dem Wechsel zu einem experimentellen Genre überwand der Autor den gefährlichen Schaffensknick, der einer erfolgreichen Premiere oft auf den Fuß folgt.

Die Rezensenten vom "Tagblatt" attestierten dem Wassersportler und zeitweiligen Schulversager Talent und eine erstaunliche "Frühreife", worin doch einiger Sarkasmus lag. Heute erscheint Vieles in Torbergs Werk als logische Folge der Psychoanalyse - und das Alter der Figuren im Verhältnis zu ihren Erlebnissen leicht überhöht. Hier agieren junge Erwachsene wie Teenager der Jetztzeit, freilich vor einem anderen Erziehungs- und Bildungshintergrund und mit einer grundlegend anderen Jugendsprache, als sie heute üblich ist.

Die bibliophile Ausgabe, die von der Designer- und Grafikwerkstatt "BoutiqueBrutal" sensibel und geschmackvoll ausgestattet wurde, lässt den Leser nicht allein mit dieser Beobachtung. Zum besseren Verständnis der Zeit- und Publikationsumstände verhilft das tief schürfende Nachwort von Peter Zimmermann. Es gibt Aufschluss über die Hintergründe der episodenhaften Darstellungen und die Motive, warum sich Torberg des Gefühlslebens von jungen Erwachsenen annahm. Ganz neu war diese Zielgruppe für Literaten auch damals nicht. Reisen in das Innere von einstigen Schülern und gereiften Männern anlässlich eines Maturatreffens hatte schon Franz Werfel in seinem "Abituriententag" (1927) thematisiert, drei Jahre nach Torberg kam Ödön von Horváth mit seiner "Jugend ohne Gott" heraus.

Vergleicht man die Werke, so fällt die Unterbelichtung des politischen Elements und der Blick aufs Analytische bei Torberg auf. Schon in zeitgenössischen Rezensionen kam Kritik an der Weglassung der historischen Rahmenbedingungen und der dadurch bewirkten Implikationen für die Beziehungen junger Menschen auf. In Österreich knapp vor dem Ende der Ersten Republik wie in der Weimarer Republik befanden sich viele Jugendliche im Umbruch. Kaum einer unter ihnen konnte sich der Radikalisierung und den autoritären Tendenzen entziehen.

In Torbergs Figuren wird die Polarisierung zart angedeutet, etwa im Gegensatz zwischen aufgeschlosseneren und wertkonservativen Erziehungsmodellen, doch der Autor modellierte keine radikalen oder libertinistischen Charaktere. Gemessen an verbreiteten Trends wie dem Jazz und der großen Fitnesswelle der späten Zwanzigerjahre wirken die Mokkakränzchen Torbergs nahezu altmodisch.

Vermutlich trugen die sechs jungen Männer schon Uniformen einer paramilitärischen Gruppe oder sympathisierten mit den "revolutionären" Strömungen von links und ganz rechts. Aber das focht Torberg nicht an, und so merkt der Leser kaum, dass bereits Mussolini in Italien mit den Rutenbündeln der Faschisten herrschte und Hitler in Berlin trotz sinkender Wahlerfolge der NSDAP an seiner perfiden Machtübernahme feilte, während Dollfuß in Österreich an der Quadratur einer austrofaschistischen Diktatur in einem Ständestaat katholisch-konservativer Prägung arbeitete. Jugendlichen, die hier abseits bleiben wollten, blieb oft nur die Flucht in den damals boomenden Alpinismus.

Privates Schein-Idyll
Doch diese Flucht, die dem Verstecken in einer Beziehungskiste, einem Rückzug ins private Schein-Idyll oder einem frühsommerlichen Reigen an Ausschweifungen gleichkam (folgt man Torberg), währte nicht lange. Schon standen jene Diktatoren, deren Opfer und Kanonenfutter gerade diese Generation werden sollte, knapp vor der Machtergreifung, und jene rumorten in den Startlöchern, die den Umsturz für trübe Experimente des Folter- und Polizeistaates nutzen wollten. Das Erscheinungsjahr des zweiten Torberg-Romans war das letzte "demokratisch verfasste" in beiden deutschsprachigen Ländern.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-07 14:27:06
Letzte ńnderung am 2017-07-07 14:30:07



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