• vom 15.07.2017, 15:00 Uhr

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Update: 16.07.2017, 09:02 Uhr

Philosophie

Teils Theologie, teils Marxismus




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Von Nikolaus Halmer

  • Vor 125 Jahren wurde der Philosoph, Philologe und Schriftsteller Walter Benjamin geboren.



Walter Benjamin (15. 7. 1892 - 27. 9. 1940).

Walter Benjamin (15. 7. 1892 - 27. 9. 1940).© Ullstein Bild Walter Benjamin (15. 7. 1892 - 27. 9. 1940).© Ullstein Bild

Das Denken Walter Benjamins sprengt die Grenzen fachphilosophischer Reflexion. Es bewegt sich in einer intellektuellen "Sonderwelt", die vom barocken Trauerspiel über die französische Literatur und Philosophie des 19. Jahrhunderts bis zur jüdischen Theologie und marxistischen Theorie reicht. Benjamin war davon überzeugt, dass dogmatisch-philosophische Systeme das Eigentliche der menschlichen Existenz verfehlen. Er interessierte sich weniger für Hegels triumphalen Weltgeist - "den Sieger der Geschichte" -, sondern mehr für allegorische Gestalten wie "das bucklicht Männlein, den Lumpensammler, und den Engel". Sie stehen für das Randständige, Absonderliche der Existenz, für die Rehabilitierung des Nebensächlichen und für die Hoffnung auf die Erlösung durch den Engel der Geschichte, von dem der jüdische Messianismus kündet.

Information

Literaturhinweise
Lorenz Jäger: "Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten". Rowohlt, Berlin 2017, 395 Seiten, 27,80 Euro.
Die Werke von Walter Benjamin sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Zurzeit entsteht dort eine neue, auf 21 Bände angelegte Kritische Gesamtausgabevon Benjamins Schriften.

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Benjamin verstand sein philosophisches Projekt als "rettende Kritik"; er war davon überzeugt, die Dinge vor ihrem Vergessen, die Werke vor ihrem Absterben, die Geschichte und die menschliche Erfahrung vor ihrer Verwüstung zu retten, um so als Archäologe die herrschende Sichtweise einer Epoche zu dekonstruieren.

Privilegierte Kindheit

Geboren wurde Walter Benjamin als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie am 15. Juli 1892 in Berlin. Seine Eltern befreiten das sensible Kind vom Zwangskollektiv der Schule; es wurde privat unterrichtet. Schon damals empfand Benjamin seine Rolle als Außenseiter, die ihn zeit seines Lebens begleitete: Früh kultivierte er seine Einsamkeit, den Hang zur Träumerei und das Gefühl für die Brüchigkeit der Dinge. So heißt es in einem Jugendgedicht: "Sieh am Rande des ungeheuren Abgrunds, steht in wandelloser Ruhe, einer einsam, abseits von der Lebensstraße".

Erst im Alter von 12 Jahren besuchte Benjamin das Gymnasium und studierte danach Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Freiburg und Berlin. 1919 promovierte er mit einer Arbeit über den "Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik", in der er seine Auffassung formulierte, Kritik sei ein "magisches Experiment am Kunstwerk": "Sie ist also in ihrer zentralen Absicht nicht Beurteilung, sondern einerseits Vollendung, Ergänzung, Systematisierung des Werks, andererseits seine Auflösung im Absoluten".

Während der Studienjahre heiratete Benjamin Dora Pollak und lernte den Philosophen Ernst Bloch und den jüdischen Religionsphilosophen Gershom Scholem kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Von Scholem, der Benjamin die Lektüre der Kabbala nahelegte, stammt auch die Beschreibung des melancholischen Privatgelehrten als junger Mann: "Es war stets ein intuitiv zu erkennender Sperrbezirk von Schweigsamkeit um ihn, (. . . ) begleitet von einer bis ins Exzentrische gehenden Geheimniskrämerei, die bei allen ihn betreffenden Dingen herrschte".

Bereits in den Studienjahren entfaltete Benjamin eine theologisch-metaphysische Theorie der Sprache, die von kabbalistischen Vorstellungen geprägt war. In der 1916 verfassten Studie "Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen" wandte er sich gegen die Auffassung, dass Sprache ein bloßes Mittel der Kommunikation sei. Vielmehr postulierte er eine ursprüngliche, "kristalline reine Sprache", die von Gott stammt und die Welt zugleich schafft und erkennt. Diese Ursprache - "die Paradiesessprache" - die Gott an Adam weitergegeben hatte, damit dieser die Tiere und Gegenstände der Welt nach ihrem Wesen benennt, ging durch den elementaren Sündenfall verloren, der darin bestand, dass die ursprüngliche Identität, die im Wort Gottes zwischen Bezeichnendem und Bezeichneten bestand, verloren ging. Die Folge war die Profanierung der Sprache, die den sakralen Charakter der göttlichen Sprache verleugnete. Die Aufgabe der Philosophie bestand nach Benjamin darin, die "Paradiesessprache", von der eine magische Energie ausging, zu rekonstruieren.

Ein ähnliches Projekt verfolgte Benjamin auf philosophischer Ebene. In seinem 1917 verfassten "Programm der kommenden Philosophie" kritisierte er den cartesianischen Dualismus von res cogitans und res extensa - die Trennung von aktivem Subjekt der Erkenntnis und dem passiven Objekt der Dingwelt. Es gehe darum, schrieb Benjamin, "die Sphäre totaler Neutralität in Bezug auf die Begriffe Objekt und Subjekt zu finden". Beispiele für die Aufhebung dieses Dualismus fand Benjamin bei "Naturvölkern der sogenannten präanimistischen Stufe, welche sich mit heiligen Tieren und Pflanzen identifizieren oder bei Wahnsinnigen, die ebenfalls sich mit den Objekten ihrer Wahrnehmung identifizieren".

Totalität der Erfahrung

Die philosophische Tradition der Aufklärung, speziell Immanuel Kant, habe diese Traditionen beiseite geschoben und die Erkenntnis privilegiert, argumentierte Benjamin. Die "kommende Philosophie", die als Theologie zu verstehen sei, müsse sich um "die konkrete Totalität der Erfahrung" bemühen, die die Aufklärung vernachlässigt habe. "Mein Denken verhält sich zur Theologie wie das Löschblatt zur Tinte. Es ist ganz von ihr vollgesogen", notierte Benjamin. "Ginge es aber nach dem Löschblatt, so würde nichts was geschrieben ist, übrig bleiben."


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Dokument erstellt am 2017-07-14 13:45:05
Letzte ─nderung am 2017-07-16 09:02:31



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