• vom 07.07.2017, 18:00 Uhr

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Gebundene Hände




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Von Oliver vom Hove

  • Der österreichische Autor Leo Perutz fasziniert in seiner Romanphantasie "Zwischen neun und neun" mit skurrilen Szenen und herrlichem österreichischem Deutsch. Eine Wiederentdeckung.

Suggestivkraft: Leo Perutz (1882-1957).

Suggestivkraft: Leo Perutz (1882-1957).© Paul Zsolnay Verlag (Ausschnitt) Suggestivkraft: Leo Perutz (1882-1957).© Paul Zsolnay Verlag (Ausschnitt)

Wien vor exakt hundert Jahren: Ein junger Mann betritt einen kleinen Gemischtwarenladen und lässt sich ein Butterbrot sowie einige Scheiben Wurst geben. Er lungert herum und macht die Greißlerin misstrauisch. Doch als er geht, fehlt nichts.

Später sitzt derselbe junge Mann im Liechtensteinpark und lässt sich von einem ungezügelten Hund Brot und Wurst wegschnappen, ohne dass er die Hände abwehrend eingesetzt hätte.

Information

Leo Perutz
Zwischen neun und neun
Roman. Hrsg. u. Nachwort: Hans-Harald Müller. Zsolnay, Wien 2017, 237 Seiten, 24,70 Euro.

Ist er ein Spieler? Ein Luftikus? Ein Gaukler mit handfesten Bällen der Wirklichkeit? Es stellt sich bald heraus: Der junge Mann ist liebeskrank. Seine Angebetete ist dabei, ihn wegen eines gutsituierten Schnösels zu verlassen. Nach Venedig will diese Sonja mit ihrem neuen Verehrer, und schon am Abend gedenken die beiden abzureisen. Das sucht Stanislaus Demba - so heißt der verzweifelte Student - zu verhindern, indem er auf die Schnelle, zwischen morgens neun Uhr und abends neun, ein Gegenangebot aufzubieten sucht.

Seltsames Verhalten



Freilich, noch fehlt die materielle Grundlage für das Vorhaben. Eine rasante Jagd auf Geld beginnt - und alles aus Liebeskummer. Demba, der als Nachhilfe- und Hauslehrer wenig verdient, sucht Freunde, Bekannte, Schuldner auf, um die erwünschte Summe aufzutreiben. Doch überall fällt er durch sein seltsames Verhalten auf: Er hält seine Hände unter einem weiten Paletot verborgen, zeigt sie niemals her. Ist er verletzt? Hat er einen Ausschlag? Hält er unter dem Mantel gar einen Revolver verborgen?

Das Rätsel bleibt auch für den Leser lange aufrecht. Erst im achten Kapitel des Romans enthüllt der Getriebene gegenüber seiner Vertrauten Steffi die Wahrheit: Er ist mit Handschellen gefesselt, nachdem er versucht hatte, ein wertvolles Buch, das er aus der Bibliothek entwendet hatte, zu verkaufen. Der Polizei, die ihm die stählernen Fesseln angelegt hatte, entkam er in abenteuerlicher Flucht durch ein Dachfenster. Doch mit gefesselten Händen kann er kein Geld aufnehmen, weshalb alle diesbezüglichen Versuche kläglich scheitern. So gilt für ihn fortan, die Handschellen loszuwerden. Alle Versuche Steffis, die Fesseln mit Schlüsseln zu öffnen, schlagen fehl.

Perutz sucht hier sein Erzählpersonal nicht in den gehobenen Ständen, nicht beim Adel oder bei dem durch Reichtum gehobenen Bürgertum, sondern bei den Bürofräuleins und schreibenden Angestellten, bei kleinen Anwälten und Vertretern.

Der Autor wählte für seinen Romanknüller eine traditionelle Erzählweise, samt allwissendem Erzähler und heimatfilmreif ausgeschmückten Dialogen. Formal zeigt sich das Buch daher eher überraschungsarm - es bezieht seine Suggestivkraft ganz aus der zugespitzten Spannung des abenteuerlichen Stoffs und der klaustrophobischen Bedrängnis des kauzigen Protagonisten. Dessen Einfälle, seine missliche Situation zu verbergen, sind ebenso aberwitzig wie zeittypisch: Im vorletzten Kriegsjahr 1917, als der Roman entstand, gerieten alle vertrauten Sicherheiten des bürgerlichen Lebens ins Wanken. Es ist die Zeit, in der auch Kafka die Lebensnot des aufs äußerste bedrängten Einzelgängers festhält.

Der finale Showdown in "Zwischen neun und neun" bringt die wahren Gefühlsverhältnisse ans Licht: Der angehimmelte Liebhaber Sonjas, ein "Ringstraßenaff", wie er im Buch steht, leugnet in höchster Not voll Feigheit seine Hinwendung zu der jungen Frau, und der rasend eifersüchtige Student Stanislaus Demba muss sich ernüchtert eingestehen, das er sich für die falsche Braut aufgerieben hat.

Verführerische Sprache

Perutz verführt sprachlich durch ein herrliches österreichisches Deutsch, das dankenswerterweise in dieser Neuausgabe mit wieder aufgelegtem Originaltext vollständig erhalten ist ("noch einige Wege haben", "mir war bang nach dir", "Tadelzettel" für schlechte Schüler etc).

Das Ende des Romans indes ist arge Kolportage, nicht würdig des vorher Erzählten. Dem vor skurrilen Szenen und bizarren Einfällen irrlichternden Erzählstoff soll plötzlich eine Wendung ins Hochdramatisch-Tragische abgenötigt werden. Gottlob nimmt das Umschlagbild diesen künstlerisch unschlüssigen Schluss nicht auf, sondern überführt ihn mit augenzwinkernder Ironie in das köstlich raffinierte Genrebild einer biedermeierlichen Dachlandschaft, traulich unwirklich. Wenigstens das.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-07 14:30:11
Letzte nderung am 2017-07-07 14:53:54



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