• vom 16.07.2017, 10:00 Uhr

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Veränderung als Lebenselixier




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Die deutsche Schriftstellerin Ulrike Edschmid setzt ein altes Liebespaar harten zwischenmenschlichen und gesellschaftspolitischen Bewährungsproben aus.

Vielfach ausgezeichnete Autorin: Ulrike Edschmid, geboren 1940 in Berlin.

Vielfach ausgezeichnete Autorin: Ulrike Edschmid, geboren 1940 in Berlin.



Ein Mann fällt von der Leiter und nichts ist mehr so, wie es war. Ein Wendepunkt. Halt auf freier Strecke. Die untröstlichen Vokabeln "Vorbei" und "Nie wieder" werden fortan zu seinen Gefährten. Bei dem Ort, an dem der Mann gestürzt ist, handelt es sich ausgerechnet um die neue Wohnung, die er mit der Ich-Erzählerin von Ulrike Edschmids Roman "Ein Mann, der fällt" beziehen möchte. Im Westen Berlins. Die Erzählerin versucht jetzt, den Raum zwischen dem, "was war" und dem, "was ist" auszuloten. Das macht sie in knappen Sätzen und kurzen Szenen, die das eine Mal beinahe lyrisch, dann wieder kompakt humorvoll daherkommen. Es ist ein sachter Ton, ein schöner Ton.

In vielerlei Hinsicht erinnert dieser schmale Roman der deutschen Schriftstellerin Ulrike Edschmid an jene literarischen Krankenberichte, in welchen der Protagonist langsam wieder ins Leben zurück findet, indem er sich die Welt, wie sie war, neu aneignet.

Information

Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt
Roman. Suhrkamp, Berlin 2017, 187 Seiten, 20,60 Euro.

Trauerbuch

Zu denken ist da etwa an Kathrin Schmidts mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Du stirbst nicht". Im Unterschied dazu redet bei Edschmid jedoch nicht der Mann, der gefallen ist, sondern seine Partnerin. Deswegen lässt die Rekonstruktion des Unfalls und der damit einhergehenden geänderten Umstände einen auch an die großen Trauerbücher der Gegenwartsliteratur denken, beispielsweise an Joan Didions "Das Jahr magischen Denkens" oder auch an Connie Palmens "Logbuch eines unbarmherzigen Jahres", wobei Edschmid der kühlen Analytikerin Didion näher steht als der gefühlsüberschwänglichen Palmen. Was sie hingegen mit beiden verbindet, ist die große Liebesgeschichte, die sie in diesem ihrem Krankenbericht freilegt.

Es ist eine späte Liebe, die beide Protagonisten nach einem halb gelebten Leben verbindet. Er arbeitet als Architekt und beschäftigt sich mit Stadtplanung, während sie als Journalistin, Autorin und Textilkünstlerin ihr Brot verdient. Wie immer bei Ulrike Edschmid, hangelt sich das Geschehen an ihrer eigenen Biografie entlang. Sie selbst spricht davon, dass nichts in diesem Buch mit der Wirklichkeit gleichzusetzen sei, auch wenn sich alles auf diese oder jene Weise ereignet habe.

Der schmale Roman bietet aber nicht nur eine ebenso abgeklärte wie berührende Liebesgeschichte über alle Unwägbarkeiten hinweg, sondern auch eine über den Wandel der Zeiten. Neben dem Mann und der Frau gibt es weitere Protagonisten: die Stadt Berlin nämlich sowie das Haus, in dem die beiden leben, unweit vom Bahnhof Zoo.

Feine Chronistin

Die Handlung setzt vor dem Mauerfall ein und endet nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Dazwischen hat sich das Leben des Paares grundlegend geändert - und auch das in Deutschland und in der Welt. Selbst das Haus, in dem das Paar lebt, bleibt nicht intakt. Gentrifizierung heißt das Schlagwort dazu, was nichts anderes meint, als dass sich ganze Stadtviertel neu strukturieren: heute noch sozial heikle Lage, morgen angesagtes Pflaster für neue Reiche. Veränderungen, die wohl so mancher vor seiner eigenen Haustür beobachten kann. "Alles wird anders", heißt es an einer Stelle.

Diese drei harmlosen Wörter bilden den Glutkern des Buches, dessen eigentliches Thema Veränderung als Lebenselixier ist. Dass alle ein Leben hinter sich haben, das einmal ganz anders war, gehört zu den Gewissheiten, die dieser Roman verabreicht wie süße Medizin. Ohne Veränderung kein Leben. Ulrike Edschmid beobachtet sie im zwischenmenschlichen, sozialen und politischen Gefüge.

Einer Chronistin gleich, zeichnet sie die leisen und lauten Verschiebungen im Alltag auf. Dabei beweist sie ein ebenso großes Gespür für die Feinheiten der Liebe wie für die Grobheiten der Großstadt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-14 14:00:08
Letzte nderung am 2017-07-14 14:25:13



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