• vom 14.07.2017, 15:00 Uhr

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Von Manuel Chemineau

  • Die Schriftstellerin und Literaturtheoretikerin Germaine de Staël wirkte auch in die Politik hinein. Am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, jährt sich ihr Todestag zum 200. Mal.



Madame de Staël (1766-1817).

Madame de Staël (1766-1817).© Ullsteinbild-Heritage Images/Fine Art Images Madame de Staël (1766-1817).© Ullsteinbild-Heritage Images/Fine Art Images

Wie jedes Jahr am 14. Juli begeht Frankreich auch heuer wieder den Nationalfeiertag. Ein Tag, der an ein hochsymbolisches Ereignis der Französischen Revolution, den Sturm auf die Bastille, erinnert, an den Kampf gegen den
Absolutismus - und die Geburt der Nation.

Heuer gedenkt man am selben Tag zugleich einer der einflussreichsten Frauen jener Zeit: Germaine de Staël. Als Schriftstellerin schrieb sie Romane, prägte aber auch die Kultur- wie Literaturtheorie mit ihrem Buch "De l’Allemagne" (Über Deutschland), das maßgeblichen Einfluss auf die Entdeckung der deutschen Romantik in Frankreich hatte.

Information

Manuel Chemineau, geboren in Paris, lebt in Wien. Kulturhistoriker, Literaturwissenschafter und Übersetzer, unterrichtet an der Universität Wien.

Ihr Wirken reichte aber bis in die Politik und Gesellschaftsanalyse hinein: Sie reflektierte scharfsinnig über die Ereignisse, die sie erlebte, und griff gleichsam in das politische Geschehen ein. Sie kann als Feministin bezeichnet werden, da sie in ihren Schriften auf die sozialen Barrieren, denen die Frauen ausgesetzt waren, hinwies.

Ihr Vater, Jacques Necker, ein Schweizer Financier und Geschäftsmann, war mehrmals "Finanzminister" des Königs Ludwig XVI. und machte blühende Geschäfte unter anderem dadurch, dass er der Krone, deren Finanzen er verwaltete und reformieren wollte, Geld lieh.

Intellektuelles Umfeld

Germaines Mutter, Madame Necker, geborene Curchod, Tochter eines strengdevoten calvinistischen Geistlichen, hatte in Paris einen berühmten Salon, in dem die schillerndsten Figuren der Aufklärung ihre Ideen im Bereich der Philosophie, Naturgeschichte und Wissenschaft austauschten und ausfeilten. Die Salons waren Glanzstätte der gelehrten Konversation, wo sich unter der Schirmherrschaft einer reichen Frau einmal in der Woche (jeder Salon hatte seinen fixen Tag) die intellektuelle Elite traf. Als quasi Institutionen stellten sie einen unverzichtbaren Bestandteil für die Verbreitung und die Diskussion der Konzepte und Ideen der Aufklärung dar, die unsere heutige Welt noch maßgeblich prägen.

In diesem Umfeld wuchs die hochbegabte, in Paris geborene, Germaine Necker auf, einerseits umgeben von den Künstlern, Philosophen und Wissenschaftern der Zeit und andererseits im unmittelbaren Wirkungskreis der politischen und ökonomischen Aktivitäten ihres Vaters, der zahlreiche Schriften zur Reform der Wirtschaft und zur Rettung der Finanzen des Königreichs Frankreich verfasste und außerdem ein pragmatischer Geschäftemacher wie gelehrter Theoretiker war. So konnte sie einen natürlichen Umgang mit den großen Köpfen ihrer Zeit erlernen und entwickelte gleichzeitig ein Interesse für die Wirtschaft und politische Ökonomie sowie tiefgehende Kenntnisse in diesen Bereichen.

Der brillante Vater, der trotz des Umstandes, dass er weder Franzose noch Katholik war, die höchsten Ämter bekleidete, war zeit ihres Lebens die große Leidenschaft von Madame de Staël. Darüber hinaus war er auch der Garant für ihre finanzielle Unabhängigkeit. Mit dem Familiengeld konnte sie später ein möglichst freies Leben führen, Einfluss auf die Politik üben, ihren Freunden unter die Arme greifen und ihnen Ämter verschaffen.

Eines hatten die reichen Neckers aber nicht: einen Adelstitel. Erst später konnten sie einen erwerben, zusammen mit dem Kauf des Schlosses Coppet in der Schweiz. Fürs Erste wurde daher die junge Germaine mit dem Baron von Staël-Holstein verheiratet, der auch schwedischer Botschafter in Paris war, und den alle als durchaus mittelmäßig und seiner jungen Frau intellektuell weit unterlegen beschrieben. Über ihn sagte sie selbst später: "Von allen Männern, die ich nicht mag, ist de Staël mir der liebste." Was ihre äußere Erscheinung betrifft, ist es ein Leitmotiv bei den Zeitgenossen, sie eher als unattraktiv zu beschreiben, wobei als Ausgleich stets auf ihre Intelligenz hingewiesen wird. So war sie im vorrevolutionären Paris der Aufklärung stark umworben worden, wobei die Perspektive einer saftigen Mitgift sicher auch eine Rolle spielte.

Von nun an wird sie ungeachtet ihrer unglücklichen Ehe zahlreiche aventures haben und die Liebschaften mit ausführlicher Korrespondenz in einem sehr theatralischen Stil dokumentieren: Louis de Narbonne, Benjamin Constant, Talleyrand, um nur einige zu nennen.

Es sind hochliterarische Leidenschaften, die sie mit diesen Männern auslebt. Denn Madame de Staël scheint vor allem die Liebe zu lieben und sieht sich gerne als Romanheldin, in deren Innerem Ratio und Passion einander bekämpfen. So macht sie diesen Konflikt sowie die Unmöglichkeit, Liebe offen auszuleben, zum zentralen Thema ihrer Romane "Delphine" und "Corinne" sowie der Abhandlung "De l’influence des passions sur le bonheur".

Literaturtheorie

Ihre Romanfiguren sind Frauen von Genie, die durch die sozialen Gegebenheiten in ihrer Entfaltung gehindert werden, und deren Existenz ein trauriges Ende findet. Sie werden zu ihrer Zeit als radikale feministische Erzählungen aufgefasst.

Die vielseitige Germaine de Staël zeigt sich auch als innovative Literaturtheoretikerin. In ihrem Essay "De la littérature considérée dans ces rapports avec des institutions sociales" (Von der Literatur im Zusammenhang mit sozialen Institutionen) ebnet sie den Weg für eine Literaturkritik, die in der Deutung der Werke auch die gesellschaftlichen, kulturellen und geographischen Einflüsse berücksichtigt. Dieser Ansatz wird im 19. Jahrhundert zum Teil auch bis heute seine Anhänger finden, wie etwa bei Sainte-Beuve bis hin zur modernen biographischen Methode der Textanalyse. Mit ihrem lebensgeschichtlichen oder milieutheoretischen Ansatz zeigt sie sich in der Tat als deren Vordenkerin.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-14 13:33:13
Letzte ─nderung am 2017-07-14 14:20:34



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