• vom 15.07.2017, 12:00 Uhr

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Update: 17.07.2017, 16:13 Uhr

Porträt

Floridsdorf an der Copacabana




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Von Martina Farmbauer

  • Wiener Spuren in Rio de Janeiro: Ein Besuch bei Victor Klagsbrunn, der - vermittelt über den Schriftsteller Erich Hackl - auf seine österreichischen Wurzeln aufmerksam wurde.

Wie viele Leben passen in ein Leben? - Victor Klagsbrunn sagt: "Viele". - © Farmbauer

Wie viele Leben passen in ein Leben? - Victor Klagsbrunn sagt: "Viele". © Farmbauer



Der Besuch bei Victor Klagsbrunn in Copacabana beginnt mit Kaffee und Büchern - über Immi-gration, Exil und von Erich Hackl. Der österreichische Schriftsteller hat Victor und der Familie Klagsbrunn eine Erzählung in dem Band "Drei tränenlose Geschichten" (Diogenes, 2014) gewidmet. Victor Klagsbrunn hat die Bücher in dem geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer mit der großen Fensterfront schon vorbereitet, gestapelt und ausgebreitet.

Information

Literatur:
Kurt Klagsbrunn. Fotograf im Land der Zukunft.: Mit Beiträgen von Erich Hackl und Klaus Honnef. Herausgegeben von Barbara Weidle und Ursula Seeber. Mitarbeit: Victor und Marta Klagsbrunn. Weidle Verlag, 2013

Erich Hackl: Drei tränenlose Geschichten. Diogenes, 2014

- : Als ob ein Engel: Erzählung nach dem Leben. Diogenes, 2007

Martina Farmbauer
lebt als Journalistin in Rio de Janeiro.

"Sitzt du bequem?", fragt er. Neben mir auf dem Sofa ist ein Foto von Kurt Klagsbrunn aufgestellt, das, wie Victor sagt, gerade von einer Ausstellung zurückgekommen ist. Ein Bub schaut sehnsüchtig von einer Treppe auf die Erwachsenen hinunter. Victor Klagsbrunn holt zwei Bildbände über seinen Onkel Kurt: Das eine Exemplar ("Refúgio do olhar: a fotografia de Kurt Klagsbrunn no Brasil dos anos 1940") ist in Brasilien erschienen, der andere Band (Kurt Klagsbrunn: "Fotograf im Land der Zukunft") in Deutschland und Österreich. Die Themen im Gespräch mit Victor überkreuzen sich. Das ist zwar typisch brasilianisch, dass Unterhaltungen nicht unbedingt linear laufen, aber es stellt sich auch die Frage: Wie viele Leben passen in ein Leben?

Dokumentarist Kurt

"Viele", sagt Victor Klagsbrunn. Seine Großeltern Leo und Fritzi Klagsbrunn sind vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Brasilien geflohen; Victor und seine Frau Marta führte die Flucht vor der Militärdiktatur in Brasilien von Rio nach Chile, Argentinien, Rom und schließlich Berlin. Und er verwaltet das Erbe seines Onkels Kurt Klagsbrunn, des humanistischen Fotografen und großen Dokumentaristen Rio de Janeiros der 1940er bis 1960er Jahre. Rio war damals die Hauptstadt Brasiliens, bevor es von Brasília abgelöst wurde.

Ausrüstung und Material waren so teuer, dass die meisten Fotografen, die hier tätig waren, aus dem Ausland stammten, wie eben auch Kurt Klagsbrunn, der 1918 in Wien geboren wurde und 1937 mit seinen Eltern und seinem Bruder Peter in Rio de Janeiro ankam. 200.000 Fotos, Dias, Negative und Kontaktabzüge Kurts, der auch schon Fotos aus Wien nach Rio mitgebracht hat, lagern noch in dessen ehemaligem Wochenendhaus in den Bergen hinter Rio de Janeiro.

Victor hat sich am Wochenende nicht ausgeruht, sondern wieder einmal Fotos gesucht, um die man bei ihm angefragt hat, diesmal für ein Museum in Deutschland. Und hat sich dabei selbst als Achtjährigen auf einem Foto bei der Grundsteinlegung der Synagoge der deutschen und österreichischen Juden in Rio gefunden. Victor Klagsbrunn lacht, als er davon erzählt. Nicht, dass der jüdische Glaube für ihn von übermäßiger Bedeutung wäre. Aber Victor freut sich über den Fund, denn das Verhältnis zu seinem Onkel war zu Lebzeiten zwiespältig gewesen. So menschenfreundlich seine Fotos erscheinen, so unzugänglich war Kurt als Mensch. Das "Museu de Arte do Rio" (MAR) hat dem Fotografen Kurt Klagsbrunn im vergangenen Jahr eine Ausstellung gewidmet, die Victor und seine Frau Marta kuratiert haben. Kurt würde im kommenden Jahr 100 werden.

Victor Klagsbrunn hat denn auch nicht gleich verstanden, dass es bei unserem Gespräch um ihn gehen soll - und nicht um seinen Onkel. Dabei hat Victor selbst viel zu erzählen, unabhängig davon, dass er Karriere als Wirtschaftswissenschafter gemacht hat. Zuerst war er Assistent und dann Professor an der "Universidade Federal Fluminense" (UFF), zudem ist er Präsident der "Associação de Ex-Bolsistas da Alemanha" (AFBA), des Verbandes ehemaliger brasilianischer Stipendiatinnen und Stipendiaten in Deutschland. Und es mag erstaunen, aber - vielleicht, weil er es von seinen Eltern so gewohnt ist - Victor Klagsbrunn geht davon aus, dass solch ein bewegtes Leben "normal" ist - was auch immer das bedeuten mag.

"Die meisten Leute bekommen nicht diesen Eindruck, weil ihr Leben nicht dokumentiert wird. Ich hatte das Glück, dass der Erich versucht hat, darüber zu schreiben", sagt Victor. "Und ich habe auch Bilder, sie bringen Geschichte hinein." - "Der Erich" ist der Schriftsteller Erich Hackl, der der Familie Klagsbrunn den "Vorschein einer Geschichte" in "Drei tränenlose Geschichten" gewidmet hat. Der Titel bezieht sich auf einen Brief, den seine Studienkollegin Eva Rhoden Kurt Klagsbrunn geschrieben hat. Er endet damit, dass sie und ihre Schwester "sehr tränenlos" aus Wien weggegangen seien.

Die Geschichte beginnt mit einem Foto, das Hackl beschreibt: Ignaz Klagsbrunn mit Ehefrau und elf Kindern, unter ihnen Victors aus- beziehungsweise eingewanderter Großvater Leo vor ihrer Floridsdorfer Villa. "Ich habe das Foto im Computer, möchtest du es sehen?", fragt Victor Klagsbrunn.

Victor hatte auch Glück, weil er seine österreichischen Wurzeln lange Zeit fast nicht gekannt hat. "Ich habe über die Familie meines Vaters nicht viel gewusst, er ist früh gestorben", als Victor Klagsbrunn gerade einmal sechs Jahre alt war. "Meine Mutter hat uns großgezogen" - ihn und seine Schwester Vera. Doch die Mutter war eine Deutsche aus Berlin. "Und als meine Großmutter gestorben war, ging der Zugang zu Österreich völlig verloren."


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Dokument erstellt am 2017-07-14 13:42:06
Letzte ─nderung am 2017-07-17 16:13:48



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